„Warum hat sie das getan?“, fragte er.

Miller antwortete vorsichtig.

„Möglicherweise wollte sie bestimmte Besuche nicht dokumentieren lassen. Aber auch das müssen wir erst überprüfen.“

Daniel schwieg.

Seine Gedanken wanderten zurück zu den vielen kleinen Veränderungen, die er im Alltag kaum bemerkt hatte.

Emma hatte plötzlich darauf bestanden, die Haushaltsfinanzen allein zu verwalten. Sie hatte häufiger das Haus verlassen und ihre Ausflüge mit angeblichen Treffen alter Freundinnen erklärt. Gleichzeitig war sie gereizter geworden, besonders wenn Daniel nach ihren Plänen fragte.

Er hatte diese Veränderungen auf Stress geschoben.

Jetzt wusste er nicht mehr, was er glauben sollte.

„Mr. Weber“, sagte Sarah sanft, „es ist wichtig, dass Sie sich nicht selbst die Verantwortung für die Entscheidungen Ihrer Frau geben.“

Daniel blickte auf.

„Ich versuche nur zu verstehen, wie ich all das übersehen konnte.“

„Sie haben Ihrer Ehefrau vertraut“, erwiderte sie. „Vertrauen allein erklärt nicht, warum jemand es missbraucht.“

Daniel sagte nichts.

Doch ihre Worte blieben ihm im Gedächtnis.

Kapitel 5 – MAX UND DAS VERGESSENE DETAIL
Am folgenden Nachmittag brachte Daniel Max erneut zum Tierarzt.

Dr. Thomas Berger kannte den Golden Retriever seit dessen Welpenalter. Er hatte ihn geimpft, untersucht und über Jahre hinweg begleitet.

Als Daniel ihm erzählte, was geschehen war, schüttelte der Tierarzt betroffen den Kopf.

„Das erklärt einiges“, sagte er.

„Sie meinen sein Verhalten?“

„Ja. Hunde können auf bestimmte Gerüche, Bewegungen und wiederkehrende Situationen reagieren. Wenn Max unangenehme Erfahrungen mit Ihrer Frau gemacht hat, könnte er gelernt haben, ihre Handlungen mit Gefahr zu verbinden.“

Daniel blickte zu seinem Hund.

Max saß ruhig auf dem Untersuchungstisch und ließ sich geduldig untersuchen.

„Ich dachte wirklich, er sei plötzlich aggressiv geworden.“

„Sein Verhalten war möglicherweise eine Angst- oder Stressreaktion“, erklärte Berger. „Wir sollten trotzdem genau beobachten, wie er sich in den kommenden Wochen verhält.“

Der Tierarzt untersuchte Max gründlich.

Glücklicherweise fand er keine Hinweise auf ernsthafte gesundheitliche Probleme.

Daniel atmete erleichtert auf.

„Ich möchte nicht, dass er noch einmal so etwas erleben muss.“

„Dann geben Sie ihm vor allem Stabilität“, antwortete Berger. „Vertraute Abläufe, Ruhe und positive Erfahrungen werden ihm helfen.“

Während Daniel die Leine befestigte, fragte der Tierarzt plötzlich:

„Ist Ihnen eigentlich aufgefallen, dass Max in letzter Zeit ungewöhnlich oft zur Hintertür gelaufen ist?“

Daniel hielt inne.

„Zur Hintertür?“

„Ja. Als Sie ihn vor einigen Wochen hierhergebracht haben, erwähnten Sie, dass er nachts häufig unruhig sei und in Richtung Garten belle.“

Daniel erinnerte sich.

Tatsächlich hatte Max mehrfach mitten in der Nacht angeschlagen.

Emma hatte damals behauptet, es seien Waschbären oder streunende Katzen gewesen.

Einmal hatte sie sogar verlangt, Max nachts im Hauswirtschaftsraum einzusperren, damit er sie nicht mehr weckte.

Daniel hatte zugestimmt.

Jetzt wurde ihm bei dieser Erinnerung unwohl.

„Glauben Sie, er hat jemanden draußen bemerkt?“, fragte er.

Berger hob die Schultern.

„Das kann ich nicht beurteilen. Hunde reagieren auf viele Reize. Aber wenn Sie einen konkreten Verdacht haben, sollten Sie das den Ermittlern mitteilen.“

Daniel nickte.

Auf der Heimfahrt dachte er ununterbrochen an die Hintertür.

An den unbekannten Wagen.

An das zweite Telefon.

Und an die Nachrichten, die Emma an Alex geschrieben hatte.

Als er schließlich vor seinem Haus parkte, blieb er noch einen Moment im Auto sitzen.

Max blickte ihn vom Rücksitz aus an.

„Was hast du damals gesehen, mein Junge?“, murmelte Daniel.

Der Hund wedelte mit dem Schwanz.

Daniel stieg aus.

Er wusste, dass Max ihm keine Antwort geben konnte.

Doch vielleicht gab es noch etwas anderes, das ihm weiterhelfen würde.

Die Kamera an der Garage.

Sie war Teil eines älteren Systems gewesen, das Daniel vor Jahren selbst installiert hatte.

Anders als die neueren Kameras speicherte sie ihre Aufnahmen auf einem separaten Gerät.

Und soweit Daniel wusste, hatte Emma dieses System niemals benutzt.

Kapitel 6 – DIE AUFNAHME UM 2:13 UHR
Daniel ging direkt in sein Arbeitszimmer.

In einem Schrank unter dem Schreibtisch stand ein alter Netzwerkrekorder. Er hatte ihn seit Monaten nicht mehr eingeschaltet.

Als er das Gerät überprüfte, stellte er überrascht fest, dass noch Aufzeichnungen vorhanden waren.

Nicht alle.

Aber einige.

Er suchte nach dem Dienstagabend, an dem er den unbekannten Wagen vor dem Haus gesehen hatte.

Die Datei war tatsächlich noch gespeichert.

Daniel öffnete sie.

Auf dem Bildschirm erschien die Einfahrt seines Hauses.

Es regnete.

Die Straßenlaterne warf einen schwachen Lichtkegel auf den nassen Asphalt.

Um 19:46 Uhr fuhr eine dunkelgraue Limousine vor.

Ein Mann stieg aus.

Daniel beugte sich näher an den Bildschirm.

Der Fremde trug eine schwarze Jacke und hielt sein Telefon in der Hand.

Wenige Sekunden später öffnete Emma die Haustür.

Sie ging direkt auf ihn zu.

Die beiden sprachen kurz miteinander.

Dann übergab der Mann ihr einen kleinen Umschlag.

Emma blickte sich um, bevor sie ihn in ihrer Jackentasche verschwinden ließ.

Daniel hielt die Aufnahme an.

Sein Herz schlug schneller.

Er wusste nicht, was sich in dem Umschlag befunden hatte.

Aber eines war offensichtlich: Der Mann war kein verirrter Lieferfahrer gewesen.