Éléonore de Montfaucon las das Dokument ein zweites Mal.

Dann legte sie es langsam auf den Tisch.

Draußen auf dem Weingut Les Amandiers erklangen die ersten Tanzmelodien. Die Gäste lachten, Gläser klirrten, und zwischen den Olivenbäumen flackerten die Lampions im Abendwind. Für alle anderen war es der glücklichste Tag im Leben von Antoine und Céleste.

Für Éléonore war es der Beginn eines Kampfes um das Erbe ihrer Familie.

„Auguste“, sagte sie leise, „sind Sie sicher, dass Victor den Antrag heute Morgen eingereicht hat?“

Der Verwalter nickte.

„Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Er war beim Notar in Aix-en-Provence. Er behauptete, Ihr Sohn habe der gemeinsamen Verwaltung bereits zugestimmt.“

Éléonore schloss die Augen.

„Antoine hat nichts unterschrieben.“

„Das weiß ich.“

„Dann hat Victor entweder gelogen oder versucht, Tatsachen zu schaffen, bevor jemand ihn aufhalten kann.“

Auguste zog einen weiteren Zettel aus seiner Jackentasche.

„Es gibt noch etwas. Der Notar hat mir gesagt, dass die Unterlagen morgen früh geprüft werden sollen. Wenn die Eintragung akzeptiert wird, könnte es schwierig werden, die Angelegenheit ohne einen Rechtsstreit rückgängig zu machen.“

Éléonore stand auf und ging zum Fenster.

Von dort konnte sie den Innenhof sehen. Antoine stand neben seiner Frau und begrüßte die Gäste. Céleste trug ihr Spitzenkleid und lächelte mit jener vollkommenen Ruhe, die Éléonore früher bewundert hatte.

Nun erschien ihr dieses Lächeln wie eine sorgfältig geprobte Maske.

„Hat Antoine das Dokument gesehen?“, fragte sie.

„Noch nicht. Victor hat ihm gesagt, es handle sich um eine gewöhnliche Vereinbarung zur Verwaltung der Familienfinanzen.“

Éléonore drehte sich um.

„Dann darf mein Sohn es auf keinen Fall unterschreiben, bevor er verstanden hat, was darin steht.“

Auguste zögerte.

„Madame, wenn Sie heute Abend eine Szene machen, wird die ganze Region darüber sprechen.“

„Wenn ich heute Abend schweige, könnte mein Sohn morgen die Kontrolle über das Land verlieren, das seine Familie seit Generationen bewirtschaftet.“

Sie nahm das Dokument und steckte es in eine Schublade.

„Ich werde keine Szene machen. Ich werde dafür sorgen, dass Antoine die Wahrheit erfährt.“

Doch bevor sie den Raum verlassen konnte, hörte sie Schritte im Korridor.

Céleste stand in der Tür.

„Madame de Montfaucon?“

Éléonore schob die Schublade zu.

„Was führt dich hierher, mein Kind?“

Céleste lächelte.

„Ich habe Antoine gesucht. Man sagte mir, er sei bei Ihnen gewesen.“

„Er war nur kurz hier.“

„Ich hoffe, Sie sind nicht böse, dass ich ihn heute so oft beanspruche.“ Céleste trat näher. „Von morgen an wird sich vieles ändern. Antoine und ich werden gemeinsam über die Zukunft des Weinguts entscheiden.“

Éléonore sah sie ruhig an.

„Die Zukunft des Weinguts entscheidet sich nicht an einem einzigen Tag.“

„Natürlich nicht.“ Céleste neigte den Kopf. „Aber eine Ehe bedeutet Vertrauen. Und Vertrauen bedeutet, dass man Besitz und Verantwortung miteinander teilt.“

„Das stimmt“, erwiderte Éléonore. „Vorausgesetzt, beide wissen, was sie teilen.“

Für einen Sekundenbruchteil verschwand Célestes Lächeln.

Dann war es wieder da.

„Ich verstehe nicht, was Sie meinen.“

„Das ist vielleicht auch besser so.“

Céleste betrachtete sie lange.

„Antoine liebt mich. Er wird mir vertrauen.“

„Das hoffe ich für euch beide.“

Die junge Frau nickte höflich und ging.

Erst als ihre Schritte verklungen waren, atmete Éléonore wieder frei.

Sie hatte die Gewissheit, dass Céleste wusste, dass etwas nicht stimmte.

Nun musste sie schneller handeln.

Kurz nach neun Uhr abends begann das Festmahl.

Die lange Tafel war unter den Feigenbäumen gedeckt. Es gab gebratenes Lamm, frisches Brot, Oliven aus den eigenen Hainen und Wein aus den Kellern des Gutes. Die Familien der Nachbardörfer waren gekommen, ebenso Händler aus Marseille und mehrere alte Geschäftspartner von Éléonores verstorbenem Mann.

Victor Renaud saß am Kopfende der zweiten Tafel.

Er war ein kräftiger Mann mit grauem Haar und einem höflichen Lächeln. Er trug einen dunklen Anzug, der an den Ärmeln etwas zu eng saß, und erzählte den Gästen Geschichten über seine angeblich glorreiche Vergangenheit im Burgund.

Éléonore wusste inzwischen, dass seine Geschichte nicht stimmte.

Sein Vermögen war nicht einfach durch schlechte Geschäftspartner verschwunden. Nach Augustes ersten Nachforschungen hatte Victor mehrere Unternehmen gegründet, die innerhalb weniger Jahre Schulden angehäuft hatten. Einige seiner früheren Geschäftspartner beschuldigten ihn, Vermögenswerte auf andere Namen übertragen zu haben, bevor seine Gläubiger Zugriff darauf erhielten.

Noch war nichts davon bewiesen.

Aber es erklärte, warum er es so eilig hatte, Zugang zu den Ländereien der Montfaucons zu bekommen.

Als der Hauptgang abgeräumt wurde, stand Victor auf und klopfte gegen sein Glas.

„Meine Damen und Herren“, begann er, „heute feiern wir nicht nur die Liebe zweier junger Menschen. Wir feiern auch den Beginn einer neuen Zukunft für Les Amandiers.“

Die Gäste applaudierten.

Éléonore bewegte sich nicht.

Victor fuhr fort.

„Antoine und Céleste werden dieses wundervolle Anwesen gemeinsam führen. Und damit ihre Ehe von Anfang an auf Vertrauen und gegenseitiger Verantwortung beruht, haben sie beschlossen, eine Vereinbarung zu unterzeichnen, die ihre gemeinsame Zukunft sichert.“

Éléonore spürte, wie ihre Finger sich um den Rand ihres Glases schlossen.