Und er dachte daran, wie viele Menschen in seiner Umgebung sich davor fürchteten, ihm die Wahrheit zu sagen.

„Du hättest mich fragen müssen“, sagte Alexander schließlich. „Du weißt, dass du kein Geld aus meinem Schreibtisch nehmen darfst.“

Marco nickte.

„Ich weiß.“

„Wir werden feststellen, wie viel du genommen hast, und eine Rückzahlung regeln.“

Marco senkte erneut den Kopf.

Doch Alexander sprach weiter.

„Und wir werden sehen, welche Unterstützung deine Tochter für ihre Behandlung bekommen kann.“

Marco sah ihn ungläubig an.

„Du willst mir helfen?“

„Deine Tat war falsch. Aber ich werde deswegen nicht so tun, als wäre das Leid deiner Tochter bedeutungslos.“

Marco hatte Tränen in den Augen.

„Danke, Alexander.“

Der Milliardär blickte zur kleinen Sonne auf seiner Wange.

„Vielleicht solltest du dich bei jemand anderem bedanken.“

„Bei wem?“

„Bei einem fünfjährigen Mädchen, das mehr über Menschen versteht, als ich lange verstanden habe.“

## Kapitel 4 – EIN BILD AUF DEM SCHREIBTISCH

Einige Tage später betrat Sofia wieder die Villa.

Anna hatte ihre Tochter mitgebracht, weil deren Betreuungseinrichtung geschlossen war.

Kaum hatte Sofia Alexander entdeckt, rief sie:

„Herr Alexander! Ich habe ein Geschenk für dich!“

Der Milliardär legte seine Unterlagen beiseite.

„Ein Geschenk? Für mich?“

Sofia zog ein gefaltetes Blatt Papier hervor.

Darauf hatte sie ein großes Haus gezeichnet. Vor dem Haus standen drei Menschen, umgeben von bunten Blumen.

Alexander betrachtete das Bild.

„Das sieht schön aus. Wer sind die drei?“

Sofia zeigte nacheinander auf die Figuren.

„Das ist Mama. Das bin ich. Und der Große bist du.“

Anna, die gerade hereinkam, wurde verlegen.

„Sofia, du kannst doch nicht einfach …“

Alexander unterbrach sie freundlich.

„Lassen Sie sie ruhig.“

Er wandte sich wieder dem Mädchen zu.

„Und weshalb stehe ich bei euch?“

Sofia sah ihn an, als wäre die Antwort offensichtlich.

„Weil du unser Freund bist.“

Alexander verstummte.

Er hatte unzählige Geschäftskontakte, beschäftigte viele Menschen und kannte beinahe jeden einflussreichen Unternehmer der Stadt.

Aber das Wort Freund hörte er nur selten.

„Kann ich deine Zeichnung behalten?“, fragte er.

„Natürlich!“

Alexander ging zu seinem Schreibtisch, rückte eines der kostbaren Kunstwerke zur Seite und stellte Sofias Bild an einen gut sichtbaren Platz.

„So. Jetzt kann ich es jeden Tag sehen.“

Sofia strahlte.

Anna wollte sich gerade wieder ihrer Arbeit widmen, als sie eine alte Fotografie auf dem Schreibtisch bemerkte.

Darauf war eine junge dunkelhaarige Frau zu sehen, die ein kleines Kind im Arm hielt.

„Herr Romano, darf ich fragen, wer das ist?“

Alexanders Gesichtsausdruck veränderte sich.

„Meine Frau.“

Anna war überrascht.

„Sie waren verheiratet?“

„Ja.“

Sofia stellte sich neben den Schreibtisch.

„Wo ist deine Frau jetzt?“

Alexander blickte auf die Fotografie.

„Sie ist gestorben.“

Das Mädchen wurde still.

Dann deutete es auf das Kind.

„Und das Baby?“

Alexander antwortete erst nach einer langen Pause.

„Das war meine Tochter.“

Anna spürte, dass sie ein sehr persönliches Thema berührt hatten.

„Was ist mit ihr geschehen?“, fragte sie behutsam.

Alexander senkte den Blick.

„Ich habe beide vor vielen Jahren verloren.“

## Kapitel 5 – DIE FAMILIE, DIE ER NICHT VERGESSEN KONNTE

Als die Villa am Abend wieder still geworden war, blieb Alexander allein in seinem Arbeitszimmer zurück.

Vor ihm stand das Familienfoto.

Seine Frau hatte Isabella geheißen.

Sie war eine lebensfrohe Frau gewesen, die sich wenig aus teuren Autos, großen Häusern oder gesellschaftlichem Ansehen gemacht hatte.

Als sie einander kennengelernt hatten, stand Alexander noch am Anfang seiner Karriere.

Er wollte ein erfolgreiches Unternehmen aufbauen und seiner Familie ein gutes Leben ermöglichen.

Doch mit jedem geschäftlichen Erfolg war er ehrgeiziger geworden.

Schließlich hatte er sich auch auf kriminelle Geschäfte eingelassen.

Er verbrachte immer mehr Zeit außerhalb des Hauses, führte schwierige Gespräche bis spät in die Nacht und hörte kaum noch zu, wenn Isabella sich Sorgen machte.

Sie hatte ihn wiederholt gebeten, sein Leben zu ändern.

Alexander hatte ihre Bitten abgewiesen.

Nach einem besonders heftigen Streit beschloss Isabella, mit ihrer kleinen Tochter vorübergehend zu ihren Eltern zu fahren.

Unterwegs kam es zu einem schweren Verkehrsunfall.

Isabella und das Kind überlebten nicht.

Alexander hatte den Unfall nicht verursacht.

Doch die Erinnerung an ihre letzten gemeinsamen Worte verfolgte ihn seitdem.

Er bedauerte, wie er mit Isabella gesprochen hatte und wie wenig Zeit er seiner Familie gegeben hatte.

Aus diesem Schmerz war mit den Jahren eine unüberwindbar scheinende Distanz zu anderen Menschen entstanden.

Er ließ niemanden an sich heran.

Er sprach kaum über Gefühle.

Und er hielt es für sicherer, gefürchtet zu werden, als jemanden wirklich kennenzulernen.

Dann war Sofia gekommen.

Sie hatte keine Ahnung von seinem Reichtum, seinem Ruf oder seinen Geschäften.

Sie hatte nur einen einsamen Mann gesehen und ihm eine Sonne auf die Wange gemalt.

Alexander nahm ihre Zeichnung in die Hand.

Zum ersten Mal seit langer Zeit dachte er nicht ausschließlich daran, was er verloren hatte.

Er fragte sich, was er aus seinem verbliebenen Leben machen wollte.

## Kapitel 6 – ANNAS SORGEN