Camille Morel stand regungslos vor dem Schreibtisch des Ärztlichen Direktors.

Julien, ihr älterer Bruder, hatte sein Handy zwischen ihnen auf den Tisch gelegt. Auf dem Bildschirm war ein Foto zu sehen: Camille und Antoine Valmont vor dem Krankenhaus, beide mit einem Becher Kaffee in der Hand. Antoine lächelte, während Camille aussah, als würde sie sich fragen, warum sie überhaupt stehen geblieben war.

Darunter prangte eine Schlagzeile:

„Die Krankenschwester, die einen Milliardär rettete – und jetzt sein Herz erobern will?“

„Erzähl mir, dass das nicht stimmt“, wiederholte Julien.

Camille blickte ihren Bruder an.

„Was genau soll nicht stimmen? Dass ich einen bewusstlosen Mann aus einem Auto geholt habe? Oder dass ich zwei Tage später einen Kaffee mit ihm getrunken habe?“

Julien verzog das Gesicht.

„Du weißt genau, was ich meine. Dieser Mann ist zwei Milliarden Euro wert. Und plötzlich taucht er ständig in deiner Nähe auf.“

„Er hat mir Kaffee gebracht. Das ist alles.“

„Und du glaubst, die Leute werden dir das abnehmen?“

Camille schwieg.

Sie hatte zwölf Stunden in der Notaufnahme gearbeitet, war am nächsten Morgen erneut eingesprungen und hatte seit Tagen kaum geschlafen. Jetzt musste sie sich ausgerechnet vor ihrem eigenen Bruder rechtfertigen, weil sie einem Fremden das Leben gerettet hatte.

Der Ärztliche Direktor räusperte sich.

„Frau Morel, wir müssen die Angelegenheit ernst nehmen. Die Presse hat bereits mehrfach angerufen. Einige Journalisten behaupten, Sie hätten den Kontakt zu Herrn Valmont absichtlich gesucht.“

Camille drehte sich zu ihm.

„Ich habe seine Autoscheibe eingeschlagen, weil er bewusstlos war und nicht reagierte. Wenn das bedeutet, dass ich seinen Kontakt gesucht habe, sollten wir vielleicht die Definition von Erster Hilfe überarbeiten.“

Der Direktor unterdrückte ein Lächeln.

Julien hingegen stand auf.

„Du machst dich lächerlich.“

„Nein, Julien. Ich habe einen Menschen gerettet. Dass dieser Mensch reich ist, war mir völlig egal.“

„Das sagst du jetzt.“

Camille spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog.

„Du kennst mich seit meiner Geburt. Du weißt, wie viele Nachtschichten ich übernommen habe, um unsere Rechnungen zu bezahlen. Du weißt, dass ich meine Ausbildung mit Nebenjobs finanziert habe. Und trotzdem glaubst du, ich würde plötzlich meinen Beruf und meine Würde für Geld verkaufen?“

Julien antwortete nicht sofort.

Seine Frau Élodie, die bisher geschwiegen hatte, blickte von ihrem Handy auf.

„Julien, vielleicht sollten wir erst einmal zuhören.“

„Du hältst dich da raus.“

Élodie zuckte zusammen.

Camille bemerkte es. Sie bemerkte auch die Art, wie Julien den Raum beherrschte, als gehörte ihm jedes Wort darin.

„Ich werde mich nicht weiter rechtfertigen“, sagte Camille schließlich. „Wenn das Krankenhaus eine Untersuchung durchführen muss, werde ich alle Fragen beantworten. Aber ich werde mich nicht dafür entschuldigen, dass ich einem Menschen geholfen habe.“

Sie nahm ihre Tasche.

„Und Julien? Wenn du wirklich wissen willst, was passiert ist, frag mich. Nicht die Boulevardpresse.“

Dann ging sie.

Doch noch bevor sie den Aufzug erreichte, wusste sie, dass dies erst der Anfang war.

Am selben Nachmittag betrat Antoine Valmont das Büro seiner Mutter.

Hélène Valmont war zweiundsechzig Jahre alt, trug maßgeschneiderte Kostüme und führte ihre Familie mit derselben kalten Präzision, mit der sie jahrzehntelang die Geschäfte ihres verstorbenen Mannes verwaltet hatte.

Auf ihrem Schreibtisch lag eine Zeitschrift. Auf dem Titelbild waren Antoine und Camille zu sehen.

„Du solltest vorsichtiger sein“, sagte sie, ohne aufzublicken.

Antoine zog seinen Mantel aus.

„Guten Tag, Mutter.“

„Spar dir die Höflichkeiten. Ist an dieser Geschichte etwas dran?“

„Welche Geschichte? Dass ich einer Frau Kaffee gebracht habe?“

Hélène legte die Zeitschrift beiseite.

„Du weißt genau, was ich meine. Die Frau arbeitet im Krankenhaus. Du besitzt ein Unternehmen mit mehreren tausend Beschäftigten. Du kannst es dir nicht leisten, in einen öffentlichen Skandal hineingezogen zu werden.“

„Camille hat mich gerettet.“

„Und dafür wurde sie bezahlt?“

Antoines Gesicht veränderte sich.

„Was hast du gerade gesagt?“

„Du hast mich verstanden.“

Er trat näher an den Schreibtisch.

„Sie hat eine Autoscheibe eingeschlagen, mich aus dem Wagen geholt und den Rettungsdienst gerufen. Sie wusste nicht einmal, wer ich war.“

„Das behauptet sie.“

„Nein. Das ist passiert.“

Hélène verschränkte die Hände.

„Du bist fünfundvierzig Jahre alt. Du solltest inzwischen wissen, dass Menschen nicht immer das tun, was sie vorgeben.“

Antoine sah seine Mutter lange an.

„Und du solltest inzwischen wissen, dass nicht jeder Mensch käuflich ist.“

Hélène stand auf.

„Ich werde mich darum kümmern.“

„Nein.“

Seine Stimme war ruhig, aber unmissverständlich.

„Du wirst dich aus meinem Privatleben heraushalten.“

Hélène lächelte dünn.

„Du verwechselst Unabhängigkeit mit Undankbarkeit, Antoine.“

„Und du verwechselst Kontrolle mit Liebe.“

Er verließ das Büro, bevor sie antworten konnte.

Hélène blieb allein zurück.

Auf ihrem Schreibtisch lag noch immer das Foto von Camille.

Sie nahm es in die Hand und betrachtete es.

Dann griff sie zum Telefon.

„Finden Sie heraus, wo diese Frau wohnt“, sagte sie zu ihrer Assistentin. „Und vereinbaren Sie einen Termin mit ihr. Morgen.“

Am nächsten Morgen hatte Camille gerade ihre Pause begonnen, als die Empfangsdame der Klinik sie anrief.