Dann öffnete er eine Schublade und holte ein Foto heraus.

Er legte es auf den Tisch.

Daniel erkannte seinen Vater sofort.

Alexander stand vor einer grauen Wand. Hinter ihm befand sich ein Fenster, genau wie Marcus es beschrieben hatte.

Doch diesmal war das Foto schärfer.

Und im Hintergrund stand ein zweiter Mann.

Daniel beugte sich vor.

Er erkannte das Gesicht.

Es war Morgan.

„Sie waren dort“, sagte Daniel.

Morgan zog das Foto zurück.

„Du verstehst nicht, was du siehst.“

„Dann erklären Sie es mir.“

Morgan stand auf und ging zum Fenster.

„Dein Vater war ein schwieriger Mann. Er glaubte, dass er jeden retten könne, wenn er nur die richtigen Beweise fand.“

„Er wollte die Wahrheit sagen.“

„Er wollte ein System zerstören, das größer war als er.“

Daniel schüttelte den Kopf.

„Das ist keine Antwort.“

Morgan drehte sich um.

„Dein Vater ist verschwunden, weil er sich geweigert hat, die Informationen herauszugeben, die er besaß.“

„Welche Informationen?“

„Namen. Konten. Verbindungen zwischen Menschen, die offiziell nichts miteinander zu tun hatten.“

Daniel sah auf die Akten.

„Und Sie wollen diese Informationen.“

Morgan schwieg.

Daniel verstand.

„Sie haben mich hierherbringen lassen, damit ich Ihnen helfe, sie zu finden.“

Morgan schüttelte den Kopf.

„Ich wollte dich schützen.“

„Indem Sie mich in ein Gefängnis bringen?“

„Indem ich dich dort untergebracht habe, wo ich dich beobachten konnte.“

Daniel starrte ihn an.

„Sie haben mich benutzt.“

Morgan atmete schwer aus.

„Ich hatte keine andere Wahl.“

„Jeder hat eine Wahl.“

Für einen Augenblick sah Morgan aus, als hätte der Junge ihn getroffen, ohne ihn zu berühren.

Dann ertönte ein leises Klopfen.

Ein Beamter öffnete die Tür.

„Herr Direktor, Sie müssen sofort in den Sicherheitsraum kommen.“

Morgan runzelte die Stirn.

„Was ist passiert?“

Der Beamte schluckte.

„Wir haben eine neue Aufnahme aus dem Archiv gefunden.“

Morgan wurde blass.

„Welche Aufnahme?“

„Die Aufnahme von vor sechs Jahren.“

Daniel trat einen Schritt näher.

„Von meinem Vater?“

Der Beamte nickte.

„Ja.“

Morgan griff nach seiner Jacke.

„Niemand verlässt dieses Büro.“

Doch Daniel war bereits an ihm vorbei zur Tür gegangen.

Der Beamte wollte ihn aufhalten, aber Morgan hob die Hand.

„Lassen Sie ihn.“

Gemeinsam gingen sie zum Sicherheitsraum.

Dort standen mehrere Mitarbeiter vor einer großen Bildschirmwand. Auf einem Monitor lief eine alte Aufnahme in Schwarz-Weiß.

Ein Mann betrat einen Korridor.

Er trug einen dunklen Mantel und hielt eine Ledermappe unter dem Arm.

Daniel erkannte ihn sofort.

Alexander Cross.

Sein Vater war nicht allein.

Neben ihm ging ein zweiter Mann.

Als die Aufnahme näher herangezoomt wurde, verstummten alle im Raum.

Der zweite Mann war Marcus.

Aber das war unmöglich.

Marcus war damals bereits im Gefängnis gewesen.

Und die Aufnahme zeigte ein Datum von drei Wochen zuvor.

Daniel starrte auf den Bildschirm.

„Das kann nicht sein.“

Morgan sagte kein Wort.

Dann bewegte sich der Mann auf der Aufnahme.

Er blieb vor einer Tür stehen, drehte sich zur Kamera und hob langsam den Kopf.

Für einen einzigen Augenblick sah man sein Gesicht deutlich.

Es war Alexander Cross.

Er blickte direkt in die Kamera.

Dann hob er die Hand und zeigte drei Finger.

Drei.

Wie die Kerben auf Daniels Schlüssel.

Der Bildschirm wurde schwarz.

Im Sicherheitsraum herrschte absolute Stille.

Daniel zog den Messingschlüssel aus seiner Tasche.

Drei Kerben.

Ein schwarzes Zeichen.

Ein Vater, der offiziell seit sechs Jahren tot war.

Und eine Aufnahme, die bewies, dass er erst vor wenigen Wochen hier gewesen sein könnte.

Daniel drehte sich langsam zu Morgan um.

„Sie haben mir gesagt, mein Vater sei tot.“

Morgan sah ihn an.

„Ich habe gesagt, dass ich es nicht beweisen kann.“

„Sie wussten, dass er hier war.“

Morgan schwieg.

Daniel trat näher.

„Wo ist er?“

Morgan schloss die Augen.

Dann flüsterte er:

„Wenn ich dir das sage, wird keiner von uns dieses Gefängnis verlassen können.“

Daniel hielt den Schlüssel fest.

„Dann sagen Sie mir wenigstens, was sich hinter der Tür befindet, die er auf der Aufnahme geöffnet hat.“

Morgan blickte auf den schwarzen Bildschirm.

Sein Gesicht war nun vollkommen bleich.

„Das ist kein Raum“, sagte er.

Daniel runzelte die Stirn.

„Was dann?“

Morgan sah ihn an.

„Der Eingang zu einem alten unterirdischen Trakt, der offiziell vor zwanzig Jahren zugemauert wurde.“

Daniel blickte wieder auf den Schlüssel.

Drei Kerben.

Drei verschwundene Männer.

Drei Finger, die sein Vater in die Kamera gehalten hatte.

Und plötzlich verstand er, dass der Schlüssel vielleicht nicht nur eine Tür öffnen sollte.

Vielleicht war er die einzige Möglichkeit, herauszufinden, was vor sechs Jahren wirklich geschehen war.

Morgan trat einen Schritt zurück.

„Daniel, hör mir zu. Was auch immer du heute noch hörst – geh nicht allein in diesen Trakt.“

Der Junge sah ihn an.

„Warum?“

Morgan antwortete mit einer Stimme, die kaum mehr als ein Flüstern war.

„Weil der Mann, den du suchst, vielleicht nicht der Einzige ist, der dort unten gefangen gehalten wird.“

In diesem Moment ging das Licht aus.