Er hatte sie nicht gezwungen, eine Rolle zu spielen.
Das bedeutete nicht, dass sie ihm vertraute.
Aber es bedeutete, dass sie ihn nicht länger allein nach den Geschichten beurteilen konnte, die ihr Vater über ihn verbreitet hatte.
—
Das Haus, das Gabriel ihr zeigte, lag etwas außerhalb der Siedlung.
Es war größer, als Catalina erwartet hatte, aber keineswegs luxuriös. Die Wände bestanden aus dunklem Holz und Stein. Vor dem Kamin standen zwei Sessel, auf einem Tisch lagen Karten und alte Dokumente, und in einer Ecke befand sich ein Regal voller Bücher.
Catalina blieb abrupt stehen.
Bücher.
Nicht nur zwei oder drei, sondern Dutzende.
Sie ging langsam zum Regal und strich mit den Fingerspitzen über die Buchrücken. Einige waren in Spanisch verfasst, andere in Englisch. Es gab Reiseberichte, historische Werke, landwirtschaftliche Handbücher und mehrere Bände über mexikanisches Recht.
„Sie lesen?“, fragte sie.
Gabriel stellte eine Tasche ab.
„Wenn die Arbeit es zulässt.“
„Und Sie sammeln Bücher?“
„Einige stammen von meinem Vater. Andere habe ich auf Märkten gekauft.“
Catalina zog einen Band über die Geschichte der Landrechte hervor.
„Diesen habe ich gesucht, seit ich siebzehn war.“
Gabriel betrachtete das Buch.
„Dann können Sie es lesen.“
Sie drehte sich zu ihm um.
„Einfach so?“
„Es gehört nicht mir allein. Sie dürfen die Bücher benutzen, solange Sie hier sind.“
Catalina hielt den Band fester.
„Sie glauben also, dass ich bleiben werde?“
„Ich glaube, dass Sie heute Abend ein warmes Bett brauchen. Was Sie morgen entscheiden, ist Ihre Sache.“
Er zeigte ihr das Zimmer am Ende des Flurs.
Darin standen ein Bett, ein Schrank, ein Waschtisch und ein kleiner Tisch vor dem Fenster. Auf dem Bett lag eine frisch gewaschene Decke.
Gabriel blieb an der Tür stehen.
„Ich werde im anderen Teil des Hauses schlafen. Niemand wird Ihr Zimmer betreten, ohne vorher anzuklopfen. Wenn Sie etwas brauchen, fragen Sie Doña Inés oder mich.“
Catalina verschränkte die Arme.
„Und wann soll die Hochzeit stattfinden?“
Gabriel sah sie ernst an.
„Nicht morgen.“
„Das ist keine Antwort.“
„Dann lautet meine Antwort: erst, wenn wir geklärt haben, was dieser Vertrag bedeutet und ob Sie überhaupt heiraten wollen.“
Er wandte sich zum Gehen.
„Gabriel.“
Er blieb stehen.
Es war das erste Mal, dass sie seinen Vornamen benutzte.
„Warum haben Sie mich wirklich hergebracht?“
Er dachte lange nach.
„Weil ich glaubte, dass ich das Land schützen könnte, wenn ich den Vertrag annähme. Ich habe dabei nicht genug darüber nachgedacht, was es für Sie bedeuten würde.“
Er sah sie an.
„Das war mein Fehler.“
Dann verließ er das Zimmer und schloss die Tür hinter sich.
Catalina setzte sich auf das Bett.
Sie hatte erwartet, in den Bergen eine Gefangene zu werden.
Stattdessen war sie in einem Haus angekommen, in dem ein Mann ihr die Tür geöffnet und ihr die Entscheidung überlassen hatte, ob sie bleiben wollte.
Doch während sie das Buch ihrer Mutter auf den Tisch legte, wusste sie, dass die eigentliche Gefahr nicht in diesen Bergen lag.
Sie lag in Durango.
In den Büros ihres Vaters.
In den Verträgen, die er unterschrieben hatte.
Und in einer Klausel, die vorsah, dass nach ihrem Tod das Land an die Eisenbahngesellschaft fallen sollte.
Catalina nahm die Dokumente erneut hervor und begann, jede einzelne Zeile zu lesen.
Diesmal würde sie nicht darauf warten, dass ein Mann ihr erklärte, was darin stand.
—
Kurz vor Mitternacht klopfte es an ihrer Tür.
Catalina legte die Papiere beiseite.
„Ja?“
Gabriel trat nicht ein. Er blieb im Flur stehen.
„Ein Reiter ist aus Durango angekommen.“
Ihr Herz begann schneller zu schlagen.
„Von meinem Vater?“
„Er trägt das Siegel der Becerra-Familie.“
Gabriel reichte ihr einen versiegelten Umschlag.
Catalina brach das Siegel und zog einen Brief heraus.
Die Handschrift ihres Vaters war unverkennbar.
*Catalina,*
*ich erwarte, dass du dich an die Vereinbarung hältst. Gabriel wird dir erklären, welche Verpflichtungen du übernommen hast. Versuche nicht, die Angelegenheit durch Trotz zu erschweren.*
Darunter stand ein weiterer Absatz, den Octavio offenbar nachträglich hinzugefügt hatte.
*Die Eigentumsurkunden werden erst endgültig übertragen, wenn die Eheschließung bestätigt ist. Bis dahin bleibt die Vereinbarung unter der Kontrolle meiner Rechtsvertreter.*
Catalina las die Zeilen zweimal.
Dann entdeckte sie eine zweite Seite, die nicht von ihrem Vater unterschrieben war.
Es war eine Nachricht des Anwalts der Eisenbahngesellschaft.
Darin wurde Gabriel aufgefordert, innerhalb von zehn Tagen die Hochzeit zu bestätigen. Andernfalls würde das Unternehmen das Abkommen für ungültig erklären und die Landansprüche erneut vor Gericht bringen.
Am unteren Rand befand sich ein weiterer Satz.
*Die Gesellschaft behält sich das Recht vor, sämtliche Ansprüche der örtlichen Bewohner anzufechten.*
Catalina hob den Kopf.
„Zehn Tage“, sagte sie.
Gabriel nickte.
„Das ist die Frist, die sie uns gegeben haben.“
„Und wenn wir nicht heiraten?“
„Dann werden sie versuchen, das Land auf andere Weise zu übernehmen.“
Sie stand auf und ging zum Tisch. Die Dokumente lagen in einer unordentlichen Reihe vor ihr.
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