„Was befindet sich in dem Archiv?“
„Die Originalakten über die Insassen, die vor sechs Jahren verlegt wurden.“
„Und wie bekomme ich sie?“
Hector schüttelte den Kopf.
„Du bist vierzehn. Du solltest nicht versuchen, die Probleme von Erwachsenen allein zu lösen.“
Daniel sah ihn ernst an.
„Die Erwachsenen haben sechs Jahre Zeit gehabt. Mein Vater ist verschwunden. Meine Familie wurde belogen. Und jetzt soll ich einfach warten?“
Hector schwieg.
Dann nickte er langsam.
„Nein. Das solltest du nicht.“
In diesem Moment öffnete sich die Bibliothekstür.
Zwei Beamte traten ein.
Zwischen ihnen stand Marcus.
Sein Gesicht war blass, und sein gewohntes selbstsicheres Grinsen war verschwunden.
Die Männer führten ihn zu einem Tisch am Fenster.
Dort blieb Marcus stehen und sah sich um.
Als er Daniel entdeckte, senkte er den Blick.
Hector flüsterte:
„Das ist neu.“
Daniel stand auf.
Er ging nicht direkt zu Marcus, sondern blieb einige Schritte entfernt stehen.
„Wo warst du?“
Marcus sah ihn an.
Lange sagte er nichts.
Dann antwortete er:
„Ich wurde aus meiner Zelle geholt.“
„Von wem?“
„Zwei Männer. Sie trugen Uniformen.“
„Hast du sie erkannt?“
Marcus schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Warum bist du zurückgekommen?“
Marcus sah sich nervös um.
„Weil sie mich zurückgeschickt haben.“
Daniel verschränkte die Arme.
„Was wollten sie von dir?“
Marcus schluckte.
„Sie wollten wissen, ob ich dich eingeschüchtert habe.“
„Und was hast du gesagt?“
Marcus sah ihn direkt an.
„Ich habe gesagt, dass du keine Angst vor mir hast.“
Daniel nickte.
„Und dann?“
Marcus beugte sich vor und senkte die Stimme.
„Dann haben sie mir ein Foto gezeigt.“
„Von wem?“
Marcus sah Daniel an.
„Von deinem Vater.“
Der Junge erstarrte.
„Was hast du gesehen?“
Marcus holte tief Luft.
„Er saß in einem Raum. Hinter ihm war eine Wand mit einem großen Fenster. Er sah älter aus als auf den Bildern, die ich kannte.“
Daniel konnte kaum sprechen.
„Du kanntest Bilder meines Vaters?“
Marcus nickte.
„Ich habe seinen Namen vor sechs Jahren gehört. Ich war damals neu hier. Man sagte mir, ich solle ihn niemals erwähnen.“
„Warum?“
Marcus blickte zur Tür.
„Weil er nicht der einzige war, der verschwunden ist.“
Daniel wartete.
Marcus fuhr fort:
„Vor sechs Jahren verschwanden drei Menschen aus diesem Gefängnis. Offiziell wurden sie verlegt. In den Akten steht, dass sie in andere Einrichtungen gebracht wurden. Aber einer der Beamten sagte mir später, dass keiner von ihnen jemals dort angekommen ist.“
„Wer waren die drei?“
Marcus zog einen gefalteten Zettel aus seiner Tasche.
„Ich habe ihre Namen aufgeschrieben.“
Daniel nahm den Zettel.
Darauf standen drei Namen.
Alexander Cross.
Elias Voss.
Robert Hale.
Daniel hob langsam den Kopf.
„Elias sitzt hier.“
Marcus nickte.
„Genau.“
„Und Robert Hale arbeitet ebenfalls hier.“
Marcus schüttelte den Kopf.
„Nein. Der Mann, der heute Morgen mit dir gesprochen hat, ist nicht Robert Hale.“
Daniel spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich.
„Was?“
Marcus beugte sich noch näher.
„Ich kenne den echten Robert Hale. Er war vor sechs Jahren ein Gefängnisbeamter. Er ist nie zurückgekehrt.“
Daniel dachte an den Mann in seiner Zelle.
An die Narbe über der Augenbraue.
An das Foto seines Vaters.
An die Warnung, Morgan nicht zu vertrauen.
Plötzlich ergab alles einen Sinn – und gleichzeitig wurde alles noch komplizierter.
Wenn der Mann, der sich Robert Hale nannte, nicht Robert Hale war, wer war er dann?
Und warum hatte er ein Foto von Alexander Cross?
Daniel faltete den Zettel zusammen.
„Marcus, ich brauche deine Hilfe.“
Marcus sah ihn überrascht an.
„Nach dem, was ich dir im Speisesaal angetan habe?“
Daniel blickte ihn ruhig an.
„Ich habe nicht gesagt, dass ich dir vertraue.“
Er machte eine Pause.
„Ich habe gesagt, dass ich deine Hilfe brauche.“
Marcus senkte den Kopf.
Zum ersten Mal schien er zu verstehen, dass Daniel ihn nicht fürchtete – aber auch nicht bereit war, ihm blind zu glauben.
„Was soll ich tun?“, fragte er.
Daniel antwortete:
„Finde heraus, wer sich als Robert Hale ausgibt.“
Marcus nickte.
Doch bevor er sich setzen konnte, ertönte erneut eine Durchsage.
„Daniel Cross. Sofort zum Büro des Gefängnisdirektors.“
Hector stand auf.
Marcus wurde blass.
Daniel steckte den Zettel in seine Tasche.
Dann sagte er leise:
„Jetzt wissen sie, dass wir miteinander gesprochen haben.“
## TEIL 8: DIE TÜR HINTER DEM DIREKTORZIMMER
Das Büro des Gefängnisdirektors befand sich am Ende eines langen Korridors.
Daniel wurde von zwei Beamten begleitet.
Als sie eintraten, saß Morgan hinter seinem Schreibtisch. Vor ihm lagen mehrere Aktenordner, daneben stand eine Tasse Kaffee.
Er wirkte ruhig.
Zu ruhig.
„Setz dich, Daniel.“
Der Junge blieb stehen.
„Ich stehe lieber.“
Morgan legte die Hände zusammen.
„Ich habe gehört, dass du dich mit Marcus unterhalten hast.“
„Im Gefängnis gibt es viele Menschen, die gern reden.“
„Und es gibt Menschen, die ihre Neugier besser im Zaum halten sollten.“
Daniel sah ihm direkt in die Augen.
„Meinen Sie mich?“
Morgan antwortete nicht sofort.
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