Der Alarm heulte durch die Korridore.
Rote Warnleuchten blinkten an den Wänden. Schwere Türen wurden verriegelt, und aus den Lautsprechern ertönte die scharfe Stimme des Gefängnisdirektors.
„Achtung! Sämtliche Insassen bleiben in ihren zugewiesenen Bereichen. Alle Bewegungen innerhalb der Einrichtung werden bis auf Weiteres eingestellt.“
Daniel stand noch immer im Besuchsraum.
In seiner rechten Hand hielt er den alten Messingschlüssel mit den drei Kerben. In der linken hielt er den Brief, auf dem nur vier rätselhafte Wörter standen:
Finde den Mann ohne Schatten.
Herr Morgan starrte ihn an.
„Du wusstest, dass Marcus verschwinden würde?“
Daniel schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Dann warum lächelst du?“
Das Lächeln verschwand aus Daniels Gesicht.
„Weil Marcus vorhin behauptet hat, er hätte hier das Sagen. Wenn er wirklich verschwunden ist, dann gibt es jemanden, der ihm geholfen hat. Und dieser jemand muss gewusst haben, dass ich heute hier ankommen würde.“
Morgan wurde blass.
„Das ist nur eine Vermutung.“
„Dann finden wir heraus, ob sie stimmt.“
Der Beamte an der Tür schüttelte den Kopf.
„Niemand geht jetzt irgendwohin. Das gesamte Gefängnis wird durchsucht.“
Daniel steckte den Schlüssel in seine Tasche.
„Dann sollten Sie sich beeilen.“
„Warum?“
Der Junge blickte zur Überwachungskamera über der Tür.
„Weil Marcus nicht geflohen ist.“
Morgan runzelte die Stirn.
„Woher willst du das wissen?“
Daniel zeigte auf den Monitor neben dem Schreibtisch.
Dort lief eine Aufnahme aus dem Korridor vor Marcus’ Zelle. Zwei Beamte hatten die Tür geöffnet. Einer betrat den Raum, während der andere draußen wartete.
Wenige Sekunden später kam der erste Beamte wieder heraus.
Allein.
Die Zelle war leer.
Doch Daniel zeigte nicht auf die offene Tür.
Er zeigte auf die Uhrzeit in der Ecke des Bildschirms.
„Sehen Sie genau hin.“
Morgan beugte sich vor.
Die Aufnahme wurde zurückgespult.
Dann noch einmal.
Und ein drittes Mal.
Schließlich erkannte Morgan, was Daniel meinte.
Zwischen dem letzten Bild, auf dem Marcus in seiner Zelle zu sehen war, und dem ersten Bild, auf dem die Tür geöffnet wurde, fehlten genau elf Minuten.
Elf Minuten, in denen die Kamera kein einziges Bild aufgezeichnet hatte.
Morgan richtete sich langsam auf.
„Das ist unmöglich. Diese Anlage verfügt über ein unabhängiges Überwachungssystem.“
„Dann wurde es von jemandem ausgeschaltet, der wusste, wie es funktioniert.“
„Oder es gab einen technischen Fehler.“
Daniel sah ihn an.
„Glauben Sie das wirklich?“
Morgan antwortete nicht.
Der Junge ging zur Tür.
„Ich möchte zurück in meine Zelle.“
Der Beamte stellte sich ihm in den Weg.
„Das ist jetzt nicht möglich.“
„Warum?“
„Weil du möglicherweise in Gefahr bist.“
Daniel sah kurz auf den Messingschlüssel in seiner Hand.
„Das bin ich schon seit sechs Jahren.“
Dann ging er mit den Beamten zurück auf den Korridor.
Doch als sie an der nächsten Kreuzung ankamen, blieb Daniel abrupt stehen.
Auf dem Boden lag ein kleiner Gegenstand.
Ein schwarzer Knopf.
Er hob ihn auf.
Auf der Rückseite war ein winziges Zeichen eingraviert: ein Kreis, durch den eine senkrechte Linie verlief.
Daniel kannte dieses Zeichen.
Er hatte es auf einem alten Dokument seines Vaters gesehen.
Und auf der Rückseite eines Fotos, das Alexander Cross ihm kurz vor seinem Verschwinden gegeben hatte.
Daniel schloss die Hand um den Knopf.
Jetzt wusste er, dass Marcus nicht das eigentliche Ziel gewesen war.
Jemand hatte ihn verschwinden lassen, damit Daniel etwas finden würde.
Und dieser jemand wusste genau, wonach Daniel suchte.
## TEIL 5: DER HÄFTLING, DER SECHS JAHRE LANG NICHT GESPROCHEN HATTE
Als Daniel in seine Zelle zurückkehrte, wartete dort bereits ein Beamter.
„Du bekommst einen neuen Zellennachbarn“, sagte er.
Daniel blieb stehen.
„Warum?“
„Sicherheitsmaßnahme.“
„Wer ist es?“
Der Beamte öffnete die gegenüberliegende Tür.
Ein älterer Häftling trat heraus. Er war groß, hatte graue Haare und trug eine schlichte Brille. Anders als Marcus oder seine Männer wirkte er nicht bedrohlich.
Er wirkte müde.
Sein Blick wanderte zu Daniel.
Dann blieb er an dessen Gesicht hängen.
Der Mann erstarrte.
Seine Lippen öffneten sich, doch zunächst kam kein Wort heraus.
Schließlich flüsterte er:
„Alexander?“
Daniel spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.
„Was haben Sie gesagt?“
Der Mann blinzelte, als würde er aus einem Traum erwachen.
„Nichts.“
„Sie haben meinen Vater beim Namen genannt.“
Der Häftling wandte sich ab.
„Ich habe mich geirrt.“
Daniel trat näher.
„Mein Vater hieß Alexander Cross.“
Der Mann schloss die Augen.
„Dann solltest du besser nicht zu viele Fragen stellen, Junge.“
„Warum?“
„Weil dein Vater genau das getan hat.“
Der Beamte räusperte sich.
„Genug. Jeder geht in seine Zelle.“
Der alte Häftling verschwand hinter der Tür.
Daniel blieb zurück und starrte auf die Metallfläche.
„Wie heißt er?“, fragte er.
Der Beamte kontrollierte seine Unterlagen.
„Elias Voss.“
Daniel prägte sich den Namen ein.
Elias Voss.
Er hatte diesen Namen noch nie gehört.
Und doch hatte der Mann seinen Vater erkannt, obwohl Alexander Cross seit sechs Jahren offiziell tot war.
In der Nacht konnte Daniel nicht schlafen.
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