Céleste begann erneut zu weinen.
„Ich hatte Angst.“
„Ich glaube dir, dass du Angst hattest“, sagte Antoine. „Aber Angst erklärt eine Lüge. Sie macht sie nicht ungeschehen.“
Er wandte sich ab.
In diesem Moment rief Auguste aus dem Haus.
„Madame! Monsieur Antoine! Sie müssen sich das ansehen!“
Im Arbeitszimmer lag ein zweites Dokument auf dem Schreibtisch.
Es war ein Brief, den Victor offenbar versehentlich zwischen den Unterlagen zurückgelassen hatte.
Éléonore nahm ihn vorsichtig in die Hand.
Der Brief war an einen Geschäftspartner in Marseille adressiert. Darin schrieb Victor, dass die geplante Vereinbarung ihm Zugang zu den Erträgen des Weinguts verschaffen werde. Mit diesen Einnahmen wolle er seine eigenen Gläubiger beruhigen und einen drohenden Verkauf seiner verbliebenen Vermögenswerte verhindern.
Noch erschreckender war ein weiterer Satz:
Antoine wird unterschreiben. Er ist verliebt und wird keine Schwierigkeiten machen. Sobald die gemeinsame Verwaltung eingetragen ist, können wir die notwendigen finanziellen Schritte unternehmen.
Antoine las den Satz zweimal.
„Er wollte das Weingut benutzen, um seine Schulden zu bezahlen.“
Éléonore nickte.
„So sieht es aus. Aber wir werden den Brief und die Vereinbarung von einem unabhängigen Rechtsbeistand prüfen lassen, bevor wir irgendwelche Schlussfolgerungen ziehen.“
Antoine blickte seine Mutter an.
„Du hast es gewusst.“
„Ich hatte einen Verdacht.“
„Warum hast du mir nichts gesagt?“
Éléonore atmete tief durch.
„Weil ich nur einen Satz gehört hatte. Ohne Beweise hätte Céleste alles abstreiten können. Und du hättest vielleicht geglaubt, ich wollte eure Ehe verhindern.“
Antoine sah zum Fenster hinaus.
Im Hof wurden die letzten Lampions vom Wind bewegt.
„Ich hätte dir zuhören sollen.“
„Du hättest vor allem die Vereinbarung lesen sollen, bevor du unterschreibst.“
Er musste trotz allem kurz lächeln.
„Das klingt genau wie du.“
„Dann hast du wenigstens etwas von mir gelernt.“
Doch das Lächeln verschwand schnell.
Antoine setzte sich.
„Was machen wir jetzt?“
Éléonore legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Wir sichern die Unterlagen. Wir sprechen mit dem Notar. Und wir lassen prüfen, ob der Antrag rechtmäßig war. Niemand wird heute Nacht irgendetwas überstürzen.“
„Und Céleste?“
Éléonore schwieg einen Moment.
„Sie muss selbst entscheiden, ob sie dir endlich die ganze Wahrheit erzählt.“
Kurz vor Mitternacht fand Antoine seine Frau allein in der kleinen Kapelle neben dem Haupthaus.
Sie kniete vor der Bank, das Hochzeitskleid lag in Falten um ihre Füße. Als sie ihn hörte, stand sie auf.
„Antoine, bitte. Gib mir eine Chance, dir alles zu erklären.“
Er blieb in einiger Entfernung stehen.
„Dann erkläre es mir.“
Céleste wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
Sie erzählte ihm von den Schulden ihres Vaters, von den Gläubigern, die immer wieder vor ihrer Tür gestanden hatten, und von der Angst, eines Tages alles zu verlieren. Sie erzählte ihm, wie Victor sie davon überzeugt hatte, dass eine rechtliche Beteiligung am Weingut die einzige Möglichkeit sei, ihre Zukunft zu sichern.
Doch als Antoine sie fragte, ob sie von dem Brief an den Geschäftspartner gewusst hatte, zögerte sie.
Dieses Zögern sagte mehr als ihre Worte.
„Du wusstest es“, sagte er leise.
„Ich wusste nicht, dass er es so weit treiben würde.“
„Aber du wusstest, dass es um mehr ging als um unsere gemeinsame Zukunft.“
Céleste begann zu schluchzen.
„Ich wollte dich nicht verlieren.“
Antoine schloss die Augen.
„Dann hättest du mich nicht belügen dürfen.“
Er ging zur Tür.
„Ich werde morgen mit dem Notar sprechen. Bis dahin unterschreibe ich nichts. Und du solltest heute Nacht bei deiner Familie bleiben.“
„Du willst mich wegschicken? An unserem Hochzeitstag?“
Er drehte sich um.
„Ich schicke dich nicht weg, weil du arm bist oder weil dein Vater Schulden hat. Ich bitte dich zu gehen, weil ich nicht mehr weiß, welche deiner Worte wahr sind.“
Céleste stand regungslos da.
Antoine verließ die Kapelle.
Draußen wartete Éléonore.
Sie sagte nichts. Sie legte ihrem Sohn nur einen Arm um die Schultern.
Und zum ersten Mal seit vielen Jahren ließ Antoine zu, dass seine Mutter ihn tröstete.
Am nächsten Morgen trafen Éléonore, Antoine und Auguste den unabhängigen Notar in Aix-en-Provence.
Die Prüfung ergab, dass der eingereichte Antrag nicht automatisch zu einer wirksamen Übertragung des Eigentums geführt hatte. Mehrere Angaben waren unvollständig, und die Vereinbarung musste in wesentlichen Punkten rechtlich geprüft werden. Der Notar empfahl, sämtliche Schritte auszusetzen, bis geklärt war, wer die Unterlagen vorbereitet und mit welcher Vollmacht gehandelt hatte.
Victor Renaud wurde aufgefordert, zu den Unstimmigkeiten Stellung zu nehmen.
Er behauptete, alles sei ein Missverständnis gewesen.
Doch der Brief, die vorbereitete Vereinbarung und die Aussagen mehrerer Beteiligter zeichneten ein anderes Bild.
Die Angelegenheit wurde schließlich von den zuständigen Stellen geprüft. Dabei kamen weitere finanzielle Unregelmäßigkeiten ans Licht, die nicht nur Les Amandiers betrafen.
Éléonore drängte nicht auf Rache.
Sie wollte, dass die Wahrheit festgestellt wurde und das Weingut geschützt blieb.
Céleste kehrte einige Tage später allein nach Hause zurück. Sie bat Antoine um Vergebung, doch er konnte ihr nicht sofort verzeihen. Die Ehe war geschlossen, aber das Vertrauen, auf dem sie hätte beruhen sollen, war zerbrochen.
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