„Victor, ich werde nicht länger schweigen.“
Eine männliche Stimme antwortete.
„Du verstehst nicht, was du damit anrichtest.“
„Ich verstehe sehr gut, was du getan hast. Du hast Papas Unterschrift gefälscht. Du hast Geld aus dem Unternehmen genommen. Und du hast dafür gesorgt, dass Thomas seine Arbeit verliert, weil er sich geweigert hat, dir zu helfen.“
Richard hielt den Atem an.
Die Aufnahme lief weiter.
„Wenn du diese Informationen veröffentlichst, wird deine Familie alles verlieren“, sagte der Mann.
„Meine Familie ist nicht das Unternehmen“, antwortete Elisabeth. „Meine Familie ist Thomas und mein Kind.“
Ein lautes Geräusch war zu hören. Dann brach die Aufnahme ab.
Martin stoppte die Wiedergabe.
„Die Stimme könnte Victor gehören. Wir müssen das technisch überprüfen lassen.“
Richard schloss die Augen.
Die Hinweise deuteten darauf hin, dass Victor versucht hatte, Elisabeth unter Druck zu setzen. Vielleicht hatte er befürchtet, dass sie seine finanziellen Machenschaften aufdecken würde.
Doch es gab noch immer keine Erklärung dafür, wo sie sich befand.
Plötzlich klingelte Richards Telefon.
Es war Frau Keller.
„Richard, Noah hat sich an etwas erinnert“, sagte sie. „Er hat erzählt, dass seine Mutter ihm vor ihrer Abreise einen zweiten Brief gegeben hat. Er hat ihn in seinem Rucksack versteckt.“
„Was steht darin?“
„Wir haben ihn noch nicht vollständig gelesen. Aber auf der Rückseite befindet sich eine weitere Adresse.“
Frau Keller nannte den Ort.
Richard kannte ihn nicht.
Martin suchte ihn auf einer Karte.
Es war eine kleine Klinik in einer Stadt, die mehrere hundert Kilometer entfernt lag.
Die Klinik war auf die Rehabilitation von Menschen spezialisiert, die nach schweren Unfällen längere medizinische Betreuung benötigten.
Richard sah Martin an.
„Wir fahren sofort.“
Kapitel 9: Die Frau im stillen Zimmer
Die Fahrt dauerte mehrere Stunden.
Als Richard und Martin in der Klinik ankamen, empfing sie eine Ärztin namens Dr. Sommer.
Nachdem sie die Identität der Besucher überprüft hatte, führte sie Richard in einen kleinen Besprechungsraum.
„Ich kann Ihnen nicht alle Informationen über unsere Patienten geben“, erklärte sie. „Aber ich kann Ihnen sagen, dass eine Frau unter einem anderen Namen vor einigen Wochen bei uns aufgenommen wurde.“
Richard beugte sich vor.
„Können Sie mir sagen, ob sie Elisabeth Berger heißt?“
Die Ärztin blickte ihn lange an.
„Der Name, den Sie genannt haben, steht nicht in unseren Unterlagen. Aber die Frau, die ich meine, hat ein Foto bei sich, das dem Bild ähnelt, das Sie gerade gezeigt haben.“
Richard spürte, wie ihm das Herz schneller schlug.
„Lebt sie?“
„Ja.“
Er schloss die Augen und atmete zitternd aus.
Sieben Jahre voller Trauer, Zweifel und Schuld schienen in diesem einen Wort zusammenzufallen.
„Darf ich sie sehen?“
Die Ärztin zögerte.
„Sie hat ausdrücklich darum gebeten, dass niemand ohne ihre Zustimmung zu ihr gebracht wird. Sie war sehr verängstigt, als sie hier ankam.“
Richard nickte.
„Ich verstehe. Bitte sagen Sie ihr nur, dass ihr Vater hier ist. Wenn sie mich nicht sehen möchte, werde ich gehen.“
Die Ärztin verließ den Raum.
Richard wartete.
Jede Minute fühlte sich länger an als die letzte.
Schließlich öffnete sich die Tür.
Eine Frau trat langsam ein.
Sie war dünner, als Richard sie in Erinnerung hatte. Ihr Gesicht war blass, und in ihren Augen lag eine Müdigkeit, die nicht nur von Krankheit kam.
Doch Richard erkannte sie sofort.
„Elisabeth“, flüsterte er.
Sie blieb nahe der Tür stehen.
„Papa.“
Richard machte einen Schritt auf sie zu, hielt dann aber inne.
Er wollte sie umarmen, doch er wusste nicht, ob sie es zulassen würde.
„Es tut mir leid“, sagte er. „Für alles.“
Elisabeth begann zu weinen.
„Warum hast du so lange gebraucht?“
Richard senkte den Kopf.
„Weil ich zu stolz war, um zuzugeben, dass ich falsch lag. Weil ich dachte, Geld und Macht könnten alles lösen. Und weil ich geglaubt habe, dass ich dich verloren hätte, ohne wirklich zu verstehen, warum du gegangen bist.“
Elisabeth wischte sich die Tränen ab.
„Ich wollte nie, dass du leidest. Aber ich konnte nicht länger in einem Haus leben, in dem ich mich für meine Liebe und mein ungeborenes Kind schämen sollte.“
Richard nickte.
„Ich weiß.“
„Nein, Papa. Du weißt es erst jetzt.“
Ihre Worte trafen ihn, doch er widersprach nicht.
Denn sie hatte recht.
Kapitel 10: Was in jener Nacht wirklich geschah
Elisabeth erzählte ihrem Vater, was nach ihrem Verschwinden passiert war.
Sie hatte die Stadt gemeinsam mit Thomas verlassen, nachdem sie erfahren hatte, dass Victor versuchte, sie von ihrem Vater zu isolieren. Thomas hatte Beweise für finanzielle Unregelmäßigkeiten im Unternehmen gefunden und wollte sie einem Anwalt übergeben.
Doch kurz darauf wurde Thomas in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt.
Er überlebte zunächst, starb jedoch einige Tage später im Krankenhaus.
Elisabeth war damals hochschwanger. Sie hatte Angst, dass Victor auch ihr Kind ins Visier nehmen könnte, wenn sie die Beweise gegen ihn veröffentlichte.
Sie nahm eine neue Identität an und zog in eine andere Stadt. Dort brachte sie Noah zur Welt.
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