Esteban sprang beinahe von seinem Stuhl auf.

„Das ist mein Vater!“

Der Notar nickte langsam.

„Ihr Vater sollte ursprünglich einen Anteil an einem Teil des Anwesens erhalten. Doch nach dem Tod Don Juliáns verschwand die ergänzende Urkunde aus dem Familienarchiv. Die Familie Salinas erklärte später, es habe nie eine solche Vereinbarung gegeben.“

Esteban konnte kaum sprechen.

Sein Vater hatte ihm tatsächlich manchmal erzählt, dass er einst für Don Julián gearbeitet hatte. Doch er hatte nie erwähnt, dass ihm Land versprochen worden war.

„Warum weiß ich davon nichts?“

„Weil die Angelegenheit nie abschließend geklärt wurde. Und weil das Testament eine Bedingung enthält.“

Der Notar nahm ein weiteres Blatt aus der Mappe.

„Don Julián verfügte, dass die Vereinbarung erst dann erneut geprüft werden sollte, wenn ein direkter Nachkomme des ursprünglichen Angestellten dreißig Jahre lang auf dem Anwesen gearbeitet hätte.“

Esteban starrte ihn an.

„Dreißig Jahre?“

„Ja. Und diese Frist ist offenbar erfüllt.“

Der alte Mann legte die besondere Münze neben das Dokument.

„Diese Münze war kein Zahlungsmittel. Sie war ein Erkennungszeichen, das mit der ursprünglichen Vereinbarung verbunden war. Vermutlich hat Don Alfredo Ihnen die übrigen Münzen gegeben, ohne zu wissen, was sich unter ihnen befand.“

Esteban erinnerte sich an den Brief, den Don Alfredo ihm am Vortag überreicht hatte.

Der Patrón hatte kaum in seine Augen gesehen. Er hatte nur gesagt: „Das ist deine Belohnung für all die Jahre.“

War es wirklich bloße Geringschätzung gewesen?

Oder hatte Don Alfredo etwas gewusst?

Währenddessen herrschte auf dem Anwesen der Salinas große Unruhe.

Don Alfredo saß in seinem Arbeitszimmer, als sein Verwalter Ramón hereinkam.

„Señor, Don Esteban ist heute nicht zur Arbeit erschienen.“

Don Alfredo hob nicht einmal den Kopf.

„Er hat seine Arbeit beendet. Er ist ein alter Mann. Was soll er noch hier?“

Ramón zögerte.

„Man sagt, er sei in die Stadt gefahren. Zu einem Notar.“

Jetzt blickte Don Alfredo auf.

„Zu welchem Notar?“

„Zum Büro von Licenciado Herrera.“

Für einen Augenblick verlor Don Alfredo jede Farbe aus dem Gesicht.

Er stand auf, ging zum Fenster und blickte über die Felder, die seine Familie seit Generationen bewirtschaftete.

„Bist du sicher?“

„Ja, Señor.“

Don Alfredo schloss die Tür hinter Ramón und öffnete einen verschlossenen Schrank. Darin lag eine alte Dokumentenmappe, die er seit Jahren nicht angerührt hatte.

Er zog ein vergilbtes Blatt hervor.

Es war eine Kopie des Testaments seines Großvaters.

Seine Hände zitterten, als er die letzte Seite aufschlug.

Dort stand eine Klausel, die sein Vater ihm einst gezeigt und anschließend verboten hatte, darüber zu sprechen:

„Sollte die Familie Salinas die Ansprüche des Hauses Morales jemals leugnen, so ist das betreffende Land an den rechtmäßigen Erben zurückzugeben.“

Don Alfredo setzte sich langsam.

„Das kann nicht sein“, murmelte er. „Das ist längst vorbei.“

Doch unter der Klausel stand ein Name.

Esteban Morales.

Nicht der Name seines Vaters.

Sein eigener Name.

Don Alfredo begriff plötzlich, warum sein Großvater darauf bestanden hatte, dass Esteban auf dem Anwesen blieb. Warum er ihm trotz seiner bescheidenen Stellung stets vertraut hatte. Und warum sein Vater nach Don Juliáns Tod jede Erwähnung dieser alten Vereinbarung unterbunden hatte.

Es ging nicht nur um ein paar Münzen.

Es ging um Land.

Um Besitz.

Und möglicherweise um die Zukunft der gesamten Familie Salinas.

Am späten Nachmittag kehrte Esteban nach Hause zurück. In seiner Hand hielt er eine Kopie des Testaments und einen Brief des Notars.

Marta wartete bereits vor der Tür.

„Und?“, fragte sie.

Esteban antwortete nicht sofort. Er setzte sich auf die Bank vor dem Haus und reichte ihr die Dokumente.

Marta las langsam. Je weiter sie kam, desto größer wurden ihre Augen.

„Esteban … das bedeutet, dass deine Familie vielleicht einen Anspruch auf einen Teil des Anwesens hat.“

„Nicht vielleicht“, sagte er. „Der Notar will die Originalunterlagen prüfen und die Besitzverhältnisse untersuchen. Erst dann wissen wir, was uns rechtlich zusteht.“

Marta setzte sich neben ihn.

„Und was wirst du tun?“

Esteban blickte in die Ferne, dorthin, wo die Felder lagen, die er sein halbes Leben lang gepflegt hatte.

„Ich will keine Rache. Ich will nur, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Wenn mir etwas zusteht, möchte ich es nicht länger als Almosen erhalten.“

In diesem Moment hörten sie das Geräusch eines Motors.

Ein schwarzer Wagen hielt vor ihrem kleinen Haus.

Don Alfredo stieg aus.

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten kam der Patrón persönlich zu Estebans Tür, ohne einen Auftrag zu erteilen und ohne sich von einem Verwalter begleiten zu lassen.

Er hielt ein gefaltetes Dokument in der Hand.

„Esteban“, sagte er mit angespannter Stimme. „Wir müssen reden.“

Esteban blieb sitzen.

„Worüber, Señor? Über die Münzen, mit denen Sie mich für dreißig Jahre Arbeit bezahlt haben?“

Don Alfredo senkte den Blick.

„Ich wusste nicht, dass sie diese Bedeutung hatten.“

„Aber Sie wussten von dem Testament.“

Don Alfredo schwieg.

Dieses Schweigen war Antwort genug.