Sophies Ungeduld. Der gepackte Koffer. Die Forderung, Madeleine solle verschwinden, während Julien nicht zu Hause war.
Es ging nie nur um Privatsphäre.
Jemand wollte sie aus dem Haus entfernen, bevor sie Fragen stellen konnte.
„Julien, hör mir genau zu“, sagte sie. „Unterschreibe nichts. Kein Dokument. Keinen Vertrag. Gar nichts.“
„Mutter, was weißt du?“
Madeleine sah auf den USB-Stick.
„Mehr, als dein Schwiegervater glaubt.“
Sie beendete das Gespräch.
Noch am selben Abend brachte René sie zu einer Anwältin namens Claire Bernard, die sich auf Erbschafts- und Grundstücksrecht spezialisiert hatte. Claire hörte aufmerksam zu, prüfte die Dokumente und wurde zunehmend ernster.
„Wenn diese Unterlagen echt sind, könnte es sich um einen größeren Betrugsfall handeln“, sagte sie schließlich. „Ich werde die Eigentumsregister prüfen und die Echtheit der Verträge untersuchen lassen. Die Tonaufnahme geben wir nicht unüberlegt weiter. Wir sichern zuerst die Originaldateien und erstellen Kopien.“
Madeleine nickte.
„Ich will kein Geld von diesem Mann. Ich will nur wissen, warum mein Mann solche Angst hatte.“
Claire legte die Hände auf den Tisch.
„Dann müssen wir herausfinden, was Marcel Vasseur tatsächlich entdeckt hat.“
Am nächsten Morgen begann die Untersuchung.
Und schon nach wenigen Stunden stieß Claire auf etwas Unerwartetes.
Das Grundstück war tatsächlich vor vielen Jahren Gegenstand eines Rechtsstreits gewesen. Doch der angebliche Kreditvertrag, auf den Étienne Morel sich berief, enthielt eine Unterschrift, die nicht mit den bekannten Unterschriften von Marcels Vater übereinstimmte.
Außerdem war der vermeintliche Gläubiger eine Firma, die bereits Jahre vor dem angeblichen Vertragsabschluss aufgelöst worden war.
Claire sah Madeleine ernst an.
„Jemand hat versucht, einen Anspruch zu konstruieren, der möglicherweise nie existiert hat.“
„Kann man so etwas beweisen?“
„Mit den Originalen, den Registerunterlagen und einer forensischen Prüfung haben wir eine Chance.“
Dann entdeckte Claire einen weiteren Eintrag im Notizbuch.
Eine Zahlung war an einen Notar geflossen, der die Übertragung des Grundstücks hätte beglaubigen sollen.
Der Name des Notars ließ Madeleine erstarren.
Es war der Mann, der nach Marcels Tod die Erbschaftsunterlagen bearbeitet hatte.
Der Mann, der ihr damals versichert hatte, dass alles in Ordnung sei.
Claire griff sofort zum Telefon.
„Wir müssen herausfinden, ob er noch praktiziert.“
Doch bevor sie die Nummer wählen konnte, klingelte Madeleines Handy erneut.
Diesmal war es Sophie.
„Du musst sofort nach Hause kommen“, sagte ihre Schwiegertochter scharf.
Madeleine schwieg.
„Mein Vater hat herausgefunden, dass du Unterlagen besitzt, die ihm gehören.“
„Deinem Vater gehören meine Unterlagen nicht.“
Sophie senkte ihre Stimme.
„Du verstehst nicht, worauf du dich einlässt. Gib ihm den USB-Stick und das Notizbuch. Dann bekommst du dein Zimmer zurück. Du kannst hier wohnen, solange du willst.“
Madeleine blickte auf Noisette, die neben ihrem Stuhl auf dem Boden scharrte.
Vor zwei Tagen hatte Sophie sie wie eine unerwünschte Fremde aus dem Haus gejagt.
Jetzt bot sie ihr plötzlich ein Zimmer an.
Nicht aus Reue.
Aus Angst.
„Warum braucht dein Vater die Unterlagen so dringend?“, fragte Madeleine.
Sophie antwortete nicht.
„Was hat er mit Marcel gemacht?“
Am anderen Ende der Leitung war nur noch Stille.
Dann flüsterte Sophie:
„Du solltest aufhören, in der Vergangenheit zu graben.“
Das Gespräch brach ab.
Madeleine legte das Telefon langsam auf den Tisch.
Claire hatte jedes Wort gehört.
„Wir informieren die Polizei“, sagte sie entschieden. „Und bis dahin bleiben die Originale an einem sicheren Ort.“
Doch Madeleine hatte noch eine Frage.
Eine Frage, die ihr seit der Aufnahme nicht mehr aus dem Kopf ging.
Wenn Étienne Morel tatsächlich versucht hatte, ihren Mann zum Schweigen zu bringen – warum hatte Marcel dann all diese Beweise in Noisettes Federn versteckt?
Warum ausgerechnet dort?
Am Abend kehrte Madeleine mit René in das kleine Haus zurück. Sie setzte sich ans Fenster und nahm die Holzrose aus ihrem Koffer. Marcel hatte sie ihr vor vielen Jahren geschnitzt, als sie sich nach einer schweren Krankheit erholt hatte.
Unter der Rose befand sich eine kleine, kaum sichtbare Vertiefung.
Madeleine hatte sie noch nie bemerkt.
Sie drückte vorsichtig dagegen.
Ein winziges Fach sprang auf.
Darin lag ein gefalteter Zettel.
Nur drei Zeilen standen darauf, in Marcels vertrauter Handschrift:
„Madeleine, wenn du die Wahrheit erfahren hast, suche nicht nach dem Geld.
Suche nach dem Menschen, der mir geholfen hat.
Er lebt noch.
Und er ist näher, als du denkst.“
Madeleine las die Worte zweimal.
Dann hörte sie draußen einen Wagen auf dem Kiesweg.
Scheinwerfer glitten über die Fensterwand.
René trat an die Tür, doch bevor er sie öffnen konnte, klopfte es dreimal.
Madeleine stand auf.
Vor der Tür stand ein Mann in einem dunklen Mantel. Er war älter geworden, sein Gesicht von tiefen Falten durchzogen. Doch Madeleine erkannte ihn sofort.
Es war der ehemalige Notar, der nach Marcels Tod ihre Erbschaft geregelt hatte.
Der Mann, dessen Name in den verdächtigen Unterlagen auftauchte.
Er sah Madeleine an, dann das Huhn neben ihrem Stuhl.
„Sie haben es also gefunden“, sagte er heiser.
Madeleine umklammerte die Holzrose.
„Was gefunden?“
Der Mann schluckte.