„Entschuldigen Sie bitte.“

Friedrich hob den Kopf.

Vor ihm stand eine Frau in einem dunkelroten Mantel. Sie war ungefähr sechzig Jahre alt und hielt eine kleine Papiertüte in der Hand.

„Ich habe Sie heute Morgen auf der Straße gesehen“, sagte sie. „Ich wollte Ihnen etwas zu essen bringen.“

Sie stellte die Tüte neben ihn.

Friedrich blickte hinein.

Ein belegtes Brot, ein Apfel und eine Flasche Wasser.

„Danke“, murmelte er.

Die Frau setzte sich nicht. Sie schien es nicht eilig zu haben, aber sie wollte ihn auch nicht bedrängen.

„Darf ich Sie etwas fragen?“

Friedrich sah sie misstrauisch an.

„Wenn es sein muss.“

„Kennen Sie einen Mann namens Markus Weber?“

Sein Gesicht veränderte sich sofort.

Die Frau bemerkte es.

„Ich dachte es mir“, sagte sie leise.

Friedrich stand auf.

„Wer sind Sie?“

„Mein Name ist Ingrid Bauer. Ich habe viele Jahre in der Buchhaltung der Firma Weber gearbeitet.“

Friedrich wurde still.

Ingrid öffnete ihre Handtasche und holte einen kleinen Umschlag heraus.

„Ich hätte mich schon vor langer Zeit bei Ihnen melden müssen.“

„Warum haben Sie es nicht getan?“

Sie senkte den Blick.

„Weil ich Angst hatte.“

Friedrich lachte bitter.

„Das sagen sie alle.“

„Sie haben recht.“

Ingrid widersprach ihm nicht.

„Ich habe damals Unterlagen gesehen, die nicht stimmen konnten. Ich wusste, dass die Vorwürfe gegen Sie falsch waren. Aber ich hatte eine Familie, zwei Kinder und einen Mann, der seine Arbeit verloren hätte, wenn ich ausgesagt hätte.“

„Also haben Sie geschwiegen.“

„Ja.“

Friedrich sah sie lange an.

„Wissen Sie, was Ihr Schweigen mich gekostet hat?“

Ingrid nickte, während ihr die Tränen in die Augen stiegen.

„Ich weiß, dass keine Entschuldigung das wiedergutmachen kann.“

Sie reichte ihm den Umschlag.

„Aber ich habe Kopien der Dokumente aufbewahrt. Ich konnte sie damals nicht veröffentlichen. Ich hatte Angst, dass jemand meiner Familie etwas antun würde. Jetzt sind meine Kinder erwachsen, und ich möchte nicht länger mit dieser Schuld leben.“

Friedrich nahm den Umschlag nicht sofort.

Er betrachtete die Frau vor sich.

Sie war keine mächtige Geschäftsfrau. Keine Richterin. Keine Person, die seine verlorenen Jahre zurückgeben konnte.

Sie war einfach ein Mensch, der zu lange geschwiegen hatte.

„Warum geben Sie mir das jetzt?“

„Weil Ihr Name wieder aufgetaucht ist.“

Friedrich erstarrte.

„Was meinen Sie?“

Ingrid sah sich um, bevor sie antwortete.

„Vor drei Tagen hat jemand in der alten Firmenzentrale nach Ihrer Personalakte gefragt. Nicht nach den Geschäftsunterlagen. Nach Ihrer persönlichen Akte.“

„Wer?“

„Das weiß ich nicht. Aber ich habe gesehen, wie diese Person einen Umschlag aus dem Archiv mitgenommen hat.“

Friedrich nahm schließlich den Brief.

„Und was war darin?“

„Eine Kopie Ihrer ursprünglichen Zeugenaussage.“

Er runzelte die Stirn.

„Ich habe nie eine Zeugenaussage unterschrieben.“

„Genau deshalb sollten Sie vorsichtig sein.“

Ingrid trat einen Schritt zurück.

„Wenn Sie heute Abend zu dieser Adresse gehen, nehmen Sie diese Dokumente mit. Und gehen Sie nicht allein.“

Dann wandte sie sich ab.

„Warten Sie!“

Sie blieb stehen.

„Warum helfen Sie mir?“

Ingrid drehte sich noch einmal um.

„Weil ich damals eine Entscheidung getroffen habe, mit der ich leben musste. Und weil ich nicht möchte, dass jemand anderes den Rest seines Lebens für meine Feigheit bezahlen muss.“

Sie ging davon.

Friedrich setzte sich wieder auf die Bank.

In seinen Händen lagen nun zwei Umschläge.

Einer enthielt das Geständnis seines ehemaligen Freundes.

Der andere möglicherweise den Beweis, dass er nie der Mann gewesen war, für den ihn die Welt gehalten hatte.

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten wusste er nicht, ob er sich auf die Wahrheit freute.

Er hatte so lange geglaubt, dass nichts mehr schlimmer werden konnte.

Doch plötzlich öffnete sich eine Tür, hinter der er nicht nur Gerechtigkeit vermutete, sondern auch neue Fragen.

Wer hatte die gefälschte Aussage erstellt?

Warum wurde gerade jetzt nach seiner Akte gesucht?

Und warum hatte jemand Leon angerufen, um ihn von diesem Treffen abzuhalten?
4. Die Adresse um sechs Uhr
Kurz vor sechs Uhr abends stand Friedrich vor einem alten Geschäftshaus in München.

Die Fassade war grau, die Fenster waren teilweise mit Brettern verschlossen, und über der Eingangstür hing ein verblasstes Schild.

Keller & Weber – Fahrzeugtechnik.

Friedrich musste sich am Geländer festhalten.

Es war die Werkstatt, die er gemeinsam mit Markus aufgebaut hatte.

Seit dem Brand war er nie wieder hier gewesen.

Das Gebäude war später verkauft worden, und die neue Firma hatte es nur wenige Jahre genutzt. Danach stand es leer.

Er hatte geglaubt, dass es längst abgerissen worden war.

Doch es stand noch immer.

Als hätte jemand gewartet.

Friedrich öffnete die Tür.

Sie war nicht verschlossen.

Im Inneren roch es nach Staub, kaltem Metall und feuchtem Holz. Die alten Werkbänke waren verschwunden, aber an den Wänden waren noch immer helle Rechtecke zu erkennen, an denen früher Werkzeuge gehangen hatten.

Er ging langsam durch den Raum.

Jeder Schritt weckte eine Erinnerung.

Hier hatte Markus ihm einmal einen Schlüsselbund zugeworfen.