„Mein Mann. Nach seinem Tod habe ich alles übernommen.“
„Hatten Sie jemanden, der ihm bei den Geschäften half?“
Elena dachte nach.
„Ein Mann namens Esteban Rojas. Er kümmerte sich um Lieferungen und manchmal um die Abrechnungen. Er arbeitete jahrelang für meinen Mann.“
„Wissen Sie, wo er jetzt ist?“
„Nein. Er verließ die Gegend wenige Monate nach dem Tod meines Mannes.“
Joaquín blickte auf die Zahlen.
„Vielleicht gibt es eine harmlose Erklärung. Aber wir sollten herausfinden, wofür diese Zahlungen waren.“
Elena wirkte plötzlich sehr müde.
„Ich habe geglaubt, ich hätte jede Seite dieses Buches geprüft.“
„Sie haben versucht, eine ganze Ranch allein zu führen, während Sie trauerten und gleichzeitig gegen Ihre Schulden kämpften. Es ist nicht überraschend, dass Ihnen etwas entgangen ist.“
Sie sah ihn an, als hätte sie nicht erwartet, dass jemand ihre Schwierigkeiten so offen aussprach, ohne sie dafür zu verurteilen.
„Mein Mann vertraute Esteban“, sagte sie leise. „Wenn er Geld genommen hätte, dann hätte er uns beide belogen.“
„Vielleicht. Aber wir wissen es noch nicht.“
Joaquín schloss das Buch nicht. Er markierte die drei Einträge und schrieb die Beträge sorgfältig ab.
Draußen schlug der Wind gegen die Fensterläden.
Elena stand auf, ging zum Fenster und blickte in die Dunkelheit.
„Ramiro wusste immer genau, wann wir Geld brauchten“, sagte sie plötzlich. „Er wusste, wann eine Zahlung fällig war, wann wir Vieh verkaufen mussten und wie viel Wasser wir zur Verfügung hatten.“
Joaquín trat neben sie.
„Vielleicht hatte er gute Informationen.“
„Oder jemand hat sie ihm gegeben.“
Sie wandte sich ihm zu.
Beide dachten an denselben Namen.
Esteban Rojas.
Doch bevor sie weiterreden konnten, hörten sie draußen ein Pferd wiehern.
Joaquín griff nach seiner Laterne und ging zur Tür. Elena folgte ihm bis zur Veranda.
Am Tor stand ein kleiner Junge aus dem Dorf. Er war außer Atem und hielt einen versiegelten Umschlag in der Hand.
„Für Señora Valdés“, sagte er. „Ein Mann hat mich bezahlt, damit ich ihn heute Abend bringe.“
Elena nahm den Umschlag entgegen.
„Welcher Mann?“
„Ich weiß es nicht, Señora. Er wollte seinen Namen nicht nennen.“
Der Junge erhielt ein paar Münzen und ritt davon.
Elena betrachtete das Siegel. Es trug kein Wappen, keinen Namen und keine Adresse.
Joaquín stellte die Laterne auf den Tisch.
„Öffnen Sie ihn.“
Im Inneren lag ein einzelnes Blatt Papier.
Elena las die ersten Zeilen. Dann wurde ihr Gesicht so blass, dass Joaquín ihr den Stuhl heranzog.
„Was steht darin?“
Sie reichte ihm das Blatt.
Die Nachricht bestand aus nur wenigen Sätzen:
*Señora Valdés, wenn Sie wissen wollen, warum Ihre Schulden ständig wachsen und warum Ramiro Valdés so sicher ist, dass er Ihre Ranch übernehmen wird, suchen Sie nach den ursprünglichen Wasserverträgen Ihres Mannes. Die Kopien, die Sie besitzen, sind nicht vollständig.*
Darunter stand eine Adresse in San Jerónimo.
Und ein Name.
**Esteban Rojas.**
Joaquín las die Nachricht ein zweites Mal.
Elena saß vollkommen still.
Draußen lag die Ranch in der Dunkelheit, und irgendwo in der Ferne heulte der Wind über die Berge.
„Morgen reiten wir nach San Jerónimo“, sagte Joaquín.
Elena blickte auf.
„Und wenn es eine Falle ist?“
Er faltete den Brief sorgfältig zusammen.
„Dann werden wir vorsichtig sein. Aber wenn dieser Mann die Wahrheit kennt, könnte er uns sagen, was wirklich mit den Wasserrechten Ihres Mannes geschehen ist.“
Elena sah ihn an. Zum ersten Mal seit Langem war in ihren Augen nicht nur Angst.
Da war Entschlossenheit.
„Dann reiten wir morgen.“
Joaquín nickte.
Er hatte geglaubt, auf La Esperanza nur Arbeit und einen vorübergehenden Platz zum Leben zu finden.
Stattdessen hatte er eine Frau kennengelernt, die sich weigerte, sich von einer ungerechten Welt besiegen zu lassen, und ein Geheimnis entdeckt, das die Zukunft der gesamten Ranch verändern konnte.
Doch als er später in den Stall ging, bemerkte er etwas, das ihm einen kalten Schauer über den Rücken jagte.
Sein Sattel war verschoben worden.
Und an der Schnalle hing ein schmaler Streifen Papier.
Darauf standen fünf Worte, hastig mit schwarzer Tinte geschrieben:
**„Lass die Vergangenheit ruhen, Cowboy.“**
Joaquín blickte zum dunklen Hügel hinüber.
Dann nahm er den Zettel, faltete ihn zusammen und steckte ihn in die Tasche.
Am Morgen würde er nach San Jerónimo reiten.
Und diesmal würde er nicht allein gehen.
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