Marta trat neben ihren Mann. Don Alfredo sah zwischen den beiden hin und her und atmete tief durch.
„Mein Vater hat mir damals gesagt, dass diese Angelegenheit abgeschlossen sei. Er sagte, die Unterlagen seien ungültig und niemand könne mehr Ansprüche stellen.“
Esteban nahm den Brief des Notars aus seiner Tasche.
„Dann wird es Sie nicht stören, wenn wir alles überprüfen lassen.“
Don Alfredo sah auf das Dokument in seiner Hand.
„Es gibt noch etwas, das Sie wissen müssen.“
Er faltete das Papier auseinander. Es war eine alte Abschrift mit dem Siegel seines Großvaters.
„Mein Vater hat mir dieses Dokument erst wenige Monate vor seinem Tod gegeben. Er verlangte, dass ich es vernichte. Ich habe es behalten, weil ich nie verstanden habe, warum er solche Angst davor hatte.“
Esteban stand auf.
„Was steht darin?“
Don Alfredo blickte ihn direkt an.
„Dass Ihr Vater nicht nur ein Angestellter meines Großvaters war. Er war sein Geschäftspartner. Und dass der größte Teil des ursprünglichen Anwesens damals gemeinsam erworben wurde.“
Marta hielt sich die Hand vor den Mund.
Esteban schüttelte langsam den Kopf.
Dreißig Jahre lang hatte er geglaubt, nur ein einfacher Arbeiter zu sein. Nun deutete alles darauf hin, dass seine Familie möglicherweise einen Anspruch auf das Land hatte, das er sein ganzes Leben lang für andere bewirtschaftet hatte.
Doch Don Alfredo war noch nicht fertig.
Er reichte Esteban das letzte Blatt.
„Es gibt eine weitere Klausel“, sagte er leise. „Eine Klausel, die mein Vater mir nie erklären wollte.“
Esteban nahm das Papier.
Am unteren Rand stand eine handschriftliche Ergänzung, datiert wenige Tage vor dem Tod Don Juliáns.
„Der Anspruch darf erst geltend gemacht werden, wenn der wahre Erbe erfährt, warum sein Vater damals das Anwesen verlassen musste.“
Esteban hob langsam den Kopf.
„Mein Vater hat das Anwesen nicht freiwillig verlassen?“
Don Alfredo schloss die Augen.
„Nein.“
„Warum?“
Der Patrón öffnete den Mund, brachte aber zunächst kein Wort hervor.
Dann sagte er etwas, das Estebans ganze Vergangenheit in einem einzigen Augenblick infrage stellte:
„Weil mein Vater ihm damals eine Entscheidung aufgezwungen hat. Und ich fürchte, dass meine eigene Familie bis heute davon profitiert.“
Esteban hielt das Dokument fester.
Dreißig Jahre lang hatte er für die Salinas gearbeitet, ohne zu wissen, was sein Vater verloren hatte. Nun stand der Mann, den er einst wie einen zweiten Vater betrachtet hatte, vor ihm und gestand, dass die Geschichte seiner Familie auf einer Lüge beruhen könnte.
Doch bevor Esteban eine weitere Frage stellen konnte, ertönte ein lautes Klopfen am Gartentor.
Ein Fremder stand draußen. Er trug einen abgenutzten Mantel und hielt einen versiegelten Umschlag in der Hand.
„Ich suche Don Esteban Morales“, sagte er.
„Ich bin es.“
Der Fremde blickte kurz zu Don Alfredo, dann wieder zu Esteban.
„Mein Name ist Vicente Herrera. Ich bin der Sohn des Notars, der den letzten Willen von Don Julián verwahrt hat.“
Er reichte Esteban den Umschlag.
„Mein Vater hat mir aufgetragen, Ihnen diesen Brief persönlich zu übergeben, falls die Münzen jemals wieder auftauchen.“
Esteban öffnete den Umschlag.
Im Inneren lag ein einziges Blatt. Darauf standen nur wenige Zeilen:
„Esteban, wenn du dies liest, hast du endlich erfahren, dass dein Vater nicht aus Schande gegangen ist. Er ging, um dich zu schützen. Denn der Mann, der damals seinen Anspruch auf das Land verhindern wollte, war nicht derjenige, den du vermutest.“
Esteban las den Satz ein zweites Mal.
Dann sah er Don Alfredo an.
Der Patrón war kreidebleich geworden.
„Wer war es dann?“, fragte Esteban.
Vicente schloss das Gartentor hinter sich und senkte die Stimme.
„Das steht auf der Rückseite.“
Esteban drehte das Blatt um.
Dort war ein Name geschrieben, den niemand in diesem Dorf seit mehr als dreißig Jahren laut ausgesprochen hatte.
Der Name des Mannes, der heute noch im Grundbuch als Eigentümer eines Teils des Anwesens eingetragen war.
Und es war weder Don Alfredo noch ein Mitglied der Familie Morales.
Es war jemand, den Esteban seit seiner Kindheit kannte.
Jemand, dem er vertraut hatte.
Jemand, der ihm am Morgen seiner Entlassung sogar die Hand geschüttelt hatte.
Esteban hob den Blick.
„Nein … das kann nicht wahr sein.“
Doch Don Alfredo begann zu zittern.
Denn er kannte diesen Namen ebenfalls.
Und er wusste, dass mit seiner Enthüllung nicht nur ein altes Geheimnis ans Licht kommen würde.
Sondern eine Wahrheit, die das gesamte Dorf erschüttern könnte.
Wer hatte Estebans Familie um ihr Erbe gebracht? Und warum hatte Don Alfredo dreißig Jahre lang geschwiegen?
Teil 3 folgt … 👇❤️
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