„Er wurde nicht freiwillig versetzt. Seine Karriere endete nach einer Untersuchung, deren Ergebnisse bis heute umstritten sind.“

Anna schwieg einen Moment.

Dann fragte sie:

„Warum steht der Name Daniel Hoffmann auf diesem Brief?“

Der General wollte gerade antworten, als die Tür erneut geöffnet wurde.

Ein älterer Stabsoffizier trat ein. In seiner Hand hielt er ein Tablet.

„Sir, wir haben die Aufnahmen vom Eingangsbereich überprüft. Oberstleutnant Keller hat die Basis nicht verlassen, bevor er verschwunden ist.“

„Was meinen Sie damit?“, fragte der General.

„Sein Ausweis wurde zuletzt im Verwaltungsgebäude registriert. Danach gibt es keine weiteren Einträge.“

Anna stand auf.

„Hat er den Umschlag dort abgelegt?“

Der Stabsoffizier nickte.

„Wir haben außerdem einen zweiten Gegenstand gefunden.“

Er legte ein kleines Foto auf den Tisch.

Darauf waren vier Offiziere vor einem Gebäude zu sehen. Anna erkannte ihren Vater sofort. Neben ihm stand Daniel Hoffmann.

Doch diesmal bemerkte sie etwas anderes.

Im Hintergrund stand ein junger Soldat, der eine Mappe in den Händen hielt.

Anna betrachtete das Bild genauer.

„Wer ist dieser Soldat?“

Der General nahm die Fotografie.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Das ist Markus Keller. Er war damals noch ein junger Unteroffizier.“

„Aber warum steht sein Name dann auf der Liste der Personen, die mein Vater verdächtigte?“

Der General schloss die Augen.

„Weil er damals Zugang zu den verschwundenen Unterlagen hatte.“

Plötzlich wurde Anna klar, dass der Offizier, der sie am Eingang so respektlos behandelt hatte, möglicherweise mehr über die Geschichte ihres Vaters wusste, als er zugeben wollte.

„Ich möchte mit ihm sprechen“, sagte sie.

„Das wird schwierig“, antwortete der General. „Wir wissen nicht, wo er sich befindet.“

Anna blickte wieder auf das Foto.

Dann entdeckte sie eine kleine handschriftliche Notiz am unteren Rand.

„Archivraum 17 – das Original wurde nie vernichtet.“

Sie zeigte dem General die Notiz.

„Was befindet sich in Archivraum 17?“

Der General wurde still.

„Ein alter Aktenraum. Er wurde vor Jahren geschlossen.“

„Warum?“

„Weil dort Unterlagen aus einer abgeschlossenen Untersuchung lagerten.“

Anna nahm den Brief ihres Vaters und steckte ihn vorsichtig in ihre Mappe.

„Dann möchte ich diese Unterlagen sehen.“

Der General stand auf.

„Major Weber, ich muss Sie warnen. Wenn diese Dokumente tatsächlich noch existieren, könnten sie einige hochrangige Personen in Schwierigkeiten bringen.“

Anna sah ihn ruhig an.

„Ich bin nicht hier, um jemanden zu schützen. Ich bin hier, um herauszufinden, was meinem Vater und Daniel Hoffmann wirklich passiert ist.“

Der General nickte schließlich.

Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum alten Verwaltungsgebäude.

Der Flur war dunkel und beinahe menschenleer. An seinem Ende befand sich eine schwere Tür mit einem verblassten Schild:

ARCHIV – ZUGANG NUR MIT GENEHMIGUNG.

Ein Mitarbeiter öffnete die Tür.

Im Inneren standen zahlreiche Aktenschränke. Auf einem kleinen Tisch lag eine staubige Mappe mit der Nummer 17.

Anna zog sie heraus.

Doch noch bevor sie sie öffnen konnte, fiel ein gefaltetes Blatt zwischen den Seiten zu Boden.

Sie hob es auf.

Es war eine handgeschriebene Erklärung von Daniel Hoffmann.

Die ersten Zeilen lauteten:

„Wenn jemand dieses Dokument findet, soll er wissen, dass Markus Weber damals nicht mein Gegner war. Er war der einzige Mensch, der versucht hat, mir zu helfen.“

Anna blickte überrascht zum General.

„Dann waren mein Vater und Daniel Freunde?“

Der General nickte langsam.

„Mehr als das. Daniel war der Patenonkel Ihrer Tochter …“

Anna erstarrte.

„Meiner Tochter?“

Der General verstummte ebenfalls.

Anna hatte keine Tochter.

Sie las den Satz erneut, doch bevor sie den Brief weiter untersuchen konnte, fiel ihr Blick auf eine weitere Zeile.

Dort stand:

„Das Kind, das damals aus der Akte verschwand, trägt heute einen anderen Namen.“

Anna hob langsam den Kopf.

„General … was ist das für ein Kind?“

Der General sah sie lange an.

Dann antwortete er mit kaum hörbarer Stimme:

„Anna, ich glaube, wir müssen herausfinden, was mit Daniel Hoffmanns Familie geschehen ist. Denn möglicherweise ist die Person, nach der Sie suchen, längst Teil dieser Militärbasis.“

In diesem Augenblick ertönte draußen eine Durchsage.

„Achtung! Alle Offiziere werden gebeten, sich unverzüglich im Hauptquartier einzufinden.“

Der General blickte auf sein Telefon.

Eine neue Nachricht war eingegangen.

„Die Akte 17 darf nicht geöffnet werden. Der Verantwortliche für die damalige Untersuchung ist soeben auf dem Gelände eingetroffen.“

Anna sah zur Tür.

Und als der General den Namen des Besuchers vorlas, wusste sie, dass ihre Untersuchung gerade erst begonnen hatte.

Fortsetzung folgt im nächsten Teil … 👇😨