Daniel schwieg.
„Alexander hatte immer eine besondere Art, Dinge zu erklären“, sagte Hale. „Er glaubte, dass ein Geheimnis leichter zu bewahren ist, wenn niemand genau weiß, wonach er suchen soll.“
„Sie kannten meinen Vater.“
„Ja.“
„Lebt er?“
Hales Gesicht veränderte sich.
Nur für einen Moment.
Doch Daniel sah es.
„Sie wissen es“, sagte er.
Hale wandte sich ab.
„Ich weiß, dass dein Vater vor sechs Jahren etwas entdeckt hat, das niemals ans Licht kommen sollte.“
„Was?“
„Dass die Gefängnisverwaltung heimlich Unterlagen manipuliert hatte. Einige Insassen waren unter falschen Namen registriert worden. Andere waren offiziell verlegt worden, obwohl sie das Gebäude nie verlassen hatten.“
Daniel erinnerte sich an Marcus.
An die fehlenden elf Minuten.
An Elias.
„Und mein Vater?“
„Er wollte die Beweise sichern.“
„Hat er es geschafft?“
Hale griff in seine Tasche und holte eine kleine Fotografie hervor.
Er legte sie auf Daniels Bett.
Darauf war ein Mann zu sehen, der vor einer grauen Wand stand.
Das Foto war unscharf.
Doch Daniel erkannte die Augen sofort.
Sein Vater.
Alexander Cross.
Älter als auf den Bildern, die Daniel kannte. Das Gesicht schmaler, die Haare grauer.
Aber es war eindeutig Alexander.
Auf der Rückseite stand ein Datum, das nur wenige Wochen zurücklag.
Daniel griff nach dem Foto.
Seine Finger zitterten.
„Wo ist er?“
Hale schüttelte den Kopf.
„Ich kann es dir nicht sagen.“
„Sie haben ein Foto von ihm!“
„Ich weiß.“
„Dann bringen Sie mich zu ihm!“
Hale sah ihn ernst an.
„Wenn ich wüsste, wo er ist, wäre ich längst dort.“
Daniel starrte ihn an.
„Warum sind Sie dann hier?“
Hale nahm die Fotografie zurück und zeigte auf die Rückseite.
Unter dem Datum befand sich das schwarze Zeichen, das Daniel auf dem Knopf gefunden hatte.
Ein Kreis mit einer senkrechten Linie.
„Dieses Zeichen gehört zu einer Gruppe von Menschen, die vor Jahren Zugang zu den geheimen Akten des Gefängnisses hatten. Dein Vater glaubte, dass einer von ihnen noch immer hier arbeitet.“
„Morgan?“
Hale schwieg.
Daniel verstand.
„Sie glauben, Morgan ist einer von ihnen.“
„Ich glaube, dass Morgan mehr weiß, als er zugibt.“
„Und Marcus?“
Hale blickte zur Tür.
„Marcus wurde beauftragt, dich zu provozieren.“
Daniel erstarrte.
„Warum?“
„Weil jemand wissen wollte, wie du reagierst, wenn du unter Druck gesetzt wirst.“
„Wer hat ihn beauftragt?“
„Das versuche ich herauszufinden.“
Daniel lachte kurz, aber ohne Freude.
„Das sagen alle.“
Hale nickte.
„Dann hör auf, allen zu glauben. Prüfe, was sie tun.“
Er ging zur Tür.
Bevor er sie öffnete, drehte er sich noch einmal um.
„Daniel, wenn du heute jemanden siehst, der dir sagt, dein Vater sei tot, dann frage ihn, wann er ihn zuletzt gesehen hat.“
„Warum?“
Hale antwortete leise:
„Weil der letzte Mensch, der behauptet hat, Alexander Cross sei gestorben, ihn vor drei Wochen noch angerufen hat.“
Dann verließ er die Zelle.
Daniel blieb regungslos zurück.
Vor drei Wochen.
Sein Vater hatte möglicherweise vor drei Wochen noch gelebt.
Und jemand hatte alles darangesetzt, dass Daniel niemals davon erfuhr.
## TEIL 7: MARCUS KEHRTE ZURÜCK – ABER ER WAR NICHT MEHR DERSELBE
Am Vormittag wurde der Alarm aufgehoben.
Die Türen wurden wieder geöffnet. Die Insassen kehrten in ihre üblichen Bereiche zurück, und die Beamten versuchten, den Eindruck zu erwecken, alles sei unter Kontrolle.
Doch niemand glaubte daran.
Marcus war noch immer verschwunden.
Und im gesamten Gefängnis verbreitete sich ein Gerücht:
Der Junge Cross hatte etwas mit seinem Verschwinden zu tun.
Daniel saß in der Bibliothek, als Hector sich ihm gegenüber niederließ.
Der alte Häftling wirkte erschöpft.
„Du musst hier vorsichtig sein“, sagte er.
Daniel legte das Buch beiseite.
„Das sagen mir heute alle.“
„Vielleicht solltest du diesmal zuhören.“
„Wissen Sie, wer mein Vater ist?“
Hector blickte zur Tür.
„Ich weiß, wer er war.“
„Das ist nicht dasselbe.“
„Nein.“
Daniel beugte sich vor.
„Was ist damals passiert?“
Hector strich sich über das graue Haar.
„Vor sechs Jahren war Alexander Cross hier, um Beweise gegen mehrere Menschen zu sichern. Er hatte Unterlagen, Namen und Aufzeichnungen. Wenn diese Informationen veröffentlicht worden wären, hätten einige mächtige Personen ihre Position verloren.“
„Und dann verschwand er.“
Hector nickte.
„Am nächsten Tag behauptete man, er sei bei einem Unfall ums Leben gekommen.“
„Gab es eine Leiche?“
Hector sah ihn an.
„Nein.“
Daniel spürte, wie sich sein Herz zusammenzog.
„Warum hat dann jeder geglaubt, er sei tot?“
„Weil die Menschen oft glauben, was ihnen oft genug erzählt wird.“
Hector schob einen kleinen Zettel über den Tisch.
Darauf stand eine Nummer.
„Was ist das?“
„Die Nummer eines alten Aktenarchivs. Dein Vater hat mir gesagt, ich solle sie dir geben, falls du jemals hier auftauchst.“
Daniel betrachtete den Zettel.
„Warum haben Sie das nicht früher getan?“
„Weil ich nicht wusste, ob du wirklich sein Sohn bist.“
„Und jetzt wissen Sie es?“
Hector lächelte schwach.
„Du hast denselben Blick, wenn du eine Antwort nicht akzeptieren willst.“
Daniel steckte den Zettel ein.
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