Er lag auf dem schmalen Bett und betrachtete den Schlüssel, den er unter seinem Kopfkissen versteckt hatte.
Drei Kerben.
Ein schwarzes Zeichen.
Ein Mann ohne Schatten.
Die Hinweise seines Vaters schienen keinen Sinn zu ergeben.
Doch Daniel erinnerte sich an etwas, das Alexander ihm als Kind einmal erzählt hatte.
Damals waren sie gemeinsam durch einen alten Bahnhof gegangen. Daniel hatte sich über die vielen Überwachungskameras gewundert.
„Papa, warum gibt es hier so viele Kameras?“
Alexander hatte gelächelt.
„Weil Menschen gern glauben, dass eine Kamera alles sieht.“
„Tut sie das nicht?“
„Nein, mein Sohn. Eine Kamera sieht nur das, worauf jemand sie richtet.“
„Und was ist mit den Dingen, die sie nicht sieht?“
Alexander hatte sich zu ihm hinuntergebeugt.
„Genau dort verstecken sich die Geheimnisse.“
Daniel öffnete die Augen.
Er setzte sich auf.
Die Kameras.
Die elf fehlenden Minuten.
Der schwarze Knopf.
Vielleicht suchte er nach dem falschen Mann.
Vielleicht bedeutete „der Mann ohne Schatten“ nicht, dass jemand keine Identität hatte.
Vielleicht bedeutete es, dass er auf keiner Aufnahme auftauchte.
Daniel stand auf und trat an die Zellentür.
„Herr Voss?“
Keine Antwort.
„Elias?“
Aus der Dunkelheit kam eine leise Stimme.
„Du solltest schlafen.“
„Sie kannten meinen Vater.“
Stille.
„Ich weiß, dass Sie ihn kannten.“
Ein langer Seufzer war zu hören.
Dann sagte Elias:
„Dein Vater war der einzige Mann, der mir jemals die Wahrheit gesagt hat.“
Daniel umklammerte die Gitterstäbe.
„Wo ist er?“
„Das weiß ich nicht.“
„Lügen Sie mich nicht an.“
„Ich lüge nicht.“
„Dann erzählen Sie mir, was passiert ist.“
Elias schwieg so lange, dass Daniel schon glaubte, das Gespräch sei beendet.
Dann hörte er Schritte auf der anderen Seite der Wand.
„Vor sechs Jahren kam dein Vater hierher“, sagte Elias schließlich. „Nicht als Gefangener. Er kam, um einen Mann zu treffen.“
„Wen?“
„Einen Mann, der damals die Leitung dieser Einrichtung übernehmen sollte.“
„Und was geschah?“
„Am nächsten Morgen war Alexander verschwunden.“
Daniel schloss die Augen.
„Sie haben ihn gesehen?“
„Ja.“
„War er allein?“
„Nein.“
„Wer war bei ihm?“
Elias atmete hörbar aus.
„Der damalige Gefängnisdirektor.“
Daniel spürte, wie sich die einzelnen Teile seiner Geschichte langsam miteinander verbanden.
„Wie hieß der Direktor?“
Elias antwortete nicht.
Dann flüsterte er:
„Morgan.“
Daniel trat einen Schritt zurück.
Herr Morgan.
Der Mann, der ihm am selben Tag den geheimnisvollen Brief übergeben hatte.
Der Mann, der behauptete, helfen zu wollen.
Der Mann, der offenbar schon vor sechs Jahren mit seinem Vater in Verbindung gestanden hatte.
„Warum hat er mir das nicht gesagt?“, flüsterte Daniel.
Elias antwortete durch die Wand:
„Weil nicht jeder, der dir hilft, auf deiner Seite steht.“
Plötzlich ertönten Schritte im Korridor.
Beide Männer verstummten.
Ein Schatten bewegte sich unter dem Türspalt.
Jemand blieb vor Daniels Zelle stehen.
Dann schob sich ein gefalteter Zettel durch die schmale Öffnung am unteren Rand der Tür.
Die Schritte entfernten sich.
Daniel wartete, bis der Korridor wieder still war.
Dann hob er den Zettel auf.
Darauf stand:
Vertraue Morgan nicht. Marcus wurde nicht entführt. Er hat seinen Auftrag erfüllt.
Daniel las die Nachricht zweimal.
Unter dem Satz stand eine weitere Zeile.
Morgen um sechs Uhr wird der Mann ohne Schatten dich finden.
## TEIL 6: UM SECHS UHR MORGENS VERÄNDERTE SICH ALLES
Daniel hatte in dieser Nacht kaum geschlafen.
Kurz vor sechs setzte er sich auf die Bettkante und zog seine Schuhe an.
Er wusste nicht, wer den Zettel unter seiner Tür hindurchgeschoben hatte. Er wusste nicht, ob Elias ihm die Wahrheit erzählt hatte. Und er wusste nicht, ob Morgan tatsächlich etwas mit dem Verschwinden seines Vaters zu tun hatte.
Doch eines war ihm klar:
Wenn er jetzt nichts unternahm, würde jemand anderes entscheiden, was als Nächstes geschah.
Um 5.58 Uhr hörte er Schritte.
Langsam.
Gleichmäßig.
Nicht die schweren Schritte eines Beamten, der seinen Rundgang machte.
Es klang, als würde jemand ganz bewusst darauf achten, kein Geräusch zu verursachen.
Daniel trat von der Tür zurück.
Ein Schlüssel drehte sich im Schloss.
Dann öffnete sich die Tür.
Davor stand ein Mann in einer grauen Uniform.
Er trug eine Mütze tief ins Gesicht gezogen. Seine Haltung war ruhig, seine Hände lagen hinter dem Rücken.
„Daniel Cross?“
Daniel antwortete nicht.
Der Mann hob den Kopf.
Sein Gesicht war schmal, seine Augen dunkel. Er war ungefähr sechzig Jahre alt und hatte eine dünne Narbe über der linken Augenbraue.
Daniel kannte ihn nicht.
Doch als der Mann sprach, erstarrte der Junge.
„Du hast die Augen deines Vaters.“
Daniel wich einen Schritt zurück.
„Wer sind Sie?“
Der Mann blickte kurz in den Korridor.
„Jemand, der dir helfen will.“
„Das haben heute schon mehrere Menschen gesagt.“
Der Fremde nickte.
„Dann hast du gelernt, vorsichtig zu sein.“
Er trat in die Zelle und schloss die Tür hinter sich.
„Mein Name ist Robert Hale.“
Daniel beobachtete ihn genau.
„Sind Sie der Mann ohne Schatten?“
Hale lächelte traurig.
„Dein Vater hat dir diesen Ausdruck beigebracht?“
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