„Frau Schneider“, begann er, „wir haben die Unterlagen gesichtet.“

Elena setzte sich.

„Was haben Sie herausgefunden?“

Hartmann schob ihr eine Übersicht zu.

„Ihr Mann war vor seinem Unfall offenbar mit der technischen Prüfung eines großen Bauprojekts beschäftigt. Es ging um die Erweiterung eines Industriekomplexes.“

Elena nickte.

„Davon hat er mir erzählt.“

„In seinen Unterlagen finden sich Hinweise auf erhebliche Unstimmigkeiten bei Materialabrechnungen und Prüfprotokollen.“

„Was bedeutet das?“

„Einige der dokumentierten Leistungen stimmen möglicherweise nicht mit den tatsächlich erbrachten Arbeiten überein.“

Elena betrachtete die Zahlen.

Sie verstand nicht jedes technische Detail, aber sie kannte Victor.

Er war ein gewissenhafter Mann gewesen.

Wenn er einen Fehler bemerkte, ließ er nicht locker, bis er eine Erklärung gefunden hatte.

„Glauben Sie, jemand wollte verhindern, dass er darüber spricht?“

Hartmann antwortete vorsichtig.

„Das ist eine Möglichkeit, die wir prüfen müssen. Bislang können wir keinen Zusammenhang zwischen diesen Unterlagen und dem Unfall nachweisen.“

Elena nickte.

Sie wusste, dass der Kommissar keine Versprechungen machen konnte.

Doch dann zeigte er ihr ein weiteres Dokument.

Es war eine Liste mit mehreren Namen.

Einer davon war rot markiert.

Thomas Berger.

Elena erstarrte.

„Der Mann aus unserem Haus?“

Hartmann nickte.

„Sein Name taucht in einer alten Liste externer Mitarbeiter auf.“

Elena starrte auf das Papier.

„Er hat also schon damals für diese Firma gearbeitet?“

„Offenbar war er zeitweise über einen Subunternehmer beschäftigt.“

Sie legte die Hände auf den Tisch.

„Und Jahre später kommt derselbe Mann in unser Haus, um Renovierungsarbeiten auszuführen?“

„Genau diesen zeitlichen Zusammenhang untersuchen wir.“

Elena schloss kurz die Augen.

Die Möglichkeit, dass der Eindringling schon früher mit Victors beruflichem Umfeld in Berührung gekommen war, ließ ihr keine Ruhe.

Doch sie wusste auch, dass eine Verbindung noch kein Beweis für eine gemeinsame Verschwörung war.

„Was passiert jetzt?“, fragte sie.

„Wir werden frühere Kollegen Ihres Mannes befragen und die damaligen Ermittlungsunterlagen erneut prüfen.“

Hartmann hielt einen Moment inne.

„Es gibt allerdings noch jemanden, mit dem wir dringend sprechen möchten.“

„Wen?“

„Victors ehemaligen Geschäftspartner.“

Elena blickte auf.

„Markus Reinhardt?“

Hartmann nickte.

„Ja.“

Und plötzlich erinnerte sich Elena daran, dass Markus seit Victors Unfall kein einziges Mal zu Besuch gekommen war.

## Kapitel 6 – DER MANN, DER NICHT ZURÜCKRIEF

Markus Reinhardt war früher einer von Victors engsten Freunden gewesen.

Die beiden hatten gemeinsam studiert, später in derselben Firma gearbeitet und über viele Jahre hinweg große Bauprojekte betreut.

Markus war sogar Trauzeuge bei ihrer Hochzeit gewesen.

Elena erinnerte sich an die gemeinsamen Grillabende im Garten, an Urlaubsreisen und an die langen Gespräche der beiden Männer über ihre beruflichen Pläne.

Doch nach Victors Unfall hatte sich Markus zunehmend zurückgezogen.

Zunächst hatte er regelmäßig angerufen.

Dann wurden die Gespräche seltener.

Schließlich brach der Kontakt fast vollständig ab.

Elena hatte angenommen, dass er mit der Situation nicht umgehen konnte.

Jetzt fragte sie sich, ob es einen anderen Grund gab.

Am Abend saß sie im Wohnzimmer und betrachtete ein altes Foto.

Darauf standen Victor und Markus nebeneinander vor einem großen Baugelände.

Beide lächelten.

Hinter ihnen war ein Schild zu sehen:

NORD INDUSTRIAL DEVELOPMENT

Elena drehte das Foto um.

Auf der Rückseite hatte Victor ein Datum notiert.

Es war nur sechs Wochen vor seinem Unfall aufgenommen worden.

Sie betrachtete die beiden Männer lange.

Dann klingelte ihr Telefon.

Eine unbekannte Nummer.

Elena nahm ab.

„Hallo?“

Am anderen Ende herrschte zunächst Stille.

Dann erklang eine Männerstimme.

„Elena?“

Sie erkannte die Stimme sofort.

„Markus?“

„Ja.“

Elena richtete sich auf.

„Woher hast du meine neue Nummer?“

„Das ist jetzt nicht wichtig.“

Seine Stimme klang angespannt.

„Ich habe gehört, dass die Polizei wieder Fragen zu Victor stellt.“

Elena schwieg.

„Stimmt das?“, fragte Markus.

„Warum möchtest du das wissen?“

Eine Pause.

„Weil es Dinge gibt, die du nicht verstehst.“

Elena spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

„Dann erklär sie mir.“

Markus atmete hörbar aus.

„Nicht am Telefon.“

„Warum nicht?“

„Weil ich nicht weiß, wer noch zuhört.“

Elena blickte unwillkürlich zur Terrassentür.

„Markus, wenn du etwas über Victors Unfall weißt, solltest du mit der Polizei sprechen.“

„Ich weiß.“

„Dann tu es.“

Am anderen Ende blieb es lange still.

Schließlich sagte Markus:

„Elena, Victor wollte damals etwas aufdecken. Etwas, das mehrere Menschen sehr viel Geld gekostet hätte.“

Sie hielt den Atem an.

„Was genau?“

„Unregelmäßigkeiten bei einem Bauprojekt.“

„Das wissen wir bereits.“

Markus schwieg.

Dann sagte er:

„Dann habt ihr den Umschlag gefunden.“

Elena erstarrte.

„Woher weißt du von dem Umschlag?“

Keine Antwort.

„Markus?“

Seine Stimme wurde leiser.

„Weil ich dabei war, als Victor ihn zusammengestellt hat.“

## Kapitel 7 – DIE BEICHTE DES ALTEN FREUNDES

Am nächsten Morgen erschien Markus freiwillig auf der Polizeidienststelle.

Er wirkte älter, als Elena ihn in Erinnerung hatte. Seine Haare waren grau geworden, und unter seinen Augen lagen tiefe Schatten.

Kommissar Hartmann führte das Gespräch.

Elena wartete in einem anderen Raum.

Fast zwei Stunden vergingen.

Dann öffnete sich die Tür.

Hartmann trat heraus.

„Frau Schneider, Markus Reinhardt hat uns einige wichtige Informationen gegeben.“