# Teil 2: Die Münzen des Patrón – Das Geheimnis, das dreißig Jahre lang verborgen blieb

Don Esteban legte den Löffel neben seinen Teller und sah seine Frau lange an.

„Dreißig Jahre, Marta“, sagte er schließlich mit leiser Stimme. „Dreißig Jahre bin ich vor Sonnenaufgang aufgestanden. Ich habe die Felder bestellt, die Zäune repariert, die Pferde versorgt und die Ernte gerettet, wenn andere längst aufgegeben hatten. Ich habe für Don Alfredo gearbeitet, als er noch ein junger Mann war, der nicht einmal wusste, wie man seine eigenen Rechnungen bezahlt.“

Marta sagte nichts. Sie kannte jede dieser Geschichten. Sie hatte selbst erlebt, wie ihr Mann nach langen Arbeitstagen nach Hause gekommen war, mit schmerzenden Händen und staubiger Kleidung. Wie er seine Müdigkeit hinuntergeschluckt hatte, weil die Kinder etwas zu essen brauchten.

„Und jetzt?“, fragte sie schließlich. „Was bleibt uns von all den Jahren?“

Esteban griff in seine Tasche und legte die Münzen auf den Tisch.

„Das hier.“

Marta betrachtete sie erneut. Doch diesmal fiel ihr etwas auf, das sie am Nachmittag übersehen hatte.

Eine der Münzen war anders als die übrigen. Sie war etwas größer, dunkler und am Rand mit winzigen Zeichen versehen. In der Mitte befand sich ein eingraviertes Wappen: ein Adler über drei Bergen.

„Esteban …“, flüsterte sie. „Hast du dir dieses Zeichen angesehen?“

Er beugte sich über den Tisch.

„Nein. Ich dachte, es sei irgendein altes Symbol.“

Marta stand auf, holte eine kleine Schachtel aus einer Kommode und nahm ein vergilbtes Foto heraus. Es zeigte ihren Vater, der vor vielen Jahren als Verwalter auf einem anderen Landgut gearbeitet hatte.

Sie legte das Foto neben die Münze.

Auf dem Ring, den ihr Vater auf dem Bild trug, war genau dasselbe Wappen zu sehen.

Esteban runzelte die Stirn.

„Woher hatte dein Vater diesen Ring?“

„Er sagte immer, er gehöre zu einer alten Familie, die einst große Ländereien besaß. Mehr wollte er mir nie erzählen. Aber bevor er starb, gab er mir etwas mit auf den Weg.“

Marta ging zurück zur Kommode und zog einen kleinen, verschlossenen Umschlag hervor.

„Er sagte, ich solle ihn erst öffnen, wenn jemand aus der Familie Salinas versuchen würde, einen Menschen um das zu bringen, was ihm zusteht.“

Esteban sah sie fassungslos an.

„Warum hast du mir das nie erzählt?“

„Weil ich dachte, es sei nur eine alte Geschichte. Ich wusste nicht, dass sie eines Tages etwas mit uns zu tun haben könnte.“

Auf dem Umschlag stand in verblasster Handschrift:

„Für denjenigen, der dreißig Jahre lang gedient hat, ohne die Wahrheit über das Land zu kennen.“

Esteban spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.

Dreißig Jahre.

Genau so lange hatte er für Don Alfredo gearbeitet.

Marta öffnete den Umschlag vorsichtig. Darin befanden sich ein alter Schlüssel und ein Blatt Papier, auf dem nur eine Adresse stand – die Adresse eines Notars in der Provinzhauptstadt.

Darunter hatte ihr Vater einen Satz geschrieben:

„Wenn die Münzen jemals wieder auftauchen, suche nach dem Testament von Don Julián Salinas.“

Esteban kannte diesen Namen.

Don Julián war der Großvater von Don Alfredo gewesen. Er war gestorben, lange bevor Esteban auf das Anwesen gekommen war.

„Was hat ein Testament mit meinen Münzen zu tun?“, fragte er.

Marta schüttelte den Kopf.

„Das müssen wir herausfinden.“

Am nächsten Morgen machte sich Esteban auf den Weg in die Provinzhauptstadt.

Er sagte Don Alfredo nicht, wohin er ging. Nicht, weil er Angst hatte, sondern weil er nach dreißig Jahren zum ersten Mal etwas für sich selbst tun wollte, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten.

Die Adresse führte ihn zu einem alten Gebäude mit hohen Fenstern und einer schweren Holztür. Über dem Eingang stand der Name des Notariats: Licenciado Herrera – Notar und Rechtsberater.

Esteban trat ein.

Ein junger Angestellter fragte ihn nach seinem Anliegen. Als Esteban den Namen Don Julián Salinas erwähnte und die besondere Münze auf den Tisch legte, veränderte sich der Gesichtsausdruck des Mannes.

„Einen Moment, bitte.“

Er verschwand durch eine Tür im hinteren Teil des Büros.

Wenige Minuten später kam ein älterer Herr heraus. Er trug eine Brille mit dünnem Goldrahmen und hielt eine lederne Aktenmappe in der Hand.

„Sie sind Don Esteban?“, fragte er.

„Ja.“

„Ich habe mich gefragt, ob Sie eines Tages kommen würden.“

Esteban erstarrte.

„Sie kennen mich?“

Der Notar deutete auf einen Stuhl.

„Nicht persönlich. Aber Ihr Name steht in einem Dokument, das seit Jahrzehnten in meinem Archiv aufbewahrt wird.“

Er öffnete die Aktenmappe und legte mehrere vergilbte Seiten auf den Tisch.

„Don Julián Salinas war ein vermögender Mann. Doch kurz vor seinem Tod entdeckte er, dass einige seiner Verwalter Landstücke und Einnahmen falsch verbucht hatten. Er ließ daraufhin ein neues Testament erstellen.“

„Und was hat das mit mir zu tun?“

Der Notar sah ihn ernst an.

„Don Julián hatte einen jungen Angestellten, der ihm bei der Verwaltung geholfen und Unregelmäßigkeiten aufgedeckt hatte. Dieser Mann hieß Esteban Morales.“