## Kapitel 3 – DIE NACHT DES UNFALLS

Elena hatte geglaubt, die schlimmsten Fragen seien bereits beantwortet.

Der Eindringling war festgenommen worden.

Die gestohlenen Gegenstände waren gefunden worden.

Und Victor erhielt die notwendige medizinische Versorgung.

Doch nun saß ein Ermittler vor ihr und sprach über jenen Unfall, der ihr Leben vor fast drei Jahren zerstört hatte.

„Was soll dieser Zettel mit Victors Unfall zu tun haben?“, fragte sie.

Hartmann öffnete seine Mappe.

„Wir haben die Angaben darauf mit alten Unterlagen verglichen. Eine der Zahlenfolgen stimmt mit einer früheren Telefonnummer überein, die im Zusammenhang mit dem Unfall Ihres Mannes dokumentiert wurde.“

Elena runzelte die Stirn.

„Ich verstehe nicht.“

„Erinnern Sie sich noch an den ursprünglichen Polizeibericht?“

Natürlich erinnerte sie sich.

Sie hatte ihn unzählige Male gelesen.

Victor war spätabends auf einer Landstraße unterwegs gewesen. Es hatte stark geregnet. Sein Wagen war von der Fahrbahn abgekommen und gegen einen Baum geprallt.

Die Ermittlungen hatten damals keine Hinweise auf die Beteiligung eines anderen Fahrzeugs ergeben.

„Es war ein Unfall“, sagte Elena.

„Das war das damalige Untersuchungsergebnis“, antwortete Hartmann. „Wir haben derzeit keinen Beweis für etwas anderes. Aber wir möchten einige neue Hinweise überprüfen.“

Elena spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

„Welche Hinweise?“

Der Kommissar zeigte ihr ein Foto.

Darauf war ein älterer schwarzer Wagen zu sehen.

„Dieses Fahrzeug gehörte früher dem Mann, der in Ihr Haus eingedrungen ist.“

Elena starrte auf das Bild.

„Und?“

„Es wurde vor knapp drei Jahren in der Nähe des Unfallortes registriert.“

Elena schüttelte langsam den Kopf.

„Das kann doch ein Zufall sein.“

„Ja“, erwiderte Hartmann. „Deshalb prüfen wir die Zusammenhänge, bevor wir Schlussfolgerungen ziehen.“

Er schob ihr ein zweites Dokument zu.

„Außerdem haben wir festgestellt, dass der Verdächtige früher für eine Firma gearbeitet hat, die gelegentlich Aufträge von Victors damaligem Arbeitgeber erhielt.“

Elena blickte auf.

„Victor war Bauingenieur.“

„Richtig.“

„Er leitete mehrere große Projekte.“

„Genau darüber möchten wir mit Ihnen sprechen.“

Elena schwieg.

Plötzlich erinnerte sie sich an etwas.

Ein Gespräch, das sie wenige Tage vor dem Unfall mit ihrem Mann geführt hatte.

Victor war damals ungewöhnlich angespannt gewesen.

Er hatte am Küchentisch gesessen, mehrere Unterlagen vor sich ausgebreitet und immer wieder auf sein Telefon geschaut.

Als Elena ihn gefragt hatte, was los sei, hatte er nur gesagt:

„Es gibt Dinge in der Firma, die nicht stimmen.“

Damals hatte sie angenommen, es gehe um gewöhnliche Probleme bei einem Bauprojekt.

Jetzt war sie sich nicht mehr sicher.

„Kommissar“, sagte sie leise, „ich glaube, Victor hatte vor seinem Unfall Schwierigkeiten bei der Arbeit.“

Hartmann nahm sofort seinen Stift.

„Erzählen Sie mir alles, woran Sie sich erinnern.“

## Kapitel 4 – DER VERSCHWUNDENE ORDNER

Am folgenden Morgen kehrte Elena zum ersten Mal seit mehreren Tagen in ihr Haus zurück.

Zwei Polizeibeamte begleiteten sie, da noch einige persönliche Gegenstände überprüft werden mussten.

Das Haus wirkte unverändert.

Die Blumen standen auf der Fensterbank.

Sofias Schulbücher lagen auf dem Wohnzimmertisch.

In der Küche hing noch immer der Kalender mit den Arztterminen ihres Mannes.

Doch Elena betrachtete alles mit anderen Augen.

Sie ging langsam in Victors ehemaliges Arbeitszimmer.

Seit dem Unfall hatte sie diesen Raum kaum verändert.

Seine Bücher standen noch immer ordentlich im Regal. Auf dem Schreibtisch lag ein alter Taschenrechner, daneben eine kleine Schreibtischlampe.

Elena öffnete die oberste Schublade.

Darin befanden sich Stifte, Notizblöcke und einige vergilbte Rechnungen.

Nichts Auffälliges.

Dann erinnerte sie sich an einen Satz, den Victor früher häufig gesagt hatte.

„Die wichtigsten Dinge bewahrt man nicht dort auf, wo jeder zuerst sucht.“

Sie blickte zum Bücherregal.

Victor hatte eine Vorliebe für alte Architektur- und Ingenieurbücher gehabt. Besonders ein großer dunkelgrüner Band über historische Brückenkonstruktionen hatte ihm viel bedeutet.

Elena nahm das Buch heraus.

Es war schwerer, als sie erwartet hatte.

Als sie es öffnete, entdeckte sie zwischen den Seiten einen flachen Umschlag.

Ihr Herz begann schneller zu schlagen.

Auf der Vorderseite stand in Victors Handschrift:

PROJEKT NORD – VERTRAULICH

Elena hielt den Atem an.

Sie öffnete den Umschlag nicht sofort.

Stattdessen rief sie einen der Polizeibeamten.

„Ich glaube, ich habe etwas gefunden.“

Der Beamte trat näher.

„Was ist das?“

„Unterlagen meines Mannes. Ich wusste nicht, dass sie hier liegen.“

Er betrachtete den Umschlag.

„Wir sollten ihn dokumentieren und den Ermittlern übergeben.“

Elena nickte.

Doch bevor sie ihn losließ, fiel ihr eine weitere Zeile auf.

Ganz unten, mit einem anderen Stift geschrieben, stand:

Wenn mir etwas passiert, vertraue nicht den offiziellen Zahlen.

Elena spürte, wie ihr die Knie weich wurden.

Drei Jahre lang hatte sie geglaubt, Victor sei durch einen tragischen Unfall aus ihrem gemeinsamen Leben gerissen worden.

Nun hielt sie einen Umschlag in den Händen, der Fragen aufwarf, auf die sie niemals vorbereitet gewesen war.

## Kapitel 5 – DAS PROJEKT NORD

Zwei Tage später wurde Elena erneut zur Polizeidienststelle gebeten.

Kommissar Hartmann saß bereits im Besprechungsraum.

Vor ihm lagen mehrere Kopien der Dokumente aus Victors Umschlag.