Doch jetzt hatte er keine Kraft mehr für Lügen.
„Du bist nicht diejenige, die ich allein gelassen habe“, sagte er.
Dann ging er.
Diesmal blickte er nicht zurück.
INT. KLEINES HOTELZIMMER – GLEICHE NACHT
Evelyn saß auf der Bettkante und hielt das Ultraschallbild in ihren Händen.
Sie hatte es aus ihrer Tasche genommen, nachdem sie fast eine Stunde lang durch die Stadt gefahren war, ohne dem Taxifahrer ein Ziel nennen zu können.
Schließlich hatte sie ihn gebeten, sie zu einem kleinen Hotel am anderen Ende der Stadt zu bringen.
Es war kein Ort, an dem Daniel sie suchen würde.
Zumindest hoffte sie das.
Auf dem Bild waren zwei winzige Formen zu erkennen.
Zwei kleine Leben, die nichts von dem Schmerz wussten, der sie umgab.
Evelyn legte eine Hand auf ihren Bauch.
„Ihr zwei“, flüsterte sie, „ich weiß noch nicht, wie ich das schaffen soll.“
Ihre Stimme brach.
Sie hatte immer geglaubt, dass sie eines Tages mit Daniel eine Familie gründen würde. Sie hatten über Namen gesprochen, über ein Haus mit einem Garten und darüber, wie sie ihre Kinder großziehen wollten.
Daniel hatte einmal gesagt, dass er niemals zulassen würde, dass seine Kinder sich ungeliebt fühlten.
An diesen Satz erinnerte sie sich jetzt besonders deutlich.
Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
„Aber ich verspreche euch etwas.“
Sie sah wieder auf das Bild.
„Ich werde euch lieben. Ich werde für euch da sein. Und ich werde niemals zulassen, dass ihr glauben müsst, ihr wärt nicht genug.“
Ihr Telefon vibrierte.
Daniel.
Wieder.
Evelyn schloss die Augen.
Sie wollte seine Stimme hören.
Das war das Schlimmste daran.
Ein Teil von ihr wollte, dass er anrief, dass er sich entschuldigte und ihr erklärte, dass alles ein schrecklicher Irrtum gewesen sei.
Doch sie wusste, dass eine Entschuldigung die Wahrheit nicht ungeschehen machen würde.
Sie schaltete das Telefon aus.
Dann legte sie sich hin, zog die Decke über sich und weinte, bis sie erschöpft einschlief.
Zum ersten Mal seit Jahren war sie allein.
Und zum ersten Mal musste sie herausfinden, wer sie ohne Daniel sein konnte.
SECHS WOCHEN SPÄTER
INT. PRIVATKLINIK – UNTERSUCHUNGSZIMMER – MORGEN
„Frau Carter, die Untersuchung sieht gut aus.“
Evelyn saß auf der Liege und atmete erleichtert aus.
Die Ärztin lächelte, während sie die Ergebnisse auf dem Bildschirm überprüfte.
„Beide Babys entwickeln sich entsprechend unserer bisherigen Untersuchungen. Sie sollten sich weiterhin ausreichend ausruhen und regelmäßig zu den Terminen kommen.“
„Beide“, wiederholte Evelyn leise.
Noch immer fühlte es sich unwirklich an.
Die Ärztin schob ihr einige Unterlagen zu.
„Haben Sie jemanden, der Sie während der Schwangerschaft unterstützen kann?“
Evelyn zögerte.
„Ja“, antwortete sie schließlich. „Meine beste Freundin.“
Es war nicht ganz die Wahrheit.
Ihre Freundin Sophie hatte ihr tatsächlich geholfen, eine kleine Wohnung zu finden. Sie hatte Evelyn beim Umzug unterstützt, ihr Lebensmittel gebracht und dafür gesorgt, dass sie nicht jeden Abend allein essen musste.
Aber Sophie wusste nicht alles.
Sie wusste nicht, wie sehr Evelyn nachts wach lag.
Sie wusste nicht, dass Evelyn manchmal Daniels Nummer wählte und den Anruf wieder abbrach, bevor er verbunden wurde.
Und sie wusste nicht, dass Evelyn noch immer den Verlobungsring in einer kleinen Schachtel aufbewahrte.
Nicht, weil sie auf ihn wartete.
Sondern weil sie sich noch nicht bereit fühlte, endgültig Abschied zu nehmen.
Nach der Untersuchung trat Evelyn auf die Straße.
Die Sonne schien, und Menschen eilten an ihr vorbei, als wäre es ein gewöhnlicher Morgen.
Sie blieb vor einem Schaufenster stehen.
Darin lagen winzige Babyschuhe.
Ein Paar war weiß, das andere hellblau.
Unwillkürlich lächelte sie.
Vielleicht würde es doch einen Weg geben.
Vielleicht würde sie eines Tages auf diesen Abend zurückblicken können, ohne dass sich ihr Herz zusammenzog.
Vielleicht würden ihre Kinder ihr eines Tages zeigen, dass ein Leben nach dem Schmerz möglich war.
Ihr Telefon klingelte.
Sophie.
„Evelyn! Wo bist du?“
„Ich komme gerade aus der Klinik.“
„Und? Was hat die Ärztin gesagt?“
„Alles sieht gut aus.“
Am anderen Ende der Leitung ertönte ein erleichtertes Aufatmen.
„Gott sei Dank! Hör zu, ich habe eine Überraschung für dich. Ich habe dir einen Termin bei einer Anwältin organisiert. Sie ist auf Familienrecht spezialisiert und kennt sich mit komplizierten Vermögensfragen aus.“
Evelyn runzelte die Stirn.
„Warum brauche ich eine Anwältin?“
„Weil du nicht für immer vor deinem alten Leben davonlaufen kannst. Du musst wissen, welche Rechte du hast. Und du musst dafür sorgen, dass du und die Babys abgesichert seid.“
Evelyn schwieg einen Moment.
Sophie hatte recht.
Sie konnte nicht so tun, als wäre Daniel nie Teil ihres Lebens gewesen. Nicht, wenn sie gemeinsame Kinder erwartete.
„Gut“, sagte sie schließlich. „Ich gehe zu dem Termin.“
„Und Evelyn?“
„Ja?“
„Du musst das nicht allein schaffen.“
Evelyn blickte zum Himmel.
„Ich weiß.“
Doch als sie auflegte, bemerkte sie einen schwarzen Wagen am anderen Ende der Straße.
Er stand dort, seit sie die Klinik verlassen hatte.
Die Scheiben waren dunkel getönt.
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