Die Tür zum Lagerhaus gab nach.
„Lauf!“, rief Rachel.
Wir rannten durch den Korridor. Ich hielt die Mappe unter meiner Jacke fest und versuchte, nicht auf dem feuchten Boden auszurutschen. Hinter uns hallten Schritte.
Als wir den Hinterhof erreichten, stand dort ein alter Lieferwagen mit laufendem Motor.
Der Taxifahrer saß am Steuer.
Sein Gesicht war blass, und eine frische Wunde verlief über seine Stirn.
„Einsteigen!“, rief er.
Rachel kletterte auf den Beifahrersitz. Ich sprang nach hinten, und der Wagen setzte sich in Bewegung, noch bevor ich die Tür richtig geschlossen hatte.
Im Rückfenster sah ich zwei Männer aus dem Lagerhaus laufen.
Einer hielt ein Telefon ans Ohr.
Der andere hob den Arm und zeigte direkt auf unseren Wagen.
Der Fahrer bog in eine schmale Seitenstraße ein und fuhr mehrere Minuten schweigend weiter.
Schließlich hielt er unter einer Brücke an.
„Ihr müsst mir jetzt zuhören“, sagte er.
Ich umklammerte die Mappe.
„Wer sind Sie wirklich?“
Er sah mich durch den Rückspiegel an.
„Mein Name ist Victor Hale. Vor elf Jahren habe ich deiner Schwester geholfen, aus einer Unterkunft der Organisation zu entkommen. Ich konnte sie damals nicht weit genug bringen, bevor sie uns wieder fanden.“
Rachel starrte aus dem Fenster.
„Victor hat mich versteckt, so gut er konnte. Aber wir mussten ständig den Aufenthaltsort wechseln.“
„Und warum haben Sie mich heute Nacht in ein Taxi steigen lassen?“, fragte ich.
„Weil ich wusste, dass sie dir folgen würden. Ich hatte gehofft, dich abzufangen, bevor sie dich erreichen.“
„Sie hätten mir die Wahrheit sagen können!“
„Dann wärst du vielleicht gar nicht eingestiegen.“
Ich wollte widersprechen, doch ich wusste, dass er recht haben könnte.
Victor legte beide Hände auf das Lenkrad.
„Ich habe viele Fehler gemacht, Emma. Ich habe für Menschen gearbeitet, die anderen ihre Freiheit genommen haben. Dass ich später versucht habe, etwas wiedergutzumachen, macht diese Fehler nicht ungeschehen.“
Zum ersten Mal klang er nicht wie ein Mann, der alles unter Kontrolle hatte.
Er klang wie jemand, der wusste, dass seine Vergangenheit ihn eines Tages einholen würde.
Rachel beugte sich vor.
„Was ist mit Papa?“
Victor schwieg.
Dann griff er in das Handschuhfach und holte einen kleinen Umschlag hervor.
Auf der Vorderseite stand nur ein Wort:
**EMMA.**
Meine Knie wurden weich.
Ich erkannte die Handschrift sofort.
Es war die meines Vaters.
„Woher haben Sie das?“, flüsterte ich.
„Er hat ihn mir vor einigen Wochen gegeben. Er sagte, ich solle ihn dir nur überreichen, wenn du Rachel gefunden hast.“
Ich riss den Umschlag auf.
Darin lag ein einzelnes Blatt Papier.
*Meine liebe Emma,*
*wenn du diesen Brief liest, hast du wahrscheinlich erfahren, dass ich dir nicht alles erzählt habe. Ich wollte dich schützen. Vielleicht habe ich mich dabei geirrt.*
*Es gibt Menschen, die glauben, sie könnten unsere Familie kontrollieren, indem sie uns voneinander trennen. Sie haben Rachel genommen. Sie haben deine Mutter bedroht. Und sie haben versucht, mich dazu zu bringen, die Wahrheit über eine Nacht zu verschweigen, an die ich mich jeden Tag erinnere.*
*Ich weiß nicht, wem du noch vertrauen kannst. Aber ich weiß, dass du klug genug bist, die richtigen Fragen zu stellen.*
*Suche nach dem Namen auf der Rückseite des Fotos.*
*Und wenn du ihn findest, geh nicht allein.*
Ich drehte das Blatt um.
Auf der Rückseite war ein Name geschrieben.
**MARTIN WHITMORE.**
Ich kannte ihn.
Jeder in unserer Stadt kannte ihn.
Martin Whitmore war der Leiter einer angesehenen Wohltätigkeitsorganisation, die sich seit Jahrzehnten für vermisste Menschen und deren Angehörige einsetzte. Er war oft im Fernsehen aufgetreten, hatte Familien Trost gespendet und öffentlich versprochen, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um Verschwundene nach Hause zu bringen.
Auch nach Rachels Verschwinden hatte er unserer Familie geholfen.
Er hatte Spenden organisiert.
Er hatte Pressekonferenzen besucht.
Er hatte meiner Mutter persönlich versprochen, dass wir eines Tages Antworten bekommen würden.
Ich starrte auf den Namen.
„Das kann nicht sein.“
Rachel drehte sich zu mir um.
„Doch, Emma. Ich habe ihn gesehen.“
„Wo?“
Sie schluckte.
„In dem Gebäude, in dem sie mich festgehalten haben. Er kam nicht oft. Aber jedes Mal, wenn er dort war, verschwanden anschließend Unterlagen. Menschen wurden verlegt. Und jemand sorgte dafür, dass die Polizei die falschen Hinweise bekam.“
Ich konnte kaum glauben, was ich hörte.
Der Mann, der unserer Familie Hoffnung gegeben hatte, könnte Teil des Geheimnisses gewesen sein, das uns elf Jahre lang auseinandergehalten hatte.
Victor startete den Motor erneut.
„Wir müssen zu einem sicheren Ort. Morgen übergeben wir die Unterlagen an Ermittler, die nicht mit Whitmore in Verbindung stehen.“
„Und wenn er uns findet?“, fragte ich.
Victor sah mich im Spiegel an.
„Dann darf er diesmal nicht die Geschichte erzählen, bevor wir es tun.“
Ich blickte auf den Brief meines Vaters und dachte an die Jahre, die wir verloren hatten. An meine Mutter, die starb, ohne zu erfahren, was mit ihrer Tochter geschehen war. An Rachel, die geglaubt hatte, sie müsse allein leiden, um mich zu schützen.
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