„Gefunden? Wer?“

Noah schüttelte den Kopf.

„Ich weiß es nicht. In der Nacht gingen wir zu einem kleinen Bahnhof. Mama gab mir den Anhänger und einen Umschlag. Sie sagte, ich solle auf sie warten. Aber sie kam nicht zurück.“

„Wo ist der Umschlag?“

Noah zog ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus seiner Jackentasche.

Richard öffnete es vorsichtig.

Darauf stand nur ein einziger Satz:

Wenn Noah dich erreicht hat, bedeutet das, dass meine Vergangenheit uns wieder eingeholt hat. Bitte glaube ihm. Suche nicht nach mir allein.

Darunter stand Elisabeths Unterschrift.

Richard erkannte sie sofort.

Seine Hände begannen zu zittern.

„Sie lebt“, flüsterte er.

Dann richtete er sich auf und rief seinen Assistenten.

„Daniel, lassen Sie sofort alle privaten Ermittlungen wieder aufnehmen. Ich möchte wissen, wo dieser Junge die letzten Tage war, mit wem seine Mutter Kontakt hatte und wer sie zuletzt gesehen hat.“

Daniel nickte.

„Natürlich, Sir.“

Richard hielt kurz inne.

„Und Daniel?“

„Ja?“

„Rufen Sie die Polizei. Wir brauchen ihre Hilfe. Diesmal wird niemand allein nach Elisabeth suchen.“

Als Daniel den Raum verlassen hatte, setzte Richard sich neben Noah.

„Ich muss dich etwas fragen. Wie alt bist du?“

„Zehn.“

Richard schloss die Augen.

Wenn Noah zehn Jahre alt war und Elisabeth vor sieben Jahren verschwunden war, dann musste seine Tochter bereits ein Kind gehabt haben, als sie damals das Elternhaus verlassen hatte.

Er erinnerte sich an die letzten Wochen vor ihrem Verschwinden. Elisabeth war stiller geworden, hatte oft telefoniert und immer wieder versucht, mit ihm über etwas zu sprechen.

Doch er hatte nie richtig zugehört.

Er war überzeugt gewesen, dass sie einen Mann liebte, den er für ungeeignet hielt.

Er hatte ihr gedroht, sie aus seinem Testament zu streichen, falls sie diesen Mann heiratete.

Am Tag ihres letzten Streits hatte Elisabeth geweint.

„Du wirst eines Tages verstehen, was du gerade zerstörst, Papa“, hatte sie gesagt.

Richard hatte ihr nicht geglaubt.

Jetzt saß ihr Sohn neben ihm.

Und Richard musste sich fragen, ob seine eigene Härte seine Tochter dazu gebracht hatte, sieben Jahre lang vor ihm zu fliehen.
Kapitel 3: Das Geheimnis der verschwundenen Tochter
Am nächsten Morgen traf Richard sich mit seiner langjährigen Anwältin, Frau Keller, und einem erfahrenen Ermittler namens Martin Weber.

Noah saß währenddessen mit der Haushälterin im Wintergarten. Zum ersten Mal seit Tagen hatte er geschlafen, doch seine Augen verrieten, dass er noch immer Angst hatte.

Im Arbeitszimmer legte Richard die alten Akten über Elisabeths Verschwinden auf den Tisch.

„Ich möchte, dass Sie alles erneut prüfen“, sagte er. „Jeden Polizeibericht, jede Zeugenaussage, jede Zahlung und jeden Hinweis.“

Martin Weber blätterte durch die Unterlagen.

„Es gab damals mehrere Unstimmigkeiten. Eine Zeugin behauptete, Ihre Tochter am Tag nach dem angeblichen Unfall an einer Tankstelle gesehen zu haben. Später zog sie ihre Aussage zurück.“

Richard sah auf.

„Warum?“

„Sie sagte, sie habe sich geirrt. Aber in der Akte gibt es keine Erklärung dafür, warum sie ihre Aussage änderte.“

Frau Keller öffnete eine weitere Mappe.

„Es gibt noch etwas. Wenige Tage nach Elisabeths Verschwinden wurde ein Teil ihres persönlichen Vermögens auf ein unbekanntes Konto überwiesen.“

Richard runzelte die Stirn.

„Wer hat die Überweisung genehmigt?“

„Die Unterlagen tragen eine Unterschrift, die Ihrer ähnelt.“

Richard wurde blass.

„Ich habe niemals Geld von Elisabeth genommen.“

„Das glaube ich Ihnen“, sagte die Anwältin. „Aber jemand könnte Ihre Unterschrift gefälscht haben.“

Martin Weber betrachtete die Dokumente genauer.

„Vielleicht wollte jemand, dass Elisabeth für tot gehalten wird. Wenn sie verschwunden blieb, konnte niemand ihre Ansprüche auf das Familienvermögen geltend machen.“

Richard stand auf und ging zum Fenster.

Sein Unternehmen war in den letzten sieben Jahren stark gewachsen. Die Geschäfte hatte damals sein Neffe Victor übernommen, nachdem Richard sich monatelang aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte.

Victor war intelligent, ehrgeizig und stets bereit gewesen, jede Gelegenheit zu nutzen.

Richard hatte ihm vertraut.

„Ich will wissen, wo Victor an dem Tag war, an dem Elisabeth verschwand“, sagte er.

Frau Keller sah ihn ernst an.

„Richard, wenn Sie Ihren Neffen verdächtigen, müssen wir sehr vorsichtig sein. Wir dürfen keine voreiligen Schlüsse ziehen.“

„Ich verdächtige niemanden ohne Beweise“, antwortete Richard. „Aber ich werde auch nicht noch einmal zulassen, dass meine Familie im Dunkeln gelassen wird.“

In diesem Moment klopfte es an der Tür.

Noah trat ein. In seiner Hand hielt er ein kleines, altes Foto.

„Entschuldigung“, sagte er. „Ich habe das in Mamas Tasche gefunden.“

Richard nahm das Foto entgegen.

Es zeigte Elisabeth, die mit einem kleinen Baby in den Armen vor einem bescheidenen Haus stand. Neben ihr stand ein Mann mit freundlichen Augen und einem schmalen Lächeln.

Auf der Rückseite stand ein Name:

Thomas Berger.

Richard kannte diesen Namen.

Thomas war der junge Mann gewesen, den Elisabeth vor sieben Jahren geliebt hatte.

Und er war auch der Mann, den Richard damals mit aller Macht aus ihrem Leben hatte drängen wollen.
Kapitel 4: Der Mann, den Richard vertrieben hatte
Richard erinnerte sich genau an Thomas.