Dort hatten sie nach einem langen Arbeitstag auf dem Boden gesessen und über ihre Zukunft gesprochen.
An jener Wand hatte Friedrich ein Foto von Anna und der kleinen Sophie aufgehängt.
Er blieb stehen.
Das Foto war verschwunden.
Doch auf dem Boden lag ein kleiner Bilderrahmen.
Er hob ihn auf.
Das Glas war zerbrochen.
Auf dem Foto lächelten Anna und Sophie in die Kamera. Friedrich stand hinter ihnen und legte seine Hände auf ihre Schultern.
Er konnte sich noch genau erinnern, wie Sophie an diesem Tag gelacht hatte.
Sie war gerade fünf Jahre alt gewesen.
„Papa, wenn ich groß bin, werde ich dir helfen, Autos zu reparieren“, hatte sie gesagt.
Er hatte sie auf den Arm genommen und ihr versprochen, dass sie eines Tages ihre eigene Werkstatt bekommen würde.
Dann hatte er das Foto vorsichtig in seine Jackentasche gesteckt.
Hinter einer halb geöffneten Tür hörte er ein Geräusch.
Friedrich erstarrte.
„Hallo?“
Keine Antwort.
Er ging weiter.
Im hinteren Teil des Gebäudes befand sich ein kleiner Büroraum. Die Tür stand offen. Auf dem Schreibtisch lag eine einzelne Akte.
Darauf stand sein Name.
Friedrich Keller.
Er öffnete sie.
Die ersten Seiten enthielten Kopien alter Geschäftsverträge. Dann folgten Bankunterlagen und ein Bericht über den Brand.
Auf der letzten Seite war ein Dokument abgeheftet, das er noch nie zuvor gesehen hatte.
Es trug die Unterschrift von Markus Weber.
Darunter stand:
Ich bestätige, dass Friedrich Keller zum Zeitpunkt des Brandes nicht in der Werkstatt anwesend war. Die Verantwortung für die fehlenden Gelder liegt nicht bei ihm.
Friedrich las den Satz immer wieder.
Sein Freund hatte gewusst, dass er unschuldig war.
Er hatte es schriftlich festgehalten.
Doch das Dokument war nie vor Gericht vorgelegt worden.
Warum?
Er blätterte die Seite um.
Auf der Rückseite stand eine weitere Notiz:
Die Originalbelege befinden sich im Schließfach 314 der Münchner Privatbank. Der Schlüssel wurde Leon übergeben.
Friedrich hörte Schritte.
Er fuhr herum.
Leon Weber stand in der Tür.
Der junge Mann trug keinen Anzug mehr, sondern eine dunkle Jacke. Seine Sonnenbrille hatte er abgenommen. In seinem Gesicht lag keine Spur von dem selbstbewussten Lächeln, das er am Morgen gezeigt hatte.
„Sie sind gekommen“, sagte Leon.
Friedrich hielt das Dokument hoch.
„Was ist das?“
Leon blickte darauf.
„Ein Beweis.“
„Ein Beweis wofür?“
„Dass mein Vater gelogen hat.“
Friedrichs Kiefer spannte sich an.
„Ihr Vater hat nicht nur gelogen. Er hat zugelassen, dass ich alles verliere.“
„Ich weiß.“
„Nein“, sagte Friedrich scharf. „Sie wissen gar nichts.“
Leon nahm den Vorwurf schweigend hin.
Friedrich trat näher.
„Wissen Sie, wie es ist, wenn die eigene Tochter sich für einen schämt? Wissen Sie, wie es ist, wenn man jeden Tag aufwacht und nicht weiß, ob man am Abend einen sicheren Platz zum Schlafen haben wird? Wissen Sie, wie es ist, wenn man jahrelang versucht, seine Unschuld zu beweisen, und niemand zuhört?“
Leon senkte den Blick.
„Nein.“
„Dann behaupten Sie nicht, Sie wüssten es.“
„Das werde ich nicht.“
Eine lange Stille entstand.
Dann öffnete Leon seine Aktentasche.
Er legte mehrere Dokumente auf den Schreibtisch.
„Ich bin nicht hier, um Sie um Vergebung zu bitten. Ich bin hier, weil mein Vater mir gesagt hat, dass ich Ihnen die Wahrheit schulde.“
Friedrich betrachtete die Unterlagen.
„Und das Geld?“
„Es gehört Ihnen nicht als Bezahlung für Ihr Leid. Es soll Ihnen helfen, wieder auf die Beine zu kommen. Sie können damit machen, was Sie wollen. Wenn Sie es nicht annehmen möchten, werde ich Sie nicht dazu zwingen.“
Friedrich musterte ihn.
„Warum haben Sie es mir dann auf diese Weise gegeben? Warum der Müllsack? Warum diese Worte?“
Leon atmete tief ein.
„Weil ich Angst hatte, dass Sie das Geld nicht annehmen würden, wenn ich Ihnen direkt gegenüberstehe. Ich dachte, wenn ich es Ihnen einfach überlasse, müssten Sie sich nicht bei mir bedanken.“
„Und deshalb haben Sie mich beleidigt?“
Leon schloss die Augen.
„Ja. Es war dumm. Und es tut mir leid.“
Friedrich sagte nichts.
„Ich wollte, dass Sie einen guten Tag haben“, fuhr Leon fort. „Aber ich habe nicht darüber nachgedacht, wie es für Sie aussehen würde. Ich habe versucht, etwas wiedergutzumachen, ohne mich selbst der Situation stellen zu müssen.“
Friedrich blickte ihn lange an.
Dann legte er das Dokument auf den Tisch.
„Sie klingen wie Ihr Vater.“
Leon wurde blass.
„Das ist das Schlimmste, was Sie mir sagen konnten.“
„Vielleicht“, sagte Friedrich. „Aber Sie haben noch die Möglichkeit, anders zu handeln als er.“
In diesem Moment klingelte Leons Telefon.
Er nahm ab.
„Ja?“
Eine Männerstimme sprach so laut, dass Friedrich einige Worte verstehen konnte.
„Sie sind in dem Gebäude? Dann verlassen Sie es sofort! Sie wissen nicht, was Sie dort suchen!“
Leon richtete sich auf.
„Wer ist da?“
„Jemand, der versucht, Sie vor Ihrem Vater zu schützen.“
Leon runzelte die Stirn.
„Mein Vater ist tot.“
„Sind Sie sicher?“
Die Verbindung brach ab.
Leon blickte auf das Telefon.
Friedrich wurde kalt.
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