Anna atmete tief durch.

„Danke, Herr Romano.“

Als sie zur Tür ging, hielt Alexander sie noch einmal auf.

„Anna?“

„Ja?“

„Es war richtig, dass Sie mir davon erzählt haben.“

## Kapitel 9 – EIN ANDERER WEG

Die kommenden Wochen wurden für Alexander zu einer Zeit schwieriger Entscheidungen.

Er beauftragte unabhängige Fachleute damit, seine Unternehmen und deren Geschäftsbeziehungen zu überprüfen.

Er begann, sich aus illegalen Verbindungen zurückzuziehen, und besprach mit seinen Rechtsberatern, wie frühere Vorgänge aufgearbeitet werden mussten.

Es war ihm bewusst, dass diese Schritte Konsequenzen haben konnten.

Einige frühere Partner brachen den Kontakt ab.

Andere versuchten, ihn umzustimmen.

Und es gab Fragen zu seiner Vergangenheit, denen er sich nicht länger entziehen konnte.

Alexander hatte nicht plötzlich alle seine Fehler überwunden.

Er musste vielmehr lernen, für Entscheidungen Verantwortung zu übernehmen, die er früher ohne Rücksicht auf andere getroffen hatte.

Anna arbeitete inzwischen nicht mehr in der Villa. Sie hatte außerhalb des Hauses eine neue Stelle gefunden, und Alexander respektierte ihren Wunsch nach Abstand von seinen geschäftlichen Problemen.

Der Kontakt zwischen ihnen blieb dennoch freundlich.

An einem Nachmittag besuchten Anna und Sofia ihn im Garten.

Sofia kam mit einem neuen Bild auf ihn zu.

„Ich habe wieder etwas gemalt!“

Alexander nahm die Zeichnung entgegen.

Darauf waren viele Menschen in einem Garten zu sehen. Einige trugen Blumen, andere standen lachend beieinander.

In der Mitte hatte Sofia einen Mann mit einer gelben Sonne auf der Wange gezeichnet.

„Das soll wohl ich sein?“, fragte Alexander.

„Ja!“

„Und wer sind die anderen?“

„Deine Freunde.“

Alexander betrachtete das Bild lange.

Dann setzte er sich neben das Mädchen.

„Weißt du, Sofia, ich hatte früher nicht besonders viel Zeit für Freunde.“

„Warum nicht?“

„Weil ich immer gearbeitet habe.“

Sofia schüttelte den Kopf.

„Man darf nicht immer nur arbeiten.“

Alexander musste lachen.

„Das hat mir noch niemand so deutlich gesagt.“

„Doch. Ich habe es dir gerade gesagt.“

„Stimmt.“

Er legte das Bild vorsichtig neben sich.

„Vielleicht sollte ich besser auf dich hören.“

Sofia nickte zufrieden.

## Kapitel 10 – WAS SICH NACH EINEM JAHR VERÄNDERT HATTE

Zwölf Monate waren vergangen, seit Sofia Alexander Romano zum ersten Mal mit einem kleinen Pinsel überrascht hatte.

Die Villa sah von außen noch genauso prächtig aus wie damals.

Ihre hohen Fenster glänzten in der Sonne, die Marmorböden waren sorgfältig poliert, und in den großen Räumen standen weiterhin kostbare Möbel.

Aber wer Alexander länger kannte, bemerkte einen Unterschied.

Er hörte seinen Angestellten häufiger zu.

Er versuchte, Entscheidungen nicht mehr aus bloßem Misstrauen zu treffen.

Und wenn ihm etwas missfiel, bemühte er sich, seine Ungeduld nicht sofort an anderen auszulassen.

Seine geschäftliche Vergangenheit war damit nicht einfach verschwunden.

Die Neuordnung seiner Unternehmen und die Aufarbeitung früherer Entscheidungen beschäftigten ihn weiterhin.

Doch Alexander hatte aufgehört, jede Veränderung als Verlust von Macht zu betrachten.

Anna hatte inzwischen eine feste Anstellung in der Verwaltung eines großen Wohnungsunternehmens.

Mit dem regelmäßigen Einkommen konnte sie für sich und Sofia eine kleine, gemütliche Wohnung bezahlen.

Sofia besuchte weiterhin den Kindergarten und verbrachte jede freie Minute damit, neue Bilder zu malen.

Eines Nachmittags klingelten Mutter und Tochter erneut an der Tür der Villa.

Giovanni öffnete.

„Da ist ja unsere berühmte Malerin!“

Sofia lachte.

„Ist Herr Alexander da?“

„Er wartet schon im Wohnzimmer.“

Alexander stand auf, als sie eintrat.

„Was hast du heute mitgebracht?“

Sofia hielt etwas hinter ihrem Rücken versteckt.

„Eine Überraschung.“

„Darf ich raten?“

„Nein!“

Sie zog ein kleines gerahmtes Bild hervor.

Darauf war ein Mann vor einem großen Haus zu sehen. Über seinem Kopf leuchtete eine gelbe Sonne.

Unter der Zeichnung stand ein Satz, den Sofia mit Annas Unterstützung geschrieben hatte:

„Auch große Menschen brauchen manchmal jemanden, der ihnen zeigt, wie man wieder lächelt.“

Alexander las die Worte langsam.

„Das hast du für mich gemacht?“

Sofia nickte.

„Mama hat mir beim Schreiben geholfen.“

Anna lächelte.

„Sie hat mehrere Tage daran gearbeitet.“

Alexander nahm das Bild vorsichtig entgegen.

„Vielen Dank, Sofia. Es ist wunderschön.“

„Du musst es aufhängen!“

„Das werde ich.“

Er brachte es in sein Arbeitszimmer und stellte es neben die erste Zeichnung.

Eine zeigte drei Menschen vor einem Haus.

Die andere einen Mann unter einer großen Sonne.

Alexander betrachtete beide Bilder.

Er hatte früher geglaubt, dass ein voller Banktresor und die Bewunderung mächtiger Menschen ausreichen würden, um zufrieden zu sein.

Inzwischen wusste er, dass man Vertrauen nicht kaufen konnte.

Ebenso wenig wie aufrichtige Zuneigung.

## Kapitel 11 – DIE FRAGE AN DER HAUSTÜR

Als Anna und Sofia am Abend aufbrechen wollten, drehte sich das Mädchen noch einmal um.

„Herr Alexander?“

„Ja, Sofia?“

„Ich möchte dich etwas fragen.“

Er ging ein paar Schritte auf sie zu.

„Dann frag.“

Sofia betrachtete sein Gesicht.

„Bist du jetzt glücklich?“

Alexander war überrascht.

Er sah kurz in die große Eingangshalle.

An die Wände mit den kostbaren Gemälden.

An die breite Treppe und die glänzenden Böden.

Früher hätte er vermutlich sofort mit Ja geantwortet.