Die Regale waren nicht voll, aber ordentlich bestückt. Es gab Säcke mit Mais, Bohnen, Mehl und Kartoffeln. An der Decke hingen getrocknete Kräuter, und an einem Balken waren Bündel aus getrocknetem Fleisch befestigt.

Es war genug, um anzufangen.

Nicht genug, um sorglos zu sein.

Aber genug, um nicht sofort verhungern zu müssen.

„Wir werden rationieren“, sagte Gabriel. „Jeder bekommt eine feste Portion. Wenn wir sparsam sind, kommen wir durch den Winter.“

Elena nickte.

„Ich kann kochen, nähen und Kleidung ausbessern. Ich werde nicht einfach hier sitzen und alles verbrauchen.“

Gabriel drehte sich zu ihr um.

„Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass Ihre Kinder mir keine Arbeit schulden.“

„Und ich habe Ihnen gesagt, dass ich nicht untätig bleiben werde.“

Zum ersten Mal huschte etwas über sein Gesicht, das beinahe ein Lächeln war.

„Dann werden wir uns wohl einigen müssen.“

An diesem Abend kochten sie gemeinsam eine einfache Suppe aus Kartoffeln, Bohnen und etwas getrocknetem Fleisch.

Es war keine große Mahlzeit.

Doch als die Kinder um den Tisch saßen, ihre Schüsseln in den Händen hielten und sich leise unterhielten, schien die Hütte ein wenig wärmer zu werden.

Clara saß neben Gabriel.

Sie betrachtete lange die Narbe auf seiner Wange.

„Tut das weh?“, fragte sie plötzlich.

Die anderen Kinder verstummten.

Gabriel legte seinen Löffel hin.

„Nicht mehr.“

Clara dachte darüber nach.

„Mein Papa hat auch wehgetan, als er krank war.“

Elena schloss die Augen, doch Gabriel antwortete, bevor sie etwas sagen konnte.

„Dann hoffe ich, dass er jetzt keine Schmerzen mehr hat.“

Clara nickte zufrieden und aß weiter.

Niemand am Tisch bemerkte, wie Gabriel seine Hand unter der Tischkante zur Faust ballte.

Denn zum ersten Mal seit Jahren hatte jemand von einem Vater gesprochen, ohne dass Gabriel sofort an seinen eigenen Verlust denken musste.

—

In den folgenden Tagen begann sich der Alltag langsam zu ordnen.

Gabriel zeigte Tomás, wie man Holz richtig spaltete, ohne sich zu verletzen. Samuel half ihm, Wasser vom Brunnen zu holen. Die Zwillinge sammelten Tannenzapfen, während Nora und Jacinto Elena beim Kochen unterstützten.

Die Kinder waren vorsichtig mit Gabriel.

Sie wussten nicht, ob seine Freundlichkeit von Dauer sein würde. Sie wussten nicht, warum ein Mann, der angeblich niemanden an sich heranließ, plötzlich acht fremde Kinder unter seinem Dach duldete.

Auch Elena verstand ihn nicht.

Er war streng mit seinen Vorräten, aber niemals geizig mit den Mahlzeiten der Kinder. Er sprach wenig, doch wenn eines der jüngeren Kinder nachts weinte, stand er manchmal als Erster auf, um Holz nachzulegen oder Wasser zu bringen.

Einmal fand Elena ihn vor Sonnenaufgang im Stall.

Er saß auf einem umgedrehten Eimer und hielt ein altes Stück Stoff in den Händen.

Als er bemerkte, dass sie ihn beobachtete, steckte er es hastig in seine Tasche.

„Ich wollte nur nach den Pferden sehen“, sagte sie.

„Sie sind gesund.“

Elena nickte, blieb aber stehen.

„Darf ich etwas fragen?“

Gabriel sah sie an.

„Sie können fragen.“

„Warum leben Sie wirklich allein hier oben?“

Sein Gesicht wurde sofort verschlossen.

Für einen Moment dachte Elena, er würde sie auffordern zu gehen.

Stattdessen stand er auf und ging zur Stalltür.

„Weil ich vor langer Zeit jemanden verloren habe“, sagte er. „Und weil ich danach nicht wusste, wie ich weiterleben sollte, ohne jeden Tag daran erinnert zu werden.“

Elena antwortete nicht sofort.

Sie kannte diesen Schmerz.

„Mein Mann fehlt mir jeden Morgen“, sagte sie schließlich. „Manchmal wache ich auf und denke, ich müsste ihm Frühstück bringen. Dann erinnere ich mich daran, dass er nicht mehr da ist.“

Gabriel blickte auf den gefrorenen Boden.

„Es wird nicht leichter, nur weil die Zeit vergeht.“

„Nein“, sagte Elena. „Aber vielleicht wird es leichter, wenn man nicht allein damit bleibt.“

Er sah sie an.

Diesmal wich er ihrem Blick nicht aus.

Doch bevor er antworten konnte, rief Clara aus dem Haus:

„Gabriel! Tomás sagt, der Herd geht aus!“

Gabriel atmete aus, fast so, als wäre er dankbar für die Unterbrechung.

„Dann sollten wir nachsehen.“

Er ging zurück zur Hütte.

Elena folgte ihm.

Und zum ersten Mal fragte sie sich nicht nur, ob dieser Mann ihre Kinder durch den Winter bringen konnte.

Sie fragte sich, ob ihre Familie vielleicht auch ihm helfen würde, etwas wiederzufinden, das er längst verloren glaubte.

—

Eine Woche später kam ein Reiter aus dem Dorf.

Er brachte einen Brief von Bürgermeister Don Anselmo und eine Nachricht, die Elena den Atem stocken ließ.

Die Vorräte im Dorf wurden knapper. Ein früher Schneesturm hatte den Weg über den Pass blockiert, und mehrere Familien hatten bereits begonnen, ihre Mahlzeiten zu kürzen.

Don Anselmo bat Gabriel, bei der Versorgung der Gemeinschaft zu helfen.

Doch unter dem offiziellen Schreiben stand eine handschriftliche Nachricht.

*Señor Gabriel, ich weiß, dass ich Ihnen nicht das Recht hatte abzusprechen, was Sie tun konnten. Aber die Menschen im Dorf reden. Einige behaupten, Sie hätten sich übernommen. Andere fragen, ob Sie wirklich vorhaben, die Kinder den ganzen Winter zu behalten. Ich bitte Sie, kommen Sie zur Versammlung. Wir müssen gemeinsam entscheiden, wie wir die Vorräte verteilen.*