„Lies ihn.“

Meine Finger zitterten, als ich das Papier entfaltete.

*Wenn du diesen Brief jemals findest, bedeutet das, dass ich nicht mehr da bin, um dir die Wahrheit zu erklären.*

*Rachel, Emma, ihr müsst wissen, dass euer Vater vor vielen Jahren versucht hat, jemandem zu helfen. Er glaubte, damit eine Familie zu retten. Doch die Menschen, mit denen er sich einließ, waren gefährlicher, als er ahnte.*

*Sie haben ihm gedroht. Sie haben unsere Familie beobachtet. Und als er sich weigerte, weiter für sie zu schweigen, haben sie begonnen, uns auseinanderzureißen.*

Ich hielt inne.

Die nächsten Zeilen waren verwischt, als hätte jemand versucht, die Tinte zu entfernen.

Nur ein Satz war noch lesbar:

*Wenn Rachel verschwindet, darf Emma niemals allein nach ihr suchen.*

Ich ließ den Brief sinken.

„Unsere Mutter wusste, dass Rachel entführt werden könnte?“

Rachel schüttelte langsam den Kopf.

„Ich glaube, sie wusste, dass sie uns bedrohen würden. Aber sie wusste nicht, wann oder wie.“

„Und Papa?“

„Er hat versucht, mich zu finden. Er hat jahrelang nach mir gesucht, Emma. Aber die Leute, die mich festhielten, haben ihm eingeredet, ich sei tot. Sie haben ihm gefälschte Nachrichten geschickt und dafür gesorgt, dass jede Spur ins Leere führte.“

„Warum bist du nicht geflohen?“

Rachel sah mich an.

In ihren Augen lag so viel Schmerz, dass ich meine Frage sofort bereute.

„Ich habe es versucht. Mehr als einmal. Aber jedes Mal wurde jemand anderes bedroht. Zuerst Papa. Dann Mama. Und schließlich du.“

Sie griff nach meiner Hand.

„Sie sagten mir, wenn ich Kontakt zu dir aufnehme, würden sie dich finden. Ich dachte, wenn ich verschwinde, bist du wenigstens sicher.“

„Du hättest mir vertrauen müssen“, flüsterte ich.

„Ich weiß.“

Rachel senkte den Kopf.

„Das war mein größter Fehler.“

Plötzlich hörten wir draußen einen Motor.

Dann einen zweiten.

Rachel sprang auf.

„Sie sind hier.“

Ich drehte mich zur Tür.

Durch einen schmalen Spalt sah ich Scheinwerfer, die über die Wand glitten. Autotüren schlugen zu, und mehrere Stimmen hallten durch die Nacht.

„Wie haben sie uns gefunden?“, fragte ich.

Rachel blickte auf den Laptop.

Auf dem Bildschirm leuchtete ein roter Punkt auf einer digitalen Karte.

„Sie haben mein Signal verfolgt.“

„Dann schalten wir das Ding aus!“

„Es ist nicht der Laptop.“

Sie zog den Ärmel hoch.

An ihrem Handgelenk befand sich ein kleines Gerät, kaum größer als eine Münze.

Ich wich erschrocken zurück.

„Was ist das?“

„Ein Ortungsgerät. Sie haben es mir vor Monaten gegeben und behauptet, es diene meiner Sicherheit.“

Sie riss es nicht ab. Stattdessen nahm sie eine kleine Metallbox aus einer Schublade und legte das Gerät hinein. Das Signal auf dem Bildschirm flackerte.

„Das wird uns etwas Zeit verschaffen“, sagte sie.

Von draußen ertönte eine Stimme.

„Rachel! Wir wissen, dass du dort bist!“

Meine Schwester wurde kreidebleich.

Ich nahm ihre Hand.

„Wir gehen jetzt.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Es gibt einen zweiten Ausgang. Aber bevor wir gehen, musst du etwas wissen.“

„Nicht jetzt!“

„Emma, bitte! Das ist der Grund, warum sie dich verfolgen.“

Sie griff unter den Tisch und zog eine kleine schwarze Mappe hervor. Darin befanden sich mehrere Bankbelege, Kopien von Verträgen und ein Foto, das mich sprachlos machte.

Auf dem Bild stand unser Vater neben drei Männern vor einem Bürogebäude.

Einer der Männer war der Taxifahrer.

Ich erkannte seine Narben sofort.

Aber das war nicht das Schlimmste.

Der dritte Mann auf dem Foto war Daniel Pierce, ein ehemaliger Mitarbeiter der Polizei, dessen Name in dem Unfallbericht unserer Mutter auftauchte.

„Der Fahrer hat also all die Jahre mit Papa zusammengearbeitet?“, fragte ich.

„Am Anfang ja“, sagte Rachel. „Er war Teil der Organisation. Später hat er versucht, auszusteigen. Unser Vater half ihm, Beweise zu sammeln.“

„Welche Beweise?“

Rachel öffnete die Mappe.

„Unterlagen, die zeigen, dass die Organisation nicht nur junge Frauen entführt hat. Sie hat auch Identitäten verändert, Dokumente gefälscht und Menschen zum Schweigen gebracht, die ihre Geschäfte aufdecken wollten.“

Ich blickte auf die Papiere.

Einige enthielten Namen. Andere zeigten Zahlungen an Firmen, die es offiziell gar nicht gab.

Dann entdeckte ich eine Liste mit Adressen.

Neben einer davon stand der Name unseres Vaters.

Daneben waren zwei Wörter notiert:

**LETZTER KONTAKT.**

Das Datum lag nur wenige Wochen zurück.

Ich spürte, wie sich der Raum um mich herum zu drehen begann.

„Papa lebt?“

Rachel antwortete nicht sofort.

Dann sagte sie leise: „Ich weiß es nicht.“

Draußen wurden Schritte lauter.

Eine Faust schlug gegen die Metalltür.

„Öffne die Tür, Rachel! Wir wollen nur reden!“

Meine Schwester schloss die Mappe und drückte sie mir in die Hände.

„Wenn wir getrennt werden, bringst du diese Unterlagen zu einer unabhängigen Ermittlungsstelle. Nicht zu jemandem, den du aus den Akten kennst. Verstanden?“

Ich nickte, obwohl mein Kopf voller Fragen war.

Rachel führte mich zu einer schmalen Tür hinter gestapelten Holzkisten. Dahinter lag ein dunkler Korridor, der zu einem Hinterhof führte.

Doch bevor wir den Ausgang erreichten, hörten wir ein lautes Krachen.