Madeleine Vasseur saß am kleinen Küchentisch des verlassenen Hauses und starrte auf das Notizbuch ihres verstorbenen Mannes.

Draußen fiel der Morgennebel über die Weinberge des Périgord. Noisette saß auf ihren Knien und gab leise gackernde Laute von sich, als spüre sie, dass etwas nicht stimmte.

Madeleine strich mit zitternden Fingern über Marcels Handschrift.

„Étienne Morel“, flüsterte sie. „Was hast du mit diesem Mann zu tun gehabt, Marcel?“

Sie erinnerte sich an Sophies Vater. Étienne war ein angesehener Geschäftsmann gewesen, der in der Gegend mehrere Grundstücke besaß. Er hatte immer freundlich gelächelt, wenn er Madeleine begegnete. Doch Marcel hatte sich in den letzten Monaten seines Lebens geweigert, ihn noch einmal zu empfangen.

Damals hatte Madeleine geglaubt, es gehe um einen gewöhnlichen Streit unter Geschäftsleuten.

Jetzt begriff sie, dass ihr Mann etwas mit ins Grab genommen hatte.

Sie öffnete das Notizbuch.

Auf den ersten Seiten standen Daten, Namen und Beträge. Es ging um Grundstückskäufe, verschwundene Überweisungen und Verträge, deren Unterschriften angeblich von Menschen stammten, die längst verstorben waren.

Neben mehreren Einträgen stand dieselbe Bemerkung:

„Gefälschte Eigentumsübertragung. Originalbeweise gesichert.“

Madeleine wurde blass.

Ein Dokument erwähnte das Grundstück, auf dem ihr Bauernhaus stand.

Ein anderes enthielt den Namen ihres Sohnes Julien.

Und auf der letzten vollständig beschriebenen Seite stand ein Satz, der ihr den Atem nahm:

„Wenn Julien jemals versucht, das Haus zu verkaufen, wird er nicht wissen, dass er damit etwas preisgibt, das ihm niemals allein gehört hat.“

Madeleine legte das Notizbuch hin.

Ihr Sohn hatte ihr am vergangenen Sonntag noch versprochen, dass sie für immer in ihrem Zimmer bleiben dürfe. Hatte er sie wirklich hinausgeworfen, weil Sophie es wollte? Oder steckte etwas dahinter, das er selbst nicht verstand?

Sie griff nach dem USB-Stick.

René Delmas, der gerade Holz für den Ofen hereinbrachte, bemerkte ihre Unruhe.

„Madeleine, was ist los?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich weiß es noch nicht. Aber Marcel hat etwas entdeckt, das jemand unbedingt verbergen wollte.“

René stellte das Holz ab.

„Dann sollten wir herausfinden, was es ist. Aber nicht hier, wenn du glaubst, dass jemand danach sucht.“

Madeleine sah ihn überrascht an.

„Du glaubst mir?“

Der alte Winzer lächelte traurig.

„Ich war lange genug auf dieser Welt, um zu wissen, dass Menschen manchmal am freundlichsten lächeln, wenn sie etwas zu verbergen haben.“

Noch am selben Nachmittag fuhren sie in die Stadt zu einem kleinen Computerladen. Der Besitzer half ihnen, die Dateien auf dem USB-Stick zu öffnen.

Zunächst erschienen nur gescannte Rechnungen und alte Briefe. Doch dann entdeckten sie einen Ordner mit dem Namen „Vasseur – Originale“.

Darin befanden sich mehrere Verträge, Bankbelege und eine Tonaufnahme.

Madeleine drückte auf Wiedergabe.

Zuerst war nur Rauschen zu hören. Dann erklang die Stimme ihres Mannes.

„Falls mir etwas zustößt, soll dieses Material beweisen, dass Étienne Morel und seine Geschäftspartner versucht haben, sich durch gefälschte Verträge fremdes Land anzueignen.“

Madeleine presste die Hand vor den Mund.

Dann ertönte eine zweite Stimme.

Sie erkannte sie sofort.

Es war Étienne Morel.

„Und was ist mit dem alten Vasseur? Er stellt zu viele Fragen.“

Eine dritte Stimme antwortete:

„Dann sorgen wir dafür, dass ihm niemand mehr zuhört.“

Die Aufnahme endete abrupt.

Madeleine saß regungslos vor dem Bildschirm.

Marcel war acht Jahre zuvor gestorben. Damals hatte man ihr erklärt, sein Tod sei die Folge einer plötzlich aufgetretenen Herzschwäche gewesen.

Sie hatte nie einen Grund gehabt, daran zu zweifeln.

Bis jetzt.

„Wir dürfen keine voreiligen Schlüsse ziehen“, sagte René leise. „Diese Aufnahme beweist noch nicht, was deinem Mann tatsächlich passiert ist. Aber sie ist wichtig genug, dass wir damit zur Polizei gehen sollten.“

Madeleine nickte.

Doch bevor sie aufstehen konnte, klingelte ihr Telefon.

Es war Julien.

„Mutter? Wo bist du?“

Seine Stimme klang erschöpft.

„An einem Ort, an dem ich willkommen bin.“

Am anderen Ende herrschte Schweigen.

„Sophie hat mir erzählt, du seist freiwillig gegangen.“

Madeleine schloss die Augen.

„Und hast du ihr geglaubt?“

„Ich … ich wusste nicht, was ich glauben sollte.“

„Du hättest mich fragen können.“

Julien atmete schwer.

„Mutter, bitte komm nach Hause. Sophie ist aufgebracht gewesen. Wir können das alles klären.“

„Warum hast du zugelassen, dass sie meinen Koffer in den Hof stellt?“

Er antwortete nicht sofort.

Dann sagte er etwas, das Madeleine das Blut in den Adern gefrieren ließ.

„Weil Sophies Vater behauptet, unser Haus gehöre uns möglicherweise gar nicht.“

Madeleine richtete sich auf.

„Was hast du gerade gesagt?“

„Étienne hat uns Unterlagen gezeigt. Er behauptet, dein Vater hätte vor Jahrzehnten einen Kredit aufgenommen und das Grundstück als Sicherheit hinterlegt. Angeblich sei die Rückzahlung nie erfolgt.“

Madeleine lachte einmal kurz auf, ohne jede Freude.

„Dein Großvater ist seit Jahrzehnten tot. Dein Vater hat dieses Haus mit eigenen Händen aufgebaut. Und jetzt will Sophies Vater es uns wegnehmen?“

„Er hat einen Anwalt eingeschaltet“, flüsterte Julien. „Er sagt, wenn wir nicht kooperieren, könnten wir alles verlieren.“

Madeleine blickte zu René.

Jetzt ergab plötzlich alles einen Sinn.