Sie hatte ihn noch nicht vollständig gelesen. Seine Schrift wurde gegen Ende unruhig, und jedes Mal, wenn sie versuchte, die letzten Zeilen zu entziffern, musste sie an seinen Husten denken.
Sie faltete den Brief sorgfältig zusammen und steckte ihn in die Innentasche ihres Kleides.
Dann rief sie die Kinder.
Tomás, der Älteste, trat als Erster aus dem Schlafzimmer. Er war fünfzehn und versuchte seit dem Tod seines Vaters, sich wie ein Erwachsener zu benehmen.
„Müssen wir wirklich gehen?“, fragte er.
Elena strich ihm über die Wange.
„Wir müssen einen Ort finden, an dem wir diesen Winter überstehen.“
„Und wenn der Mann uns nicht will, sobald wir dort sind?“
Diese Frage traf sie härter, als sie zeigen wollte.
„Dann finden wir einen anderen Weg.“
Tomás nickte, aber er sah nicht überzeugt aus.
Samuel kam mit Nora und den Zwillingen aus dem Nebenraum. Jacinto trug eine kleine Tasche mit ihren wenigen Habseligkeiten. Die jüngeren Kinder hielten sich gegenseitig an den Händen.
Clara blieb bei ihrer Mutter.
Sie war erst vier Jahre alt und verstand nicht, warum ihr Vater nicht mehr nach Hause kam. Seit der Beerdigung fragte sie jeden Abend, wann Matteo zurückkehren würde.
Elena hob sie auf den Arm.
„Wir fahren an einen neuen Ort, mein Herz.“
„Kommt Papa auch?“
Elena schloss kurz die Augen.
„Nein, meine Kleine.“
Clara legte ihren Kopf auf die Schulter ihrer Mutter.
„Dann müssen wir ihm sagen, wo wir wohnen.“
Elena küsste ihr Haar.
„Vielleicht irgendwann.“
Als sie vor das Haus trat, wartete Gabriel neben dem Wagen. Er hatte acht Decken, zwei Säcke Mehl, getrocknete Bohnen und mehrere Bündel Brennholz aufgeladen.
„Das ist nur für den Anfang“, sagte er, als er bemerkte, wie sie auf die Vorräte blickte. „Oben in den Bergen müssen wir sparsam sein.“
„Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll.“
„Sie müssen mir nicht danken. Helfen Sie den Kindern beim Einsteigen.“
Er hob die schwersten Taschen auf den Wagen, ohne eine weitere Frage zu stellen.
Als alle saßen, blieb Tomás auf der Erde stehen.
„Ich werde nicht für Sie arbeiten, nur weil Sie uns aufnehmen“, sagte er.
Gabriel drehte sich zu ihm um.
Elena erstarrte.
„Tomás!“
Doch Gabriel hob eine Hand.
„Das ist in Ordnung.“
Der Junge runzelte die Stirn.
„Was?“
„Du musst mir nichts beweisen. Und du schuldest mir keine Arbeit dafür, dass ich deiner Familie helfe.“
Tomás musterte ihn misstrauisch.
„Warum tun Sie es dann?“
Gabriel schwieg einen Augenblick.
„Weil ein Mann manchmal etwas tun muss, nur weil es richtig ist.“
Dann stieg er auf den Kutschbock.
Die Fahrt begann.
—
Der Weg in die Sierra Madre war steiler, als Elena erwartet hatte.
Der Wagen rumpelte über steinige Pfade, vorbei an kahlen Bäumen und schmalen Schluchten. Mit jeder Stunde wurde die Luft kälter. Die Kinder rückten unter den Decken enger zusammen, während Gabriel die Pferde mit ruhiger Stimme lenkte.
Er redete kaum.
Doch jedes Mal, wenn der Wagen an einer gefährlichen Stelle vorbeikam, stieg er ab, prüfte den Weg und half den Pferden über die schwierigsten Abschnitte.
Gegen Mittag hielten sie an einer kleinen Quelle.
Gabriel verteilte Wasser und Brot. Er gab den jüngeren Kindern zuerst zu essen und wartete, bis auch die anderen versorgt waren.
Elena bemerkte, dass er selbst nur ein kleines Stück Brot nahm.
„Sie müssen auch essen“, sagte sie.
„Ich habe schon gegessen.“
Sie wusste, dass das nicht stimmte.
Aber sie widersprach nicht.
Am Nachmittag erreichten sie eine Lichtung zwischen hohen Kiefern. Dort stand Gabriels Hütte.
Sie war größer, als Elena erwartet hatte, aber keineswegs luxuriös. Das Dach war mit schweren Balken verstärkt, vor dem Haus lagen ordentlich gestapelte Holzscheite, und neben dem Stall befand sich ein kleiner Schuppen.
Hinter der Hütte zog sich ein schmaler Pfad zu einem Brunnen.
Gabriel öffnete die Tür.
„Willkommen.“
Die Kinder stiegen langsam aus dem Wagen.
Drinnen roch es nach Holzrauch, getrockneten Kräutern und altem Leder. Es gab einen großen Raum mit einem Herd, einen Tisch, mehrere Stühle und zwei kleine Schlafzimmer.
Acht Kinder und eine Mutter würden hier kaum Platz finden.
Elena sah sich um.
„Gabriel, das ist zu wenig Raum.“
„Für heute reicht es.“
„Aber wo werden die Kinder schlafen?“
Er deutete auf die beiden Schlafzimmer.
„Die kleineren Kinder können dort schlafen. Die älteren bekommen Matratzen im Hauptraum. Ich richte mir eine Schlafstelle im Schuppen ein.“
„Nein“, sagte Elena sofort. „Das können wir nicht zulassen.“
Gabriel sah sie ruhig an.
„Dann schlafen wir alle hier, bis wir eine bessere Lösung gefunden haben.“
Tomás trat in den Hauptraum und untersuchte die Wände. Samuel stellte die Taschen ab. Nora half den Zwillingen, ihre Decken auszubreiten.
Zum ersten Mal seit Wochen hörte Elena ihre Kinder wieder miteinander flüstern, ohne dass die Angst jedes Gespräch bestimmte.
Dann öffnete Gabriel die Vorratskammer.
Elena blieb wie angewurzelt stehen.
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