„Wissen Sie überhaupt, mit wem Sie sich hier anlegen?“
Anna sah ihm direkt in die Augen.
„Ich weiß, warum ich hier bin. Und ich werde meinen Auftrag erfüllen.“
In diesem Moment vibrierte ihr Telefon.
Eine Nachricht erschien auf dem Bildschirm. Sie stammte von einer unbekannten Nummer.
„Major Weber, brechen Sie die Untersuchung sofort ab. Sie wissen nicht, was damals mit Ihrem Vater geschehen ist.“
Anna erstarrte.
Sie las die Nachricht ein zweites Mal.
Ihr Vater war vor vielen Jahren ebenfalls auf dieser Militärbasis stationiert gewesen. Seit seinem letzten Einsatz hatte er nie wieder über seine damalige Einheit gesprochen.
Anna hob langsam den Kopf.
„General“, sagte sie leise. „Ich muss Ihnen etwas zeigen.“
Sie legte ihr Telefon auf den Tisch.
Der General las die Nachricht. Dann sah er zum Fenster, als hätte er gerade jemanden draußen entdeckt.
„Ihr Vater …“, begann er zögernd.
„Ja?“
Er atmete tief durch.
„Ihr Vater hat damals nicht einfach freiwillig die Basis verlassen.“
Anna spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
„Was wollen Sie damit sagen?“
Der General öffnete einen verschlossenen Aktenschrank und holte eine alte Personalakte hervor.
Auf dem Deckblatt stand:
OBERST MARKUS WEBER – VERTRAULICH.
Anna betrachtete den Namen ihres Vaters.
Doch als der General die Akte öffnete, fiel ein kleines Foto heraus.
Darauf standen ihr Vater und drei weitere Offiziere vor dem Hauptgebäude.
Einer der Männer war der General selbst.
Der zweite war Oberleutnant Markus Keller.
Und der dritte …
Anna erkannte ihn sofort.
Es war der Mann, der sie am Eingang festgehalten und ausgelacht hatte.
Der junge Offizier hatte nicht nur gegen die Vorschriften verstoßen. Er war offenbar mit einem Geheimnis verbunden, das bis in die Vergangenheit ihres Vaters zurückreichte.
Anna hob den Blick.
„General, was ist damals wirklich passiert?“
Der General schloss die Akte.
„Wenn ich Ihnen das erzähle, wird diese Untersuchung viel größer, als Sie bisher vermuten.“
Und genau in diesem Augenblick klopfte jemand dreimal an die Tür.
Eine Stimme von draußen meldete:
„Sir, Oberleutnant Keller ist verschwunden. Sein Dienstzimmer wurde verlassen vorgefunden. Und auf seinem Schreibtisch lag ein Umschlag mit dem Namen von Major Weber.“
Anna sah den General an.
Das Geheimnis ihres Vaters war offenbar noch lange nicht vorbei.
„Ein Umschlag mit meinem Namen?“, wiederholte Anna ungläubig.
Der General nickte dem Soldaten an der Tür zu.
„Bringen Sie ihn her. Und niemand berührt weitere Gegenstände in diesem Büro, bis alles dokumentiert wurde.“
Wenige Minuten später lag ein cremefarbener Umschlag auf dem Konferenztisch.
Anna erkannte sofort die Handschrift.
Ihr wurde kalt.
Es war die Handschrift ihres Vaters.
„Das ist unmöglich“, flüsterte sie. „Mein Vater ist seit Jahren nicht mehr hier gewesen.“
Der General betrachtete den Umschlag.
„Wann haben Sie zuletzt einen Brief von Ihrem Vater erhalten?“
„Vor ungefähr sechs Monaten. Er lebt zurückgezogen und spricht kaum über seine Zeit beim Militär. Wenn ich ihn nach dieser Basis frage, wechselt er sofort das Thema.“
Anna nahm den Umschlag vorsichtig entgegen.
Auf der Vorderseite standen nur fünf Worte:
„Für meine Tochter Anna. Wenn sie zurückkehrt.“
Sie öffnete ihn.
Darin lag ein einzelnes Blatt Papier.
„Meine geliebte Anna,
wenn du diesen Brief liest, hast du wahrscheinlich endlich den Ort erreicht, über den ich so viele Jahre geschwiegen habe.
Ich weiß, dass du Fragen hast. Du hast immer wissen wollen, warum ich damals meinen Dienst beendet habe und weshalb ich nie wieder über meine Kameraden gesprochen habe.
Die Wahrheit ist, dass ich damals einen Fehler entdeckt habe, der nicht hätte vertuscht werden dürfen.
Ein Soldat wurde für einen Vorfall verantwortlich gemacht, den er nicht verursacht hatte. Ich besaß Unterlagen, die seine Unschuld bewiesen. Doch bevor ich sie dem Oberkommando vorlegen konnte, verschwanden die Dokumente.
Drei Männer wussten, was wirklich geschehen war.
Einer davon war General Friedrich Keller.
Der zweite war Oberstleutnant Markus Keller.
Der dritte war ein Mann, dem ich damals vertraute.
Wenn du herausfinden möchtest, was geschehen ist, suche nach dem Namen auf der Rückseite dieses Briefes.
Aber bitte, Anna: Verwechsle Mut niemals mit Leichtsinn. Die Wahrheit muss mit Beweisen ans Licht kommen.“
Anna drehte das Blatt um.
Dort stand ein Name.
Daniel Hoffmann.
Der General ließ sich langsam auf seinen Stuhl sinken.
„Nein …“, murmelte er.
Anna sah ihn an.
„Wer ist Daniel Hoffmann?“
Der General antwortete zunächst nicht.
Dann öffnete er die alte Personalakte erneut und blätterte mehrere Seiten durch.
„Daniel war damals einer der besten Offiziere dieser Basis. Er war für die Dokumentation eines wichtigen Ausbildungsprojekts verantwortlich. Eines Tages wurde ihm vorgeworfen, vertrauliche Unterlagen weitergegeben zu haben.“
„Und mein Vater?“
„Ihr Vater glaubte ihm nicht, dass Daniel unschuldig war. Erst später entdeckte er Unstimmigkeiten in den Berichten.“
Anna runzelte die Stirn.
„Dann hat mein Vater versucht, die Wahrheit aufzudecken?“
Der General nickte.
„Ja. Aber bevor er seine Beweise vorlegen konnte, wurde er selbst beschuldigt, interne Informationen zurückgehalten zu haben.“
Anna betrachtete die Akte.
„Und deshalb hat er die Basis verlassen?“
Popular Posts
→- 1
- 2
- 3
- 4
Recently Viewed
Stories you read recently will appear here.



