„Was hat er gesagt?“

Leon antwortete nicht sofort.

Dann öffnete er die letzte Mappe auf dem Schreibtisch.

Darin lag ein weiteres Dokument.

Es war ein alter Zeitungsartikel über den Tod von Markus Weber.

Doch unter dem Artikel befand sich ein aktuelles Foto.

Ein Mann mit grauem Haar stand vor einem Gebäude in Österreich.

Auf der Rückseite stand ein Datum von vor nur zwei Wochen.

Und darunter vier Worte:

Markus Weber lebt noch.
5. Der Mann, der nicht tot war
Friedrich setzte sich langsam auf den alten Bürostuhl.

„Das ist unmöglich.“

Leon starrte auf das Foto.

„Ich habe ihn beerdigt.“

„Haben Sie den Leichnam gesehen?“

Leon schwieg.

Er erinnerte sich an den Tag der Beerdigung. Die Zeremonie war klein gewesen. Sein Vater hatte verfügt, dass der Sarg geschlossen bleiben sollte. Der Arzt hatte einen natürlichen Tod bestätigt. Die Familie hatte getrauert, und Leon hatte versucht, den Verlust zu akzeptieren.

Doch jetzt schien jede Erinnerung eine neue Frage aufzuwerfen.

„Nein“, sagte Leon schließlich. „Ich habe ihn nicht gesehen.“

Friedrich nahm das Foto.

Der Mann darauf war älter als der Markus, den er gekannt hatte. Sein Gesicht war schmaler, seine Haare fast vollständig grau. Doch die Augen waren dieselben.

Friedrich kannte diesen Blick.

Er hatte ihn schon einmal gesehen.

In jener Nacht, als Markus ihm gesagt hatte, dass er nichts tun könne, um ihm zu helfen.

„Warum sollte er seinen Tod vortäuschen?“, fragte Leon.

Friedrich betrachtete die Unterlagen.

„Vielleicht wollte er verschwinden, bevor jemand herausfand, was wirklich geschehen war.“

„Aber warum sollte er mich belügen?“

„Weil Sie sein Sohn sind.“

Leon sah ihn an.

Friedrich seufzte.

„Manchmal lügen Menschen nicht, weil sie ihre Familie hassen. Sie lügen, weil sie Angst haben, dass ihre Familie sie nicht mehr lieben würde, wenn sie die Wahrheit kennt.“

Leon schwieg lange.

Dann vibrierte das Telefon erneut.

Eine Nachricht.

Unbekannte Nummer.

Wenn Sie wissen wollen, was in jener Nacht wirklich geschah, kommen Sie morgen um neun Uhr zum alten Isarufer. Bringen Sie die Akte mit. Kommen Sie allein.

Darunter befand sich ein weiteres Bild.

Diesmal zeigte es eine Frau.

Sie stand vor einem kleinen Haus und hielt einen Einkaufskorb in der Hand. Ihr Haar war kürzer geworden, und in ihrem Gesicht hatten sich Falten gebildet.

Doch Friedrich erkannte sie sofort.

Seine Tochter.

Sophie.

Er sprang auf.

„Woher haben Sie dieses Bild?“

Leon nahm das Telefon und betrachtete es.

„Es wurde mir gerade geschickt.“

Friedrich griff nach dem Gerät.

„Wo ist sie?“

„Ich weiß es nicht.“

„Sie müssen es herausfinden!“

„Ich werde es versuchen.“

Friedrichs Hände zitterten.

Dreißig Jahre lang hatte er geglaubt, seine Tochter wolle nichts mehr mit ihm zu tun haben.

Und nun gab es ein Foto, das zeigte, dass jemand sie beobachtete.

Jemand, der wusste, dass Friedrich und Leon zusammenarbeiten würden.

Jemand, der die Vergangenheit nicht ruhen lassen wollte.

Friedrich blickte auf das Bild seiner Tochter.

„Wenn ihr etwas passiert …“

Er konnte den Satz nicht beenden.

Leon legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Wir finden sie.“

Friedrich schüttelte die Hand ab, nicht aus Wut, sondern weil er es nicht ertragen konnte, Trost von einem Menschen anzunehmen, dessen Familie ihn zerstört hatte.

„Sie verstehen das nicht“, sagte er leise. „Ich habe sie schon einmal verloren.“

Leon sah ihn an.

„Dann sorgen wir dafür, dass Sie sie nicht ein zweites Mal verlieren.“

Draußen begann es zu regnen.

Die Tropfen schlugen gegen die alten Fenster.

Und irgendwo in München wartete eine Frau, die glaubte, dass ihr Vater sie vor langer Zeit verlassen hatte.

Sie wusste nicht, dass er nur wenige Kilometer entfernt gerade erfahren hatte, dass sie noch immer am Leben war.

Sie wusste auch nicht, dass der Mann, der ihre Familie zerstört hatte, möglicherweise zurückkehren würde.

Doch eines war sicher:

Am nächsten Morgen würde Friedrich Keller nicht mehr allein sein.

Denn diesmal hatte er etwas, das er dreißig Jahre lang nicht besessen hatte.

Einen Verbündeten.

Und eine Wahrheit, die endlich ans Licht kommen musste.

Fortsetzung folgt …