Er war kein reicher Geschäftsmann, besaß kein großes Haus und hatte keine einflussreiche Familie. Er arbeitete als Mechaniker und verbrachte seine Freizeit damit, Kindern aus schwierigen Verhältnissen bei den Hausaufgaben zu helfen.

Elisabeth hatte ihn auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung kennengelernt.

Richard hatte Thomas zunächst für einen vorübergehenden Zeitvertreib gehalten. Doch als Elisabeth erklärte, dass sie ihn heiraten wolle, wurde Richard wütend.

Er ließ Thomas zu einem Treffen in sein Büro kommen.

„Meine Tochter braucht jemanden, der ihr eine sichere Zukunft bieten kann“, hatte Richard gesagt.

Thomas hatte ruhig geantwortet: „Ich kann ihr keine Villen versprechen. Aber ich kann versprechen, sie zu respektieren und für sie da zu sein.“

Richard hatte gelacht.

„Respekt bezahlt keine Rechnungen.“

„Nein“, hatte Thomas erwidert. „Aber Geld ersetzt auch keine Liebe.“

Diese Worte hatten Richard damals so sehr verletzt, dass er Thomas aus dem Büro geworfen und Elisabeth gedroht hatte, sie zu enterben.

Einige Tage später war sie verschwunden.

Richard hatte nie erfahren, dass Elisabeth bereits schwanger gewesen war.

Nun hielt er ein Foto seines Enkels in der Hand.

„Weißt du, wo dein Vater ist?“, fragte er Noah.

Der Junge schüttelte den Kopf.

„Mama hat gesagt, dass Papa gestorben ist, als ich noch klein war.“

Richard setzte sich langsam.

„Wie ist er gestorben?“

„Bei einem Autounfall. Ich kann mich kaum an ihn erinnern.“

Martin Weber notierte den Namen.

„Wir werden Thomas’ Tod überprüfen. Vielleicht finden wir dort weitere Hinweise.“

Noah blickte zu Richard.

„Hassen Sie meinen Papa?“

Die Frage traf den alten Mann tiefer als jede Anschuldigung.

„Nein“, antwortete er nach einer langen Pause. „Ich habe ihn nicht richtig gekannt. Und ich habe deine Mutter damals sehr verletzt.“

„Mama hat manchmal gesagt, dass sie ihren Papa vermisst. Sie hat dabei immer geweint.“

Richard schluckte schwer.

„Das tut mir leid.“

Noah betrachtete ihn vorsichtig.

„Können Sie meine Mutter finden?“

Richard legte eine Hand auf seine Schulter.

„Ich verspreche dir, dass wir alles tun werden, um sie zu finden.“

Doch tief in seinem Herzen wusste er, dass Geld und Einfluss diesmal nicht genügen würden.

Er musste die Wahrheit über seine eigenen Entscheidungen erfahren.

Und vielleicht würde er am Ende feststellen, dass er selbst einen Teil der Schuld an Elisabeths Verschwinden trug.
Kapitel 5: Eine Spur am alten Bahnhof
Am Nachmittag brachte Noah die Ermittler zu dem Bahnhof, an dem er zuletzt auf seine Mutter gewartet hatte.

Es war ein kleines Gebäude am Rand der Stadt. Die Farbe blätterte von den Wänden, und auf den Bänken lagen alte Zeitungen.

Noah zeigte auf einen Platz nahe dem Eingang.

„Hier hat Mama gesagt, dass ich auf sie warten soll.“

Martin Weber sprach mit dem Bahnhofspersonal. Eine Mitarbeiterin erinnerte sich an eine Frau, die vor wenigen Tagen mit einem dunklen Mantel und einer Reisetasche angekommen war.

„Sie sah sehr nervös aus“, erklärte die Frau. „Sie hat ständig über die Schulter geschaut. Dann kam ein Mann, und die beiden gingen zusammen zum Parkplatz.“

„Können Sie den Mann beschreiben?“, fragte Martin.

Die Mitarbeiterin dachte nach.

„Groß, dunkle Haare, teurer Mantel. Ich glaube, er hatte eine kleine Narbe an der linken Hand.“

Richard tauschte einen Blick mit Martin.

Victor hatte eine auffällige Narbe an der linken Hand, seit er sich als junger Mann bei einem Segelausflug verletzt hatte.

Doch Richard sagte zunächst nichts.

Er wollte keine falsche Hoffnung wecken und niemanden beschuldigen, bevor es Beweise gab.

Die Mitarbeiterin erinnerte sich außerdem an ein Taxi, das die Frau einige Minuten später abgeholt hatte.

„Der Fahrer könnte sich erinnern“, sagte sie.

Nach mehreren Telefonaten fanden sie den Taxifahrer. Er erklärte, er habe Elisabeth zu einer kleinen Pension am anderen Ende der Stadt gebracht.

„Sie wirkte erschöpft“, sagte er. „Sie hat mich gebeten, niemandem zu erzählen, wohin ich sie gebracht habe. Aber sie hat auch gesagt, dass sie zu ihrem Sohn zurückkehren würde.“

Noah presste die Lippen zusammen.

„Warum ist sie dann nicht zurückgekommen?“

Niemand konnte ihm darauf eine Antwort geben.

Die Ermittler fuhren zur Pension. Das Gebäude war alt, aber noch geöffnet. Die Besitzerin erkannte das Foto von Elisabeth sofort.

„Ja, sie war hier“, sagte sie. „Sie hatte ein Zimmer für zwei Nächte gebucht. In der zweiten Nacht kam ein Mann zu ihr.“

„Können Sie sagen, wer es war?“, fragte Martin.

Die Besitzerin schüttelte den Kopf.

„Ich habe sein Gesicht nicht richtig gesehen. Aber ich hörte, wie sie sich stritten.“

Sie erinnerte sich an einen Satz, den Elisabeth laut gerufen hatte:

„Du hast mir versprochen, dass du meinen Sohn in Ruhe lässt!“

Dann hatte jemand die Tür zugeschlagen.

Als die Ermittler das Zimmer überprüften, fanden sie in einer Schublade einen kleinen Zettel.

Darauf stand eine Adresse.

Richard kannte sie.

Es war das alte Landhaus seiner Familie, das seit Jahren leer stand.
Kapitel 6: Das Haus voller Erinnerungen
Noch am selben Abend fuhren Richard, Martin und zwei Polizeibeamte zum alten Landhaus.