Olivia hatte den Brief seit Jahren nicht mehr gesehen. Sie hatte geglaubt, alle Briefe aus ihrem früheren Zuhause seien verloren gegangen.

Mit zitternden Händen öffnete sie ihn.

Darin stand, dass ihre Mutter vor ihrem Tod versucht hatte, jemanden in Randsburg zu finden, der Olivia helfen konnte. Sie hatte erfahren, dass die Olsens ihre Tochter mit immer neuen Schulden an sich banden. Doch sie war zu krank gewesen, um selbst zu ihr zu reisen.

Am Ende des Briefes standen nur wenige Zeilen:

*Meine liebe Olivia, wenn du diesen Brief eines Tages liest, hoffe ich, dass du an einem Ort bist, an dem niemand deine Güte gegen dich verwendet. Du bist nicht wertlos. Du warst es nie. Bitte glaube daran, auch wenn andere versuchen, dir das Gegenteil einzureden.*

Olivia presste den Brief an ihre Brust.

Luther fand sie später auf der Veranda. Sie weinte nicht mehr laut. Sie saß einfach da und hielt das Papier in beiden Händen.

„War es ein guter Brief?“, fragte er vorsichtig.

Sie nickte.

„Meine Mutter wusste, dass ich Hilfe brauchte.“

Luther setzte sich neben sie, ohne sie zu bedrängen.

„Dann hat sie dich vielleicht doch noch erreicht.“

### Die Entscheidung vor dem Richter

Jonas Olsen gab nicht auf.

Er reichte eine Beschwerde ein und behauptete, Luther habe ihn unter Druck gesetzt, den Vertrag zu verkaufen. Außerdem verlangte er eine zusätzliche Zahlung für angebliche Arbeitsausfälle.

Doch Luther war vorbereitet.

Mit seinem Anwalt legte er die Quittungen, den ursprünglichen Vertrag und die Zahlungsbestätigung vor. Auch Samuel Briggs erklärte sich bereit, über das zu sprechen, was er auf dem Markt beobachtet hatte.

Olivia wurde ebenfalls angehört.

Als sie vor dem Richter stand, waren ihre Hände kalt. Sie sah kurz zu Luther, der in der letzten Reihe saß. Er nickte ihr zu, sagte aber kein Wort.

Diesmal musste sie selbst sprechen.

Sie erzählte von den ständig wachsenden Schulden, den langen Arbeitstagen und den Bedingungen auf der Farm. Sie beschrieb, wie sie immer wieder versucht hatte, ihre Verpflichtungen zu erfüllen, aber niemals eine klare Möglichkeit erhalten hatte, ihre Freiheit zurückzugewinnen.

Der Richter betrachtete die Dokumente aufmerksam.

Er stellte fest, dass Jonas keine ausreichenden Belege für seine zusätzlichen Forderungen vorgelegt hatte. Die bereits beglichene Vereinbarung wurde anerkannt, und seine neue Forderung wurde zurückgewiesen. Weitere Vorwürfe sollten gesondert geprüft werden.

Als Olivia den Gerichtssaal verließ, fühlte sie sich, als hätte sie zum ersten Mal seit Jahren wieder Platz zum Atmen.

Luther wartete draußen.

„Wie geht es dir?“, fragte er.

Olivia sah in den hellen Himmel.

„Ich glaube, ich bin wirklich frei.“

### Ein Zuhause, das sie selbst wählen durfte

Der Sommer verging.

Olivia begann, einen kleinen Garten hinter dem Haus anzulegen. Sie pflanzte Bohnen, Kürbisse und Blumen, deren Namen Luther nicht kannte. Jeden Morgen ging sie hinaus, um nach den Pflanzen zu sehen.

Sie führte außerdem ein kleines Notizbuch, in dem sie ihre Einnahmen und Ausgaben festhielt. Luther bestand darauf, dass ihr Lohn pünktlich ausgezahlt wurde und sie selbst entscheiden konnte, wofür sie ihr Geld verwendete.

Eines Tages legte sie einige Münzen auf den Küchentisch.

„Ich möchte ein eigenes Sparbuch eröffnen“, sagte sie.

Luther lächelte.

„Dann sollten wir morgen in die Stadt fahren.“

„Nicht, weil du es für mich bezahlst?“

„Nein. Weil es dein Geld ist.“

Olivia sah auf die Münzen.

Es war nicht viel. Aber es war das erste Geld, das sie besaß, ohne dass jemand anderes darüber bestimmen konnte.

Am Abend saßen sie gemeinsam auf der Veranda. Die Berge färbten sich orange, und aus dem Stall war das ruhige Schnauben der Pferde zu hören.

Olivia legte ihre Hand auf die seine.

„Luther, ich möchte bleiben.“

Er sah sie an.

„Auf der Ranch?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Nicht, weil ich keine andere Möglichkeit habe. Sondern weil ich hier sein möchte. Bei dir.“

Luther antwortete nicht sofort. Dann nahm er ihre Hand vorsichtig in seine.

„Dann bleiben wir zusammen, solange wir beide es wollen.“

Olivia lehnte ihren Kopf an seine Schulter.

Und zum ersten Mal fühlte sich die Zukunft nicht wie etwas an, vor dem sie sich fürchten musste.

Doch weit entfernt von der Reed-Ranch saß Jonas Olsen in seinem Arbeitszimmer und betrachtete eine alte Mappe.

Darin befand sich ein Dokument, das er bisher niemandem gezeigt hatte.

Es trug den Namen von Olivias verstorbenem Vater.

Jonas zog ein schmales Lächeln auf.

„Wenn Reed glaubt, dass diese Geschichte vorbei ist“, murmelte er, „hat er noch keine Ahnung.“

**Denn Olivia hatte ihre Freiheit zurückgewonnen. Aber die Wahrheit über ihre Familie war noch lange nicht ans Licht gekommen …**

# Das Geheimnis des alten Dokuments: Jonas Olsen wollte Olivia erneut ihre Freiheit nehmen, doch als Luther Reed den Namen ihres verstorbenen Vaters auf einem vergilbten Vertrag entdeckte, kam eine Wahrheit ans Licht, die das Schicksal der gesamten Reed-Ranch für immer verändern sollte …

## Teil 3 – Das Erbe, das Jonas ihr gestohlen hatte