Valeria griff nach ihrer Jacke.
Sie würde zu diesem Depot fahren.
Sie würde herausfinden, was ihr Vater verborgen hatte.
Und sie würde Iván zurückholen.
Doch bevor sie die Tür erreichte, leuchtete ihr Handy erneut auf.
Diesmal war es eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.
Ein Foto.
Iván saß auf einem Stuhl in einem leeren Raum. Er wirkte unverletzt, aber neben ihm lag ein Blatt Papier mit einer handgeschriebenen Forderung.
Darunter stand:
„Bring den Schlüssel zu Lager 214. Komm allein. Wenn Serrano erscheint, erfährst du nie, was mit deinem Vater wirklich geschehen ist.“
Valeria starrte auf das Bild.
Dann wählte sie Gabriels Nummer.
Er nahm nach dem ersten Klingeln ab.
„Valeria?“
„Jemand hat meinen Bruder.“
Am anderen Ende herrschte plötzlich Stille.
„Wo sind Sie?“
„In der Werkstatt.“
„Bleiben Sie dort. Ich schicke jemanden.“
„Nein. Hören Sie mir zu. Ich werde nicht zulassen, dass Ihre Männer das Ganze noch schlimmer machen.“
„Valeria, Sie wissen nicht, mit wem Sie es zu tun haben.“
„Dann erklären Sie es mir!“
Gabriels Stimme wurde scharf.
„Ich versuche gerade, Sie und Ihren Bruder am Leben zu halten.“
„Und ich versuche, meine Familie zu retten, ohne mich von Ihnen herumkommandieren zu lassen!“
Ein kurzer Moment verging.
Dann sagte Gabriel etwas, womit sie nicht gerechnet hatte.
„Ihr Vater hat mir einmal das Leben gerettet.“
Valeria verstummte.
„Was?“
„Vor zwanzig Jahren. Ich war noch nicht der Mann, den Sie heute kennen. Ihr Vater hätte damals wegsehen können. Stattdessen hat er eingegriffen und mich aus einer Situation herausgeholt, die ich selbst verschuldet hatte.“
Seine Stimme klang nun anders. Nicht wie die eines Geschäftsmannes, der einen Vertrag verhandelte, sondern wie die eines Mannes, der sich an eine Schuld erinnerte.
„Ich konnte ihm nie zurückzahlen, was er für mich getan hat“, fuhr er fort. „Und ich werde nicht zulassen, dass jemand seiner Tochter oder seinem Sohn etwas antut.“
Valeria schloss die Augen.
Sie wollte ihm nicht vertrauen.
Aber sie brauchte Hilfe.
„Wenn Sie mich belügen, Serrano, werde ich Ihnen das niemals verzeihen.“
„Das ist mir klar.“
„Und wenn Sie versuchen, mich aufzuhalten, gehe ich allein.“
„Dann werde ich dafür sorgen, dass Sie nicht allein hineingehen müssen.“
Valeria atmete langsam aus.
„Treffen Sie mich in zwanzig Minuten am alten Depot.“
„Valeria—“
Sie legte auf.
## 5. Lager 214
Das alte Depot lag am Rand des Hafengeländes, weit entfernt von den modernen Lagerhallen. Die Fenster waren staubig, die Außenwände von Salz und Regen gezeichnet.
Valeria erreichte den Eingang zuerst.
Sie hatte den Schlüssel fest in der Hand.
Eine Minute später hielt ein schwarzer Wagen neben ihr.
Gabriel stieg aus.
„Sie sind tatsächlich gekommen“, sagte sie.
„Sie haben mich angerufen.“
„Ich hätte auch meine Meinung ändern können.“
„Dann hätte ich draußen gewartet.“
Valeria sah ihn skeptisch an.
„Sie sind wirklich anstrengend.“
„Das höre ich öfter.“
Er gab einem seiner Männer ein Zeichen, draußen zu bleiben. Dann folgte er Valeria ins Gebäude.
Im Inneren roch es nach Staub, feuchtem Holz und altem Metall.
Die Schließfächer standen in zwei langen Reihen. Valeria ging direkt zu Nummer 214.
Der Messingschlüssel passte.
Mit einem leisen Klicken öffnete sich das Fach.
Darin lagen mehrere Dokumente, ein altes Diktiergerät und ein Umschlag, auf dem ihr Name stand.
Nicht die Initialen ihres Vaters.
Ihr vollständiger Name.
Valeria Cruz.
Sie nahm den Umschlag heraus.
Ihre Hände waren kalt geworden.
„Öffnen Sie ihn“, sagte Gabriel leise.
„Das ist ein Brief an mich.“
„Dann werde ich ihn nicht lesen.“
Valeria warf ihm einen kurzen Blick zu.
Zum ersten Mal an diesem Morgen schien sie ihm zu glauben.
Sie öffnete den Umschlag.
Der Brief begann mit den vertrauten Worten ihres Vaters.
Meine liebe Valeria,
wenn du diesen Brief liest, bist du vermutlich alt genug, um zu verstehen, warum ich dir damals nicht alles erzählt habe. Ich wollte dich und Iván schützen. Vielleicht war das ein Fehler.
Valeria schluckte.
Ich habe herausgefunden, dass jemand die Fahrzeuge von Gabriel Serrano für Transporte benutzt, von denen selbst Gabriel nichts weiß. Ich habe Beweise gesammelt. Doch als ich sie übergeben wollte, wurde mir klar, dass der Verräter nicht nur Zugang zu den Fahrzeugen hatte.
Er hatte Zugang zu den vertraulichsten Unterlagen des Unternehmens.
Und er kannte jeden Schritt, den ich unternahm.
Valeria las weiter.
Ich weiß nicht, wem ich noch vertrauen kann. Deshalb habe ich einen Teil der Beweise hier versteckt. Wenn du sie findest, suche nach dem Mann, der immer neben Gabriel steht, aber niemals in seinem Schatten zu verschwinden scheint.
Darunter stand ein letzter Satz.
„Der gefährlichste Verräter ist nicht derjenige, der Gabriel hasst. Es ist derjenige, der ihn glauben lässt, dass er ihn liebt wie einen Bruder.“
Valeria hob langsam den Blick.
Gabriel war blass geworden.
„Tomás“, flüsterte er.
Doch Valeria sah auf das Diktiergerät.
Sie drückte auf die Wiedergabetaste.
Zunächst knackte es nur. Dann erklang die Stimme ihres Vaters.
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