Noah blieb zunächst bei Frau Keller, die sich bereit erklärte, auf ihn aufzupassen. Richard wollte ihn nicht unnötig in Gefahr bringen.

Das Haus lag weit außerhalb der Stadt. Die Fenster waren dunkel, und der Garten war von wildem Gestrüpp überwuchert.

Richard hatte das Gebäude seit Elisabeths Verschwinden nicht mehr betreten.

Hier hatte seine Tochter als Kind ihre Sommerferien verbracht. Hier hatte sie auf einem alten Klavier gespielt, während Richard im Garten arbeitete. Hier hatten sie früher gemeinsam gelacht, bevor Geld und Erwartungen ihre Beziehung vergifteten.

Martin öffnete die Eingangstür.

Im Inneren roch es nach Staub und feuchtem Holz.

Sie durchsuchten die Räume. Im ehemaligen Schlafzimmer von Elisabeth fanden sie einen leeren Koffer, einige Kleidungsstücke und einen Karton mit alten Briefen.

Richard setzte sich auf das Bett und öffnete einen der Umschläge.

Es war ein Brief, den Elisabeth an ihn geschrieben hatte, kurz bevor sie verschwand.

Papa, ich weiß, dass du glaubst, ich würde mein Leben wegwerfen. Aber Thomas liebt mich, und ich erwarte ein Kind. Ich wünsche mir, dass du eines Tages deinen Enkel kennenlernst. Ich möchte nicht, dass mein Kind mit Angst vor seiner eigenen Familie aufwächst.

Richard musste den Brief mehrmals lesen.

Er hatte diese Zeilen nie gesehen.

Am Ende stand ein weiterer Satz:

Wenn du mich wirklich liebst, dann lass mich selbst entscheiden, wie ich leben möchte.

Richard senkte den Kopf.

„Ich habe diesen Brief nie bekommen“, sagte er.

Martin untersuchte den Umschlag.

„Vielleicht wurde er abgefangen.“

Im Karton fanden sie außerdem eine kleine Schachtel mit Fotos und einen USB-Stick. Die Polizei nahm beides als mögliche Beweismittel mit.

Auf einem Foto stand Elisabeth neben Victor.

Sie sah angespannt aus. Victor hielt einen Arm um ihre Schulter, doch sie blickte nicht in die Kamera.

Auf der Rückseite stand ein Datum.

Es war der Tag vor ihrem Verschwinden.

Richard wurde kalt.

„Warum war sie mit Victor hier?“

Martin antwortete vorsichtig:

„Das werden wir herausfinden.“

Als sie das Haus verließen, bemerkte einer der Beamten frische Reifenspuren auf dem feuchten Boden.

Jemand war erst vor Kurzem hier gewesen.

Und dieser Jemand wollte offenbar nicht, dass sie fanden, wonach sie suchten.
Kapitel 7: Der Neffe mit dem freundlichen Gesicht
Am nächsten Morgen ließ Richard seinen Neffen Victor in sein Büro bitten.

Victor erschien pünktlich. Er trug einen maßgeschneiderten Anzug und lächelte, als sei alles wie immer.

„Onkel Richard. Was für eine Überraschung.“

Richard deutete auf den Stuhl.

„Setz dich.“

Victor nahm Platz und betrachtete die Akten auf dem Schreibtisch.

„Geht es um das Unternehmen?“

„Es geht um Elisabeth.“

Für einen kurzen Augenblick verschwand Victors Lächeln.

Dann lehnte er sich zurück.

„Ich dachte, wir hätten dieses Thema längst abgeschlossen.“

„Wir haben es nie abgeschlossen. Wir haben nur aufgehört, nach ihr zu suchen.“

Victor seufzte.

„Das war damals eine schreckliche Tragödie. Aber wir müssen akzeptieren, dass manche Fragen unbeantwortet bleiben.“

Richard schob ihm das Foto aus dem Landhaus hin.

„Warum warst du am Tag vor ihrem Verschwinden mit ihr zusammen?“

Victor betrachtete das Bild.

„Ich wollte ihr helfen.“

„Wobei?“

„Sie war aufgebracht. Sie hatte sich mit dir gestritten und wollte die Stadt verlassen. Ich habe versucht, sie zur Vernunft zu bringen.“

„Hat sie dir erzählt, dass sie schwanger war?“

Victors Blick veränderte sich.

Nur für eine Sekunde.

Doch Richard bemerkte es.

„Ja“, sagte Victor schließlich. „Sie hat es mir erzählt.“

„Warum hast du mir nie davon berichtet?“

„Weil sie mich darum gebeten hat.“

Richard stand auf.

„Und Thomas? Was ist mit seinem Unfall passiert?“

Victor schüttelte den Kopf.

„Ich weiß nicht, was du meinst.“

Richard beugte sich über den Schreibtisch.

„Thomas Berger ist nicht bei dem Unfall gestorben, von dem wir immer ausgegangen sind. Die Polizei findet keine eindeutigen Unterlagen über seine Identität und die angebliche Beerdigung.“

Victor schwieg.

„Du hast mir sieben Jahre lang gesagt, Elisabeth sei tot“, fuhr Richard fort. „Aber mein Enkel steht jetzt in meinem Haus. Er trägt ihren Anhänger. Und er sagt, seine Mutter sei verschwunden.“

Victor erhob sich.

„Du solltest vorsichtig sein, Onkel. Du weißt nicht, mit wem du dich anlegst.“

Richard sah ihn ruhig an.

„Das ist keine Antwort.“

Victor ging zur Tür.

Bevor er den Raum verließ, drehte er sich noch einmal um.

„Manche Geheimnisse schützen Menschen. Wenn du alles ans Licht bringst, könnte es sein, dass du am Ende noch mehr verlierst.“

Die Tür fiel ins Schloss.

Richard blieb regungslos stehen.

Nun war er sicher, dass Victor etwas wusste.

Aber er musste Beweise finden.

Denn diesmal durfte nicht wieder ein unschuldiger Mensch unter den Lügen der Familie leiden.
Kapitel 8: Die Aufnahme auf dem USB-Stick
Die Polizei untersuchte den USB-Stick aus dem Landhaus.

Darauf befanden sich mehrere alte Nachrichten, Dokumente und eine Audiodatei. Die Datei war beschädigt, doch ein Spezialist konnte große Teile davon wiederherstellen.

Am Nachmittag hörten Richard und Martin die Aufnahme gemeinsam an.

Zunächst war nur Rauschen zu hören.

Dann erklang Elisabeths Stimme.