Die schnellen Schritte wurden immer lauter.

Der Offizier, der die junge Frau gerade noch am Arm festhielt, drehte sich genervt um.

„Was ist denn jetzt schon wieder los?“

Ein hochrangiger General kam aus dem Hauptgebäude. Hinter ihm liefen zwei weitere Offiziere. Sein Gesicht war ernst, und er schien es äußerst eilig zu haben.

„Wer hat den Alarm am Haupteingang ausgelöst?“, fragte er scharf.

Niemand antwortete.

Der General blickte über die versammelten Soldaten hinweg und entdeckte schließlich die Frau mit dem roten Hemd. Ihre Hände waren noch immer festgehalten.

„Was machen Sie da?“, fragte er.

Der junge Offizier richtete sich stolz auf.

„Sir, wir haben eine verdächtige Person aufgegriffen. Sie wollte unbedingt zur Basis und behauptete, einen wichtigen Auftrag zu haben. Außerdem weigerte sie sich, ihr Telefon herauszugeben.“

Der General sah ihn ungläubig an.

„Eine verdächtige Person?“

„Ja, Sir. Wir vermuten, dass sie Informationen sammeln wollte.“

Die Frau hob langsam den Kopf.

„General, ich habe versucht, Ihnen den Brief zu übergeben. Aber Ihre Männer haben mich nicht einmal ausreden lassen.“

Der General betrachtete sie einige Sekunden lang. Dann fiel sein Blick auf den kleinen Umschlag, der inzwischen auf dem Boden lag.

Er bückte sich, hob ihn auf und las die Aufschrift.

Plötzlich veränderte sich sein Gesichtsausdruck.

„Woher haben Sie diesen Brief?“, fragte er mit ungewöhnlich ruhiger Stimme.

„Er wurde mir persönlich übergeben. Ich sollte ihn ausschließlich dem Kommandeur dieser Basis aushändigen.“

Der General drehte den Umschlag um. Auf der Rückseite befand sich ein schwarzes Siegel mit einem Symbol, das nur wenige Menschen kannten.

Seine Augen weiteten sich.

„Lassen Sie sie sofort los!“

Der Offizier lockerte überrascht seinen Griff.

„Aber, Sir …“

„Ich habe gesagt: Lassen Sie sie los!“

Die Soldaten verstummten. Der General nahm der Frau vorsichtig den Brief aus der Hand, überprüfte das Siegel und wandte sich dann an einen seiner Begleiter.

„Bringen Sie sie sofort in den Konferenzraum. Und verständigen Sie den Stabschef.“

Der junge Offizier versuchte zu lächeln.

„Sir, wir wollten lediglich die Sicherheitsvorschriften durchsetzen.“

Der General sah ihn scharf an.

„Sicherheitsvorschriften? Sie haben eine Person festgehalten, ohne ihre Identität ordentlich zu überprüfen, und sie vor den Augen Ihrer Kameraden gedemütigt.“

Der Offizier wurde blass.

„Wir wussten nicht, wer sie war.“

„Genau deshalb hätten Sie zuerst zuhören müssen.“

Die Frau richtete ihr rotes Hemd und hob ihr Telefon auf, das ein anderer Soldat inzwischen vom Boden genommen hatte.

„General, ich möchte keine Sonderbehandlung. Ich möchte nur meinen Auftrag erfüllen.“

Der General nickte respektvoll.

„Das werden Sie. Aber zunächst möchte ich mich für das Verhalten meiner Männer entschuldigen.“

Die Soldaten sahen einander verwirrt an.

Warum entschuldigte sich ein General bei einer Frau, die sie wenige Minuten zuvor noch für eine gewöhnliche Besucherin gehalten hatten?

Im Konferenzraum öffnete der General den Umschlag.

Darin befanden sich drei Dokumente und eine kleine Fotografie.

Als er das erste Dokument las, setzte er sich langsam.

„Das kann nicht sein …“

Der Stabschef trat näher.

„Was ist los, Sir?“

Der General legte das Papier auf den Tisch.

„Diese Frau wurde nicht zufällig hierhergeschickt. Sie wurde direkt vom Oberkommando angefordert.“

Die junge Frau blieb ruhig.

„Mein Name ist Major Anna Weber. Ich wurde beauftragt, eine vertrauliche Untersuchung auf dieser Basis durchzuführen.“

Der Stabschef blickte sie überrascht an.

„Major?“

Anna nickte und zeigte ihre offiziellen Unterlagen.

„Mein Auftrag betrifft die Sicherheitsstruktur dieser Einrichtung und mehrere Beschwerden, die in den vergangenen Monaten beim Oberkommando eingegangen sind.“

Der General las die Dokumente weiter.

Dann wurde sein Gesichtsausdruck noch ernster.

„Es geht um die Vorwürfe gegen unsere Ausbildungseinheit?“

„Unter anderem“, antwortete Anna.

„Und wer hat diese Untersuchung angeordnet?“

Anna deutete auf die letzte Seite.

Dort befand sich die Unterschrift des Oberbefehlshabers.

Der General stand sofort auf.

„Dann müssen wir unverzüglich beginnen.“

Doch Anna schüttelte den Kopf.

„Nicht so schnell. Bevor ich meine Untersuchung starte, möchte ich wissen, warum Ihre Soldaten glauben, dass sie Menschen am Eingang nach ihrem Aussehen beurteilen dürfen.“

Der General schwieg.

Anna fuhr fort:

„Ich habe heute niemanden bedroht. Ich habe keine geheimen Informationen verlangt. Ich habe lediglich darum gebeten, mit der Basis zu sprechen. Trotzdem wurde ich ausgelacht, festgehalten und vor anderen Soldaten wie eine Verbrecherin behandelt.“

Der Stabschef senkte den Blick.

„Das Verhalten wird untersucht.“

„Das hoffe ich“, sagte Anna. „Denn ich bin nicht wegen einer persönlichen Angelegenheit hier.“

Sie schob das zweite Dokument über den Tisch.

„Ich bin hier, weil mehrere Soldaten berichtet haben, dass Beschwerden ignoriert und bestimmte Vorfälle absichtlich verschwiegen wurden.“

Der General las die Namen auf der Liste.

Einer davon ließ ihn plötzlich erstarren.

„Oberleutnant Markus Keller?“

Anna nickte.

„Genau. Und es gibt noch einen weiteren Namen.“

Sie legte das letzte Blatt daneben.

Als der General diesen Namen sah, wurde er kreidebleich.

„Nein … das ist unmöglich.“

Der Stabschef beugte sich über den Tisch.

„Sir, was steht dort?“

Der General antwortete nicht sofort. Er blickte zu Anna und fragte schließlich: