Doch sie hatte nie gewusst, wie weit sein Plan reichte.

„Warum haben Sie unterschrieben?“, fragte sie.

Gabriel sah zur Bergstraße.

„Weil ich glaubte, dass ich dadurch verhindern könnte, dass er das Land sofort an sich reißt.“

„Indem Sie mich heiraten?“

„Indem ich die Rechte annehme, die er mir zugesteht, und den Vertrag anfechte, bevor seine Eisenbahngesellschaft weitere Ansprüche geltend machen kann.“

Catalina lachte bitter.

„Sie haben mich also ebenfalls als Teil eines Plans betrachtet.“

Gabriel senkte den Blick.

„Ja.“

Diese Antwort überraschte sie mehr als jede Ausrede.

Er versuchte nicht, sich zu rechtfertigen.

„Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass ich alles wiedergutmachen kann“, sagte er. „Aber ich werde Sie nicht zwingen, mir zu vertrauen.“

Catalina faltete das Dokument zusammen.

„Und die Hochzeit?“

„Wenn Sie damit nicht einverstanden sind, werde ich Sie nicht vor den Altar zerren.“

„Dann verlieren Sie möglicherweise das Land.“

„Vielleicht.“

„Und die Eisenbahngesellschaft könnte Sie verklagen.“

„Das ist möglich.“

„Warum nehmen Sie das in Kauf?“

Gabriel blickte sie direkt an.

„Weil ein Mensch kein Stück Land ist, das man in einem Vertrag weiterreichen darf.“

Für einen Moment wusste Catalina nicht, was sie sagen sollte.

Sie hatte ihr ganzes Leben lang Männer erlebt, die über sie sprachen, als wäre sie eine Belastung, eine Verpflichtung oder ein Gegenstand, der gegen Geld und Einfluss getauscht werden konnte.

Gabriel war der erste, der offen zugab, dass er an einem solchen Handel beteiligt gewesen war.

Und der erste, der ihr die Möglichkeit gab, Nein zu sagen.

—

Die Reise in die Berge dauerte fast einen ganzen Tag.

Sie ritten über steinige Wege, durch Kiefernwälder und an tiefen Schluchten vorbei. Der Wind wurde kälter, je höher sie kamen. Mehrmals musste Gabriel anhalten, damit das Pferd sich ausruhen konnte.

Catalina hatte nie gelernt, lange Strecken zu reiten. Ihre Beine schmerzten, und ihre Hände waren vom Zügelhalten wund. Dennoch weigerte sie sich, sich zu beklagen.

Als sie an einer schmalen Brücke ankamen, stieg Gabriel ab und führte das Pferd vorsichtig über die Planken.

Auf der anderen Seite wartete er, bis Catalina ebenfalls abgestiegen war.

„Wir machen hier eine Pause.“

„Ich kann weiterreiten.“

„Das bezweifle ich nicht. Aber das Pferd braucht Wasser, und der Weg wird bald steiler.“

Er führte sie zu einer kleinen Quelle zwischen den Felsen.

Dort holte er Brot, getrocknete Früchte und Käse aus seiner Satteltasche. Catalina nahm das Essen entgegen, ohne sich zu bedanken.

Nach einer Weile fragte sie: „Sind Sie wirklich so gefährlich, wie alle behaupten?“

Gabriel kaute langsam und sah sie an.

„Wer behauptet das?“

„Die Leute in Durango.“

„Die Leute in Durango haben mich nie gefragt.“

„Haben Sie Männer getötet?“

Er legte das Brot beiseite.

„Ich habe mich verteidigt, als Männer kamen, um Menschen von ihrem Land zu vertreiben. Ich werde nicht behaupten, dass ich niemals Gewalt angewendet habe. Aber ich habe nie einen Menschen gejagt, nur weil ich beweisen wollte, dass ich stärker bin.“

Catalina betrachtete die Narbe auf seiner Wange.

„Und die Bären?“

Ein kaum sichtbares Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Ich habe Bären gesehen.“

„Das war nicht meine Frage.“

„Nein. Ich jage sie nicht zum Vergnügen.“

Zum ersten Mal seit ihrer Abreise musste Catalina beinahe lächeln.

Gabriel bemerkte es, machte aber keine Bemerkung dazu.

Als sie wieder aufbrachen, begann der Schnee dichter zu fallen.

Am späten Nachmittag erreichten sie eine kleine Siedlung, die zwischen den Bergen lag. Einige Häuser waren aus Stein gebaut, andere aus Holz. Rauch stieg aus den Schornsteinen auf, und aus einem Stall drang das Schnauben von Pferden.

Menschen kamen aus ihren Häusern, als Gabriel sich näherte.

Ein älterer Mann hob die Hand zum Gruß. Eine Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm trat aus einer Tür. Zwei Jugendliche liefen herbei, um das Pferd zu übernehmen.

Niemand schien Angst vor Gabriel zu haben.

Im Gegenteil.

Sie begrüßten ihn mit einer Vertrautheit, die Catalina aus den Salons von Durango nicht kannte. Dort wurde ihr Vater mit übertriebenen Verbeugungen empfangen, weil jeder etwas von ihm wollte.

Hier nickten die Menschen Gabriel zu, weil sie ihn kannten.

Und weil sie ihm offenbar vertrauten.

Eine ältere Frau trat an Catalina heran.

„Du musst Catalina sein.“

„Ja, Señora.“

Die Frau musterte sie freundlich.

„Ich bin Doña Inés. Komm herein, Kind. Du bist ja halb erfroren.“

Catalina wollte erklären, dass sie kein Kind war. Doch als sie die Wärme des Hauses spürte und den Duft von Suppe roch, brachte sie kein Wort heraus.

Doña Inés legte ihr eine Decke um die Schultern.

„Gabriel hat uns gesagt, dass du heute kommst. Wir haben ein Zimmer vorbereitet.“

Catalina blickte überrascht auf.

„Er hat von mir erzählt?“

„Er hat gesagt, dass du nicht freiwillig hierherkommst.“

Die ältere Frau zog einen Stuhl an den Ofen.

„Und dass wir dir Zeit geben sollen.“

Catalina setzte sich.

In diesem Moment begriff sie, dass Gabriel nicht versucht hatte, ihre Ankunft als triumphale Heimkehr einer Braut darzustellen. Er hatte den Menschen gesagt, dass sie gegen ihren Willen geschickt worden war.