Antoine sah überrascht aus.
„Eine Vereinbarung?“, fragte er.
Céleste legte ihre Hand auf seinen Arm.
„Nur eine Formalität, mein Liebster. Papa hat alles vorbereitet. Es geht darum, dass wir unsere Angelegenheiten von Anfang an ordentlich regeln.“
Victor nickte zustimmend.
„Der Notar hat die Unterlagen bereits geprüft.“
Das war die erste offene Lüge des Abends.
Éléonore stand auf.
„Antoine.“
Alle Köpfe drehten sich zu ihr.
Sie sprach nicht laut, aber ihre Stimme trug über den gesamten Hof.
„Bevor du irgendetwas unterschreibst, möchte ich, dass du das Dokument vollständig liest.“
Victor lächelte angespannt.
„Madame de Montfaucon, selbstverständlich. Aber es gibt keinen Grund, den Ablauf zu unterbrechen.“
„Wenn es keinen Grund gibt, wird es auch nicht schaden, die Unterlagen zu lesen.“
Céleste senkte den Blick.
„Éléonore, bitte. Heute ist unser Hochzeitstag.“
„Genau deshalb“, sagte die ältere Frau, „sollte heute niemand zu etwas gedrängt werden, das er nicht versteht.“
Antoine sah seine Mutter an.
Er kannte diesen Tonfall. Éléonore benutzte ihn, wenn sie etwas Ernstes entdeckt hatte.
„Gib mir das Dokument“, sagte er zu Victor.
Der Schwiegervater zögerte.
Nur einen Augenblick.
Doch Antoine bemerkte es.
„Jetzt, bitte.“
Victor zog einen Umschlag aus seiner Jacke und reichte ihn ihm.
Antoine öffnete ihn und begann zu lesen.
Zunächst runzelte er nur die Stirn.
Dann wurde sein Gesicht ernst.
Er blätterte zur nächsten Seite.
„Was bedeutet das?“, fragte er.
Céleste setzte ein beruhigendes Lächeln auf.
„Es bedeutet, dass wir unser Leben gemeinsam aufbauen.“
„Hier steht, dass die Verwaltung von mehr als der Hälfte des Anwesens künftig gemeinschaftlich ausgeübt werden soll.“
„Ja. Wir sind verheiratet. Es ist doch selbstverständlich, dass wir zusammenarbeiten.“
Antoine blickte auf.
„Und warum steht hier, dass bestimmte Entscheidungen ohne meine alleinige Zustimmung getroffen werden können?“
Victor mischte sich ein.
„Das ist eine übliche Klausel. Sie schützt deine Frau für den Fall, dass dir etwas zustößt.“
„Und warum wurde der Antrag auf Grundbucheintragung bereits heute Morgen eingereicht?“
Jetzt wurde es still.
Céleste verlor ihre Farbe.
Victor öffnete den Mund, doch Éléonore kam ihm zuvor.
„Weil jemand versucht hat, eine Eintragung vorzubereiten, bevor Antoine überhaupt zugestimmt hatte.“
Ein Murmeln ging durch die Gäste.
Antoine blickte seine Frau an.
„Wusstest du davon?“
Céleste schüttelte den Kopf.
„Nein, Antoine. Papa wollte uns nur helfen.“
„Dann erkläre mir bitte, warum du heute Nachmittag hinter den Feigenbäumen gesagt hast, dass ihr die Hälfte des Anwesens bekommen würdet, sobald ich unterschrieben hätte.“
Céleste erstarrte.
Éléonore hatte Antoine nie erzählt, was sie gehört hatte.
Aber sie hatte Auguste gebeten, ihn diskret auf die Unstimmigkeiten aufmerksam zu machen. Offenbar hatte ihr Sohn inzwischen selbst begonnen, die Ereignisse des Tages zu hinterfragen.
„Du hast mich belauscht?“, flüsterte Céleste.
Antoine sah sie an, als erkenne er sie zum ersten Mal.
„Das ist deine Antwort? Nicht, dass du es nicht gesagt hast. Sondern, dass ich es gehört habe?“
Céleste begann zu weinen.
„Du verstehst nicht, wie schwierig alles für mich war. Mein Vater hat sein Vermögen verloren. Wir haben jahrelang in Unsicherheit gelebt. Ich wollte nie wieder so hilflos sein.“
„Und deshalb wolltest du mein Land?“
„Ich wollte Sicherheit!“
„Sicherheit, die du dir durch eine Lüge verschaffen wolltest?“
Victor schlug mit der Hand auf den Tisch.
„Jetzt reicht es! Du wirst meine Tochter nicht vor all diesen Menschen demütigen!“
Antoine stand auf.
„Du hast mich dazu gebracht, eine Vereinbarung zu unterschreiben, deren Folgen du mir verschwiegen hast. Du hast behauptet, der Notar habe alles geprüft. Und du hast offenbar einen Antrag eingereicht, bevor ich überhaupt zugestimmt hatte.“
Victor richtete seinen Kragen.
„Ich habe lediglich für meine Familie gehandelt.“
„Dann wirst du kein Problem damit haben, alles überprüfen zu lassen.“
Victor schwieg.
Und in diesem Schweigen erkannte Antoine etwas, das er lieber nicht gesehen hätte.
Die Feier wurde nicht sofort beendet.
Éléonore bestand darauf, dass niemand die Unterlagen mitnahm und dass eine Kopie angefertigt wurde. Auguste holte die bereits vorhandenen Dokumente aus dem Haus, während Antoine einen Notar anrief, der nicht mit Victor zusammenarbeitete.
Céleste saß unter den Feigenbäumen und weinte. Einige Gäste versuchten, sie zu trösten. Andere verließen schweigend den Hof.
Antoine ging schließlich zu ihr.
„Ich möchte dir eine Frage stellen“, sagte er.
Céleste hob den Kopf.
„Liebst du mich?“
Sie griff nach seiner Hand.
„Natürlich liebe ich dich.“
„Und wenn ich morgen feststellen würde, dass du keinen Anspruch auf einen einzigen Hektar dieses Landes hast – würdest du dann trotzdem bei mir bleiben?“
Céleste antwortete nicht.
Antoine wartete.
„Bitte“, flüsterte sie. „Lass uns das nicht vor allen Leuten besprechen.“
„Ich frage dich nicht vor allen Leuten. Ich frage dich als deinen Mann.“
Sie senkte den Blick.
„Ich wollte nicht, dass wir jemals so leben müssen wie mein Vater und ich damals. Ich wollte, dass wir unabhängig sind.“
„Wir hätten darüber sprechen können.“
„Du hättest es nicht verstanden.“
Antoine zog seine Hand zurück.
„Du hast entschieden, dass ich es nicht verstehen würde, und deshalb hast du beschlossen, mich zu täuschen.“
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