„Frau Morel? Eine Besucherin möchte Sie sprechen. Sie sagt, es sei dringend.“

„Hat sie einen Namen?“

„Hélène Valmont.“

Camille hielt mitten in der Bewegung inne.

Sie kannte den Namen inzwischen. Jeder kannte ihn. Hélène Valmont galt als eine der einflussreichsten Frauen der französischen Wirtschaft. Sie trat selten öffentlich auf und war dafür bekannt, dass sie Konflikte lieber hinter verschlossenen Türen regelte.

„Ich komme“, sagte Camille.

Im kleinen Besucherraum wartete eine elegante Frau mit silbergrauem Haar. Neben ihr stand eine Assistentin, die eine schmale Ledermappe trug.

Hélène erhob sich nicht, als Camille eintrat.

„Frau Morel.“

„Madame Valmont.“

„Setzen Sie sich.“

Camille blieb einen Moment stehen, bevor sie sich auf den gegenüberliegenden Stuhl setzte.

Hélène musterte sie von Kopf bis Fuß.

„Ich möchte keine Zeit verschwenden. Sie wissen, warum ich hier bin.“

„Wenn Sie wegen der Autoscheibe hier sind, kann ich Ihnen erklären, warum ich sie eingeschlagen habe.“

„Ich spreche nicht von der Autoscheibe.“

Hélène öffnete ihre Ledermappe und legte einen Umschlag auf den Tisch.

„Mein Sohn ist ein viel beschäftigter Mann. Er hat Verpflichtungen, die weit über persönliche Bekanntschaften hinausgehen. Ich möchte nicht, dass eine zufällige Begegnung sein Leben kompliziert macht.“

Camille blickte auf den Umschlag.

„Dann sollten Sie mit Ihrem Sohn sprechen.“

„Das habe ich bereits getan.“

„Dann verstehe ich nicht, was ich damit zu tun habe.“

Hélène schob den Umschlag über den Tisch.

„Darin befindet sich ein Scheck. Sie können damit Ihre finanziellen Schwierigkeiten lösen und sich anschließend aus dem Leben meines Sohnes zurückziehen.“

Für einige Sekunden sagte Camille nichts.

Sie öffnete den Umschlag.

Der Betrag ließ sie kurz innehalten.

Es war mehr Geld, als sie in vielen Jahren verdienen würde, selbst wenn sie jede freie Stunde arbeitete.

Hélène beobachtete sie aufmerksam.

„Sie müssen sich nicht schämen. Jeder hat seinen Preis. Es ist besser, wenn wir diese Angelegenheit diskret beenden.“

Camille legte den Scheck wieder auf den Tisch.

„Sie glauben, ich hätte Ihren Sohn gerettet, weil ich sein Geld wollte?“

„Ich glaube, dass Sie eine Gelegenheit erkannt haben.“

Camille atmete langsam ein.

„Als ich ihn im Auto fand, war er bewusstlos. Seine Haut war kalt, und er reagierte nicht. Ich wusste nicht, ob er die nächsten Minuten überleben würde. Ich dachte nicht an sein Bankkonto. Ich dachte daran, dass er sterben könnte.“

„Sie erwarten also, dass ich Ihnen das einfach glaube?“

„Nein. Ich erwarte gar nichts von Ihnen.“

Camille schob den Umschlag zurück.

„Nehmen Sie Ihren Scheck.“

Hélène rührte sich nicht.

„Überlegen Sie gut. Sie könnten mit diesem Geld Ihrer Familie helfen. Sie könnten sich eine Wohnung kaufen. Sie könnten sich ein anderes Leben aufbauen.“

Camille blickte sie ruhig an.

„Ich baue mir bereits ein Leben auf. Es ist nicht luxuriös, aber es gehört mir.“

Hélènes Gesicht verhärtete sich.

„Sie wissen offenbar nicht, wie diese Welt funktioniert.“

„Vielleicht nicht so, wie Sie sie sehen.“

Camille stand auf.

„Ich werde Ihren Sohn nicht wegen seines Geldes verfolgen. Aber ich werde mich auch nicht von Ihnen dafür bezahlen lassen, dass ich aus seinem Leben verschwinde. Wenn Antoine keinen Kontakt zu mir möchte, kann er mir das selbst sagen.“

Sie ließ den Umschlag auf dem Tisch liegen.

Dann ging sie zur Tür.

Hélènes Stimme hielt sie zurück.

„Sie werden es bereuen, mich so behandelt zu haben.“

Camille drehte sich um.

„Madame, ich habe Sie mit Respekt behandelt. Ich habe lediglich Ihr Angebot abgelehnt.“

Sie öffnete die Tür.

„Einen schönen Tag noch.“

Camille war kaum auf dem Flur, als sie hörte, wie die Tür hinter ihr aufgerissen wurde.

„Was zum Teufel soll das?“

Antoine Valmont stand im Eingang des Besucherraums.

Er trug einen dunklen Anzug, seine Krawatte war gelockert, und sein Gesicht war vor Wut angespannt. Offenbar hatte seine Assistentin ihn angerufen, nachdem sie von dem Treffen erfahren hatte.

Sein Blick fiel auf den Umschlag.

Dann auf den Scheck.

Er nahm ihn in die Hand und las den Betrag.

Für einen Augenblick sagte er nichts.

Dann zerriss er den Scheck mitten durch.

Hélène sprang auf.

„Antoine! Was machst du da?“

Er zerriss die beiden Hälften erneut.

„Was ich tun sollte, bevor du überhaupt daran gedacht hast, hierherzukommen.“

„Ich wollte unsere Familie schützen!“

„Vor wem? Vor der Frau, die mir das Leben gerettet hat?“

„Du kennst sie kaum!“

Antoine drehte sich zu Camille um.

„Das stimmt. Ich kenne sie kaum. Aber ich weiß bereits mehr über ihren Charakter als über den vieler Menschen, die seit Jahrzehnten an meiner Seite stehen.“

Camille stand still. Sie hatte nicht erwartet, dass er auftauchen würde, und noch weniger, dass er den Scheck vor ihren Augen zerreißen würde.

Antoine legte die Papierstücke auf den Tisch.

„Du hast ihr Geld angeboten, damit sie aus meinem Leben verschwindet?“

Hélène hob das Kinn.

„Ich wollte verhindern, dass du ausgenutzt wirst.“

„Dann hättest du vielleicht zuerst mit mir sprechen sollen.“

„Du bist mein Sohn! Ich habe das Recht, dich zu schützen.“