Dann begann sie zu weinen.
„Ich erinnere mich an sie.“
„Woran genau?“
Claire wischte sich die Tränen ab.
„Sie hat mir einmal gesagt, ich solle meinen richtigen Namen niemals vergessen.“
Lana spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Hat sie Ihnen gesagt, wie Sie heißen?“
Claire nickte langsam.
„Clara.“
## Kapitel 7 – DIE LETZTE SPUR DER LEHRERIN
Die Entdeckung von Clara war ein wichtiger Durchbruch.
Nach sorgfältigen Überprüfungen konnten die Ermittler bestätigen, dass sie tatsächlich das unbekannte Mädchen auf dem Foto war.
Doch Clara wusste nicht, was aus Margaret Wilson geworden war.
Sie erinnerte sich nur an einzelne Bilder.
An einen langen Flur.
An ein Zimmer mit vielen Betten.
Und an die Lehrerin, die sich immer wieder bemüht hatte, die Kinder zu beruhigen.
„Sie sagte uns, dass wir zusammenhalten müssen“, erzählte Clara.
Lana hörte aufmerksam zu.
„Hat sie jemals versucht, das Lager zu verlassen?“
Clara nickte.
„Ich erinnere mich an einen Abend. Sie sprach sehr laut mit einem Mann.“
„Wissen Sie, worüber?“
„Nein. Aber danach durfte sie nicht mehr zu uns.“
Lana notierte die Aussage.
„Haben Sie sie später noch einmal gesehen?“
Clara schüttelte den Kopf.
„Nicht mehr.“
Für einen Moment herrschte Stille.
Dann fragte Clara:
„Glauben Sie, sie hat versucht, uns zu helfen?“
Lana blickte auf das alte Foto.
„Alles, was wir bisher gefunden haben, deutet darauf hin, dass sie sich um die Kinder gekümmert und versucht hat, Hilfe zu holen.“
Clara senkte den Blick.
„Dann möchte ich, dass ihre Familie das erfährt.“
Lana nickte.
„Das möchten wir auch.“
Die Ermittler begannen erneut, nach Angehörigen der Lehrerin zu suchen.
Margaret Wilson war zum Zeitpunkt ihres Verschwindens zweiunddreißig Jahre alt gewesen.
Sie hatte keine eigenen Kinder, aber eine jüngere Schwester namens Helen.
Helen war inzwischen über achtzig Jahre alt und lebte in einem Pflegeheim.
Als Lana sie besuchte, saß die alte Dame am Fenster und strickte.
„Frau Wilson?“
Helen blickte auf.
„Ja?“
„Ich möchte mit Ihnen über Ihre Schwester Margaret sprechen.“
Die Stricknadeln fielen ihr beinahe aus den Händen.
„Haben Sie sie gefunden?“
Lana setzte sich langsam.
„Wir haben neue Hinweise auf das, was damals geschehen ist.“
Helen begann zu zittern.
„Ich habe neununddreißig Jahre auf diese Nachricht gewartet.“
## Kapitel 8 – DER BRIEF AN HELEN
Als Lana Helen das Foto zeigte, betrachtete die ältere Frau lange das Gesicht ihrer Schwester.
„Das ist Margaret“, flüsterte sie.
Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Sie sieht genauso aus, wie ich sie in Erinnerung habe.“
Lana erzählte ihr von den gefundenen Briefen und von Clara, die sich an Margaret erinnerte.
Helen hörte schweigend zu.
Dann stand sie langsam auf und ging zu einem kleinen Schrank.
Sie holte eine alte Schachtel hervor.
„Ich habe etwas aufbewahrt“, sagte sie.
Darin lagen mehrere Briefe ihrer Schwester.
Der letzte war nur wenige Tage vor der Klassenfahrt geschrieben worden.
Helen reichte ihn Lana.
Die Ermittlerin las vorsichtig.
Margaret hatte darin von ihren Schülern erzählt.
Sie schrieb, wie sehr sie sich auf den Ausflug freute und dass einige Kinder zum ersten Mal ohne ihre Eltern verreisen würden.
Am Ende stand ein Satz:
Ich hoffe, dass ich ihnen nicht nur Lesen und Rechnen beibringe, sondern auch, wie wichtig es ist, aufeinander aufzupassen.
Lana legte den Brief behutsam zurück.
Helen lächelte traurig.
„So war sie immer.“
„Sie muss eine besondere Lehrerin gewesen sein.“
„Das war sie.“
Helen blickte auf das Foto.
„Ich habe mich so oft gefragt, ob sie Angst hatte.“
Lana antwortete nicht sofort.
Dann sagte sie:
„Wir wissen noch nicht alles über ihre letzten Tage. Aber wir haben Hinweise darauf, dass sie versucht hat, die Kinder zu schützen.“
Helen nickte langsam.
„Das glaube ich.“
Sie betrachtete ihre Schwester noch einmal.
„Ich möchte nur wissen, was mit ihr passiert ist.“
Lana versprach keine schnelle Antwort.
Aber sie versprach, die Suche fortzusetzen.
## Kapitel 9 – DAS VERSTECKTE TONBAND
Einige Wochen später machten die Ermittler im alten Lager eine weitere Entdeckung.
Bei der Untersuchung des ehemaligen Verwaltungsgebäudes fanden sie hinter einer beschädigten Wandverkleidung eine kleine Metallkassette.
Darin lagen mehrere Dokumente und eine alte Tonbandkassette.
Auf dem Etikett stand:
APRIL 1986 – M.W.
Lana ließ das Band von Spezialisten untersuchen und digitalisieren.
Die Aufnahme war stark beschädigt.
Lange Zeit hörte man nur Rauschen.
Dann erklang eine Frauenstimme.
„Mein Name ist Margaret Wilson.“
Lana hielt den Atem an.
Die Stimme sprach langsam und angespannt.
„Ich bin Lehrerin an der Green Valley Elementary School. Am vierzehnten April wurden meine fünfzehn Schüler und ich gegen unseren Willen in dieses Lager gebracht.“
Es folgte ein längeres Rauschen.
Dann sprach Margaret weiter.
„Die Kinder sind am Leben. Man hat uns gesagt, dass sie in andere Familien gebracht werden sollen.“
Lana schloss kurz die Augen.
Nach neununddreißig Jahren hörte sie zum ersten Mal die Stimme der verschwundenen Lehrerin.
„Ich weiß nicht, ob jemand diese Aufnahme finden wird“, sagte Margaret.
Ihre Stimme zitterte.
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