„Ramiro Valdés war letzte Nacht am Stall. Er hat mir gesagt, ich solle mich von Ihnen fernhalten.“

Elena wurde so still, dass Joaquín das leise Schnauben der Pferde hinter ihnen hören konnte.

„Er hat mit Ihnen gesprochen?“

„Ja.“

„Was genau hat er gesagt?“

Joaquín wiederholte die Drohung so genau, wie er sich erinnern konnte.

Elena schloss die Augen.

„Dann weiß er bereits von Ihrem Angebot.“

„Offenbar.“

Sie setzte ihr Pferd wieder in Bewegung.

„Es tut mir leid, Joaquín.“

Er runzelte die Stirn.

„Wofür?“

„Dass Sie meinetwegen in Schwierigkeiten geraten.“

Joaquín sah sie an.

„Ich bin nicht hier, weil Sie mir Schwierigkeiten versprochen haben. Ich bin hier, weil Sie mir eine ehrliche Arbeit angeboten haben.“

Er machte eine kurze Pause.

„Und weil ich nicht besonders viel davon halte, wenn ein Mann glaubt, er könne einer Frau vorschreiben, wem sie vertrauen darf.“

Elena antwortete nicht. Doch als sie am Haus ankamen, war die Anspannung in ihrem Gesicht nicht mehr ganz so stark.

## Der Mann, der die Wasserrechte kaufen wollte

Am nächsten Morgen begann Joaquín seine Arbeit noch vor Sonnenaufgang.

Er überprüfte die Ställe, ging die Zäune ab und untersuchte die Wassertröge. Mehrere Pfosten mussten ersetzt werden, und ein Abschnitt des nördlichen Zauns war so beschädigt, dass ein Rind problemlos hätte entkommen können.

Doch als er die Wasserleitung hinter dem alten Vorratsschuppen erreichte, blieb er stehen.

Der Wasserfluss war ungewöhnlich schwach.

Er kniete sich neben den Kanal und untersuchte die Stelle, an der das Wasser aus einer schmalen Rinne in den Haupttrog floss. Der Boden war feucht, aber nicht so feucht, wie er hätte sein müssen.

Jemand hatte den Wasserzufluss verändert.

Joaquín folgte dem Kanal ein Stück bergauf. Hinter einer Gruppe von Felsen fand er einen provisorischen Holzverschluss, der einen Teil des Wassers in eine andere Richtung leitete.

Er zog den Verschluss heraus.

Das Wasser begann wieder stärker zu fließen.

Dann entdeckte er frische Hufspuren im weichen Boden.

Sie führten vom Hügel oberhalb der Ranch zu einem schmalen Pfad, der auf das Land von Ramiro Valdés führte.

Joaquín ging zurück zum Haus und fand Elena über ihren Büchern.

„Jemand hat den Wasserzufluss verändert“, sagte er.

Sie stand sofort auf.

„Was?“

Er erklärte, was er entdeckt hatte, und führte sie zur Stelle. Als Elena den provisorischen Verschluss sah, wurde ihr Gesicht hart.

„Das ist nicht das erste Mal“, sagte sie.

„Wie oft ist es schon passiert?“

„Dreimal in den vergangenen zwei Monaten. Jedes Mal dachte ich, die Leitung sei beschädigt.“

„Und jedes Mal wurde Ihnen weniger Wasser geliefert?“

Sie nickte.

„Ramiro behauptet, der natürliche Wasserlauf gehöre ihm, weil die Quelle näher an seinem Grundstück liegt. Mein Mann hat ihm damals widersprochen. Die Wasserrechte wurden beim Kauf der Ranch schriftlich festgehalten.“

„Dann brauchen wir die Unterlagen.“

Elena sah ihn an.

„Sie liegen im Büro. Aber ich habe sie bereits dem Anwalt gezeigt. Er sagt, der Streit könnte Jahre dauern.“

„Vielleicht. Aber wir sollten zuerst sicherstellen, dass niemand die Originale verschwinden lässt.“

Sie gingen zurück zum Haus und öffneten eine verschlossene Schublade. Elena nahm einen dicken Umschlag heraus, in dem Verträge, Karten und alte Vermessungsunterlagen aufbewahrt wurden.

Joaquín breitete die Dokumente auf dem Tisch aus.

Er war kein Anwalt. Doch er hatte viele Jahre auf abgelegenen Ranches gearbeitet und wusste, wie wichtig Wasser in dieser Gegend war. Ohne Wasser gab es keine Weiden. Ohne Weiden konnte man keine Rinder halten. Und ohne Rinder würde La Esperanza ihre Schulden niemals zurückzahlen.

Er studierte die Karte und verglich sie mit den Grenzmarkierungen, die er am Morgen gesehen hatte.

„Hier“, sagte er schließlich.

Elena beugte sich über den Tisch.

„Was haben Sie gefunden?“

Joaquín zeigte auf eine schmale Linie, die von der Quelle über mehrere Parzellen verlief.

„Die Wasserrechte sind nicht nur auf Ihrer Ranch eingetragen. Die Karte zeigt, dass der Zufluss über einen festgelegten Kanal geführt werden muss. Wenn jemand ihn absichtlich verändert, könnte das ein Verstoß gegen die Vereinbarung sein.“

Elena betrachtete die Karte mit wachsender Aufmerksamkeit.

„Ich habe diese Linie schon hundertmal gesehen.“

„Manchmal sieht man erst, was wichtig ist, wenn man weiß, wonach man suchen muss.“

Sie sah zu ihm auf.

„Sie haben eine bemerkenswerte Art, Dinge zu betrachten.“

Joaquín zuckte mit den Schultern.

„Wenn man sein ganzes Leben damit verbringt, für andere Menschen zu arbeiten, lernt man, auf Kleinigkeiten zu achten. Ein kaputter Zaun, ein verändertes Hufmuster, ein Wasserlauf, der plötzlich weniger führt. Solche Dinge erzählen Geschichten.“

Elena lächelte schwach.

„Dann hoffe ich, dass diese Geschichte ein gutes Ende hat.“

Joaquín blickte auf die Dokumente.

„Das hängt davon ab, wer sie geschrieben hat.“

## Ein Besuch, den niemand erwartet hatte

Noch am selben Nachmittag erschien Ramiro Valdés auf der Ranch.

Diesmal kam er nicht allein. Zwei Männer ritten hinter ihm, und alle drei trugen saubere Kleidung, als wollten sie zu einer wichtigen Geschäftsbesprechung statt zu einem Nachbargrundstück, dessen Wasserzufluss sie möglicherweise manipuliert hatten.