Gabriel las den Brief zweimal.

Dann legte er ihn auf den Tisch.

„Ich werde morgen ins Dorf reiten.“

Elena blickte auf.

„Allein?“

„Ja.“

„Was ist, wenn sie versuchen, die Kinder wieder auseinanderzureißen?“

Gabriel sah sie ernst an.

„Dann werden sie zuerst mit mir sprechen müssen.“

Tomás, der am Fenster gestanden hatte, drehte sich um.

„Ich komme mit.“

„Nein.“

„Ich bin alt genug.“

„Du bist alt genug, um zu wissen, dass Mut nicht bedeutet, überall mitzugehen.“

Tomás wollte widersprechen, aber Gabriel fuhr fort:

„Du bleibst hier und hilfst Samuel, das Dach am Schuppen zu verstärken. Der Schnee kommt früher, als wir erwartet haben.“

Der Junge presste die Lippen zusammen, nickte aber.

Als Gabriel am nächsten Morgen aufbrach, stand Elena mit Clara vor der Tür.

„Warum helfen Sie uns wirklich?“, fragte sie noch einmal.

Gabriel hielt die Zügel fest.

Lange antwortete er nicht.

Dann sagte er: „Weil ich vor vielen Jahren an einem Tag, an dem jemand Hilfe brauchte, nicht rechtzeitig gekommen bin.“

Elena spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog.

„Wer war es?“

Gabriel blickte in Richtung der Berge.

„Meine Familie.“

Dann ritt er davon.

Elena blieb in der Tür stehen, während Clara ihre Hand nahm.

Sie wusste jetzt, dass Gabriel nicht nur ein einsamer Mann war, der beschlossen hatte, acht Kindern Schutz zu gewähren.

Er trug ein Geheimnis mit sich.

Und dieses Geheimnis, das hatte sie plötzlich das Gefühl, würde bald alles verändern.

Denn als Gabriel am Nachmittag ins Dorf zurückkehrte, war er nicht allein.

Neben seinem Pferd lief eine alte Frau mit einem Stock. Sie trug einen abgewetzten Mantel und hielt einen kleinen Lederbeutel fest an ihre Brust gedrückt.

Als sie Elena am nächsten Tag in den Bergen besuchte, sah sie die acht Kinder an und begann zu weinen.

„Du hast sie also gefunden“, flüsterte sie zu Gabriel.

Elena erstarrte.

„Wen gefunden?“

Die alte Frau drehte sich zu ihr um.

„Die Kinder, für die er seit zwölf Jahren jeden Winter Vorräte gesammelt hat.“

Gabriel schloss die Augen.

Und zum ersten Mal seit Elena ihn kannte, wirkte der Mann aus den Bergen nicht wie jemand, der keine Gefühle mehr besaß.

Er wirkte wie jemand, der viel zu lange versucht hatte, mit seiner Trauer allein zu leben.

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