In einem der Umschläge befand sich ein Brief.

Er war in einer unbeholfenen Kinderschrift verfasst.

Liebe Mama,

ich weiß nicht, wo ich bin.

Die Leute hier sagen, dass ich bald in einem neuen Zuhause leben werde.

Aber ich möchte nicht in ein neues Zuhause.

Ich möchte zu dir und Papa zurück.

Bitte holt mich ab.

Ich habe Angst.

Deine Emily.

Lana legte den Brief langsam auf den Tisch.

Das Mädchen war damals zehn Jahre alt gewesen.

Sie hatte versucht, ihren Eltern zu schreiben.

Doch der Brief war niemals abgeschickt worden.

Im selben Umschlag lag ein zweites Blatt.

Darauf stand in einer fremden Handschrift:

Korrespondenz nicht weiterleiten.

Daniel blickte Lana an.

„Sie haben den Kindern offenbar erlaubt, Briefe zu schreiben, aber sie nie verschickt.“

Lana nickte.

„Vielleicht wollten sie die Kinder beruhigen.“

„Und die Eltern haben nie erfahren, dass ihre Kinder noch lebten.“

Lana betrachtete die übrigen Umschläge.

Es waren insgesamt zwölf.

Nicht fünfzehn.

Und keiner trug den Namen der Lehrerin.

Sie fragte sich, was mit den übrigen Briefen geschehen war.

Dann entdeckte sie einen kleinen braunen Umschlag, der zwischen zwei Aktenordnern steckte.

Darauf stand lediglich:

FÜR DEN FALL, DASS JEMAND DIE WAHRHEIT SUCHT.

Lana öffnete ihn.

Darin lag ein Foto.

Es zeigte die fünfzehn vermissten Kinder.

Sie standen vor einem Gebäude, das offenbar zum Lager gehörte.

Neben ihnen befand sich ihre Lehrerin.

Doch etwas war anders als auf den alten Schulfotos.

Die Lehrerin hielt ein kleines Mädchen an der Hand.

Ein Mädchen, das nicht zu den fünfzehn vermissten Schulkindern gehörte.

Auf der Rückseite des Fotos stand:

„Sie war schon vor uns hier.“

## Kapitel 5 – DAS MÄDCHEN OHNE NAMEN

Lana betrachtete das Foto lange.

Das unbekannte Mädchen war vielleicht sieben Jahre alt.

Es hatte dunkle Haare, trug ein helles Kleid und blickte ernst in die Kamera.

„Wer ist sie?“, fragte Daniel.

„Das müssen wir herausfinden.“

Die Ermittler verglichen das Bild mit alten Vermisstenmeldungen.

Sie durchsuchten Archive und kontaktierten frühere Mitarbeiter des Kinderlagers.

Doch zunächst fand sich kein Hinweis.

Schließlich erinnerte sich Henry Collins, der ehemalige Hausmeister, an etwas.

Als Lana ihm das Foto zeigte, begann seine Hand zu zittern.

„Dieses Mädchen“, sagte er leise.

„Kennen Sie sie?“

Henry nickte langsam.

„Ich habe sie gesehen.“

Lana setzte sich ihm gegenüber.

„Wann?“

„Einige Wochen vor dem Verschwinden des Schulbusses.“

„War sie ein Feriengast?“

Henry schüttelte den Kopf.

„Nein. Das Lager war damals noch gar nicht für die Saison geöffnet.“

Lana beugte sich vor.

„Woher kam sie?“

Der alte Mann blickte zum Fenster.

„Ich weiß es nicht. Miller sagte, sie sei die Tochter eines Bekannten.“

„Haben Sie jemals ihren Namen erfahren?“

Henry schloss die Augen.

Dann flüsterte er:

„Clara.“

Lana schrieb den Namen auf.

„Clara was?“

„Das weiß ich nicht.“

„Was ist mit ihr geschehen?“

Henry schwieg lange.

Dann sagte er:

„Eines Tages war sie verschwunden. Miller erklärte, ihre Familie habe sie abgeholt.“

Lana betrachtete erneut das Foto.

Wenn Henrys Erinnerung stimmte, hatte sich Clara bereits vor der Entführung der fünfzehn Schulkinder im Lager aufgehalten.

Das bedeutete, dass das kriminelle Netzwerk möglicherweise schon früher aktiv gewesen war.

„Herr Collins“, fragte Lana, „gab es damals noch andere Kinder, die nicht zu den offiziellen Feriengästen gehörten?“

Der alte Mann senkte den Kopf.

„Ich habe manchmal nachts Stimmen gehört.“

Lana hielt den Atem an.

„Kinderstimmen?“

Henry nickte.

„Ja.“

## Kapitel 6 – DIE FRAU MIT DEM NEUEN NAMEN

Vier Wochen später erhielt Lana eine Nachricht von einer internationalen Ermittlungsgruppe.

Eine Frau namens Claire Anderson, die in Kanada lebte, hatte auf einen öffentlichen Aufruf reagiert.

Sie war achtundvierzig Jahre alt und wusste seit ihrer Jugend, dass sie adoptiert worden war.

Ihre Adoptiveltern hatten ihr erklärt, sie sei als kleines Mädchen aus einer schwierigen familiären Situation zu ihnen gekommen.

Doch ihre ursprünglichen Dokumente waren unvollständig.

Als Claire den Bericht über das Kinderlager und das Foto des unbekannten Mädchens sah, erkannte sie eine auffällige Ähnlichkeit mit ihren eigenen Kinderbildern.

Sie meldete sich bei den Behörden.

Lana führte zunächst ein Videogespräch mit ihr.

„Frau Anderson, danke, dass Sie sich bei uns gemeldet haben.“

Claire wirkte nervös.

„Ich weiß nicht, ob ich Ihnen wirklich helfen kann.“

„Erzählen Sie mir einfach, woran Sie sich erinnern.“

Claire dachte nach.

„Ich habe nur wenige Erinnerungen an meine frühe Kindheit.“

„Welche?“

„Ein großes Holzhaus. Viele Bäume. Und eine Frau, die mir manchmal Geschichten vorgelesen hat.“

Lana wurde aufmerksam.

„Erinnern Sie sich an ihren Namen?“

Claire schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Wie sah sie aus?“

„Sie hatte braune Haare. Und sie trug oft einen blauen Mantel.“

Lana öffnete auf ihrem Computer ein altes Foto der vermissten Lehrerin.

„Könnte diese Frau diejenige gewesen sein?“

Claire betrachtete den Bildschirm.

Ihre Augen wurden groß.

„Ich … ich glaube schon.“

Sie beugte sich näher.

„Woher haben Sie dieses Foto?“

Lana antwortete vorsichtig:

„Die Frau hieß Margaret Wilson. Sie war Lehrerin und verschwand 1986 zusammen mit ihren Schülern.“

Claire schwieg.