Dort stand ein alter, verlassener Holzschuppen.

Die Tür hing schief in den Angeln. Das Dach war teilweise eingestürzt, und vor dem Eingang lagen frische Spuren im Schnee.

Thomas hob die Taschenlampe.

„Was ist hier passiert?“

Da hörte er ein leises Winseln.

Es kam aus dem Inneren des Schuppens.

Thomas trat vorsichtig näher und entdeckte zwischen alten Brettern eine kleine Wolfswelpe. Sie war allein, zitterte vor Kälte und konnte sich offenbar nicht aus einer engen Lücke befreien.

Der junge Wolf lief sofort zu ihr.

Er stupste sie mit seiner Nase an und legte sich neben sie.

Thomas verstand.

Der junge Wolf hatte ihn nicht hergebracht, um sich für seine Rettung zu bedanken.

Er brauchte selbst Hilfe.

Thomas kniete sich hin, entfernte vorsichtig die losen Bretter und befreite die kleine Welpe. Anschließend legte er seinen Schal um sie und trug sie nach draußen.

Doch als er sich aufrichtete, hörte er ein tiefes Knurren hinter sich.

Am Rand der Lichtung stand der große, dunkle Wolf.

Der Anführer des Rudels.

Sein Körper war angespannt, und seine gelben Augen ruhten auf Thomas. Hinter ihm bewegten sich mehrere Schatten zwischen den Bäumen.

Thomas blieb stehen.

Er hielt die Welpe vorsichtig vor sich, ohne sich dem großen Wolf weiter zu nähern.

„Ich will ihr nichts tun“, sagte er leise. „Ich bringe sie nur zurück.“

Der dunkle Wolf bewegte sich keinen Zentimeter.

Dann geschah etwas, womit Thomas nicht gerechnet hatte.

Der junge Wolf trat zwischen sie und legte sich vor die Welpe.

Der große Wolf betrachtete ihn lange. Schließlich senkte er den Kopf und gab ein tiefes, leises Lautzeichen von sich.

Die Spannung auf der Lichtung ließ nach.

Thomas setzte die Welpe vorsichtig in den Schnee.

Sie tappte zu ihrer Mutter, die wenige Schritte entfernt aus den Bäumen gekommen war, und verschwand mit ihr im Rudel.

Thomas atmete erleichtert aus.

Er hatte geglaubt, dass er nun nach Hause gehen könnte.

Doch als er sich umdrehte, entdeckte er etwas im Schnee, das dort nicht hingehörte.

Ein Stück rotes Stoffband.

Es war an einem niedrigen Ast befestigt, und darauf waren zwei Wörter mit schwarzer Farbe geschrieben:

**„GEH NICHT WEITER.“**

Thomas runzelte die Stirn.

Wer hatte das Band dort angebracht?

Und warum?

Bevor er darüber nachdenken konnte, hörte er in der Ferne einen Motor.

Zwischen den Bäumen erschien das Licht eines Fahrzeugs. Ein schwarzer Geländewagen fuhr langsam auf dem alten Waldweg entlang und hielt schließlich am Rand der Lichtung.

Zwei Männer stiegen aus.

Einer von ihnen trug ein Gewehr über der Schulter.

„Da ist er!“, rief der zweite. „Der Mann aus dem Dorf!“

Thomas erstarrte.

Der Mann mit dem Gewehr zeigte auf den jungen Wolf.

„Wir haben euch gewarnt, euch von diesem Rudel fernzuhalten.“

Thomas stellte sich nicht vor die Tiere, sondern blieb ruhig stehen und hob die Hände.

„Ich bin nur hier, um ein Jungtier zu retten. Was wollen Sie von ihnen?“

Der größere Mann lachte kalt.

„Das geht dich nichts an.“

Dann zog er ein zerknittertes Papier aus seiner Jacke und hielt es Thomas hin.

Darauf war ein Foto des dunklen Wolfs zu sehen.

Darunter stand eine hohe Geldsumme.

Thomas blickte vom Papier zu den Männern.

„Sie jagen dieses Rudel wegen des Geldes?“

„Dieses Tier ist mehr wert, als du dir vorstellen kannst“, antwortete der Mann. „Und jetzt geh nach Hause, solange du noch die Gelegenheit dazu hast.“

Thomas sah zum Waldrand.

Dort stand der junge Wolf, den er gerettet hatte. Neben ihm wartete der dunkle Anführer des Rudels.

Thomas begriff, dass die Gefahr nicht von den Tieren ausging, sondern von den Menschen, die hinter ihnen her waren.

Er nahm das Papier nicht an.

„Ich werde niemandem helfen, diese Tiere zu verletzen.“

Der Mann mit dem Gewehr verzog das Gesicht.

„Dann machst du dir mächtige Feinde.“

Die beiden Männer stiegen zurück in den Wagen und verschwanden auf dem Waldweg.

Thomas blieb noch einige Minuten auf der Lichtung. Als er schließlich nach Hause ging, ließ ihn ein Gedanke nicht los:

Warum war der dunkle Wolf so wertvoll für diese Männer?

Am nächsten Morgen ging Thomas zum Dorfältesten, Herrn Weber, und zeigte ihm das Foto.

Kaum hatte der alte Mann es gesehen, verlor er jede Farbe im Gesicht.

„Woher hast du das?“, fragte er.

Thomas erzählte ihm von der Begegnung im Wald.

Herr Weber setzte sich langsam.

„Vor zwanzig Jahren gab es hier eine ähnliche Geschichte“, begann er. „Ein Forscher untersuchte damals ein Wolfsrudel in den Bergen. Er behauptete, dass eines der Tiere ungewöhnlich gut darin sei, seine Familie durch schwierige Winter zu führen. Doch eines Tages verschwand der Forscher spurlos.“

„Was hat das mit diesem Wolf zu tun?“

Der alte Mann blickte aus dem Fenster in Richtung Wald.

„Man sagt, dass der dunkle Wolf aus derselben Linie stammt. Einige Menschen glauben, dass man mit seiner Hilfe das gesamte Rudel aufspüren kann.“

Thomas schüttelte ungläubig den Kopf.