Mark beugte sich näher zum Bildschirm.

Zunächst sagte er kein Wort. Er betrachtete die Aufnahme, wechselte die Einstellung und bat die Kollegin, die Untersuchung noch einmal zu überprüfen.

„Sind Sie sicher, dass die Messwerte stimmen?“, fragte er schließlich.

Die Ärztin nickte.

„Ich habe die Untersuchung zweimal durchgeführt. Es gibt eine deutliche Veränderung im Bauchraum.“

Mark atmete langsam aus.

„Wir brauchen eine zweite fachärztliche Beurteilung. Und zwar sofort.“

Er wusste, dass man aus einem einzelnen Ultraschallbild keine voreiligen Schlüsse ziehen durfte. Doch die Aufnahme zeigte etwas, das nicht zu den bisherigen Befunden passte.

Wenige Minuten später kam eine weitere Fachärztin hinzu. Gemeinsam überprüften sie die Ergebnisse und ordneten zusätzliche Untersuchungen an.

Als die Befunde vorlagen, herrschte zunächst Schweigen.

Laura war schwanger.

Die Schwangerschaft war bereits weit fortgeschritten.

Mark blickte ungläubig auf die Unterlagen.

„Wie ist das möglich?“, fragte er leise.

Die Kollegin erklärte, dass eine Schwangerschaft bei einer Patientin im Koma unter bestimmten Umständen unbemerkt bleiben könne, insbesondere wenn die Vorgeschichte unvollständig sei und andere medizinische Probleme im Vordergrund stünden.

Doch damit war das Rätsel noch lange nicht gelöst.

TEIL 3 – DIE FRAGE, DIE NIEMAND BEANTWORTEN KONNTE

Mark ließ sofort eine umfassende Untersuchung durchführen, um den Zustand von Laura und dem ungeborenen Kind beurteilen zu lassen.

Die Ergebnisse zeigten, dass das Kind lebte. Allerdings war die Situation medizinisch anspruchsvoll, und das Team musste jeden weiteren Schritt sorgfältig planen.

Eine erfahrene Gynäkologin, Dr. Weber, übernahm die Betreuung.

„Wir müssen jetzt zwei Patientinnen beziehungsweise Patienten berücksichtigen“, erklärte sie. „Laura braucht weiterhin ihre intensivmedizinische Versorgung. Gleichzeitig müssen wir die Entwicklung des Kindes engmaschig überwachen.“

Mark nickte.

Doch eine Frage ließ ihn nicht los.

Wie konnte es sein, dass niemand von dieser Schwangerschaft gewusst hatte?

Laura war ohne enge Angehörige eingeliefert worden. Ihre Krankenakte enthielt nur wenige Informationen über ihr Privatleben. Es gab keine verlässlichen Angaben zu einer möglichen Partnerschaft oder zu ihrem letzten Lebensabschnitt.

Das Team beschloss, die vorhandenen Unterlagen erneut zu prüfen und nach einer Kontaktperson zu suchen.

Am Nachmittag erhielt die Sozialarbeiterin des Krankenhauses einen Hinweis aus der Verwaltung.

Eine Frau hatte sich vor einigen Wochen telefonisch nach Laura erkundigt.

Ihr Name war Miriam.

TEIL 4 – DIE UNBEKANNTE FRAU MIT DEM ALTEN FOTO

Miriam erschien am nächsten Morgen im Krankenhaus.

Sie war etwa Anfang dreißig und hielt ein altes Foto in der Hand. Darauf war Laura vor einem Café zu sehen, lächelnd neben einer anderen jungen Frau.

Als Mark ihr erklärte, dass Laura schwanger war, wurde Miriam blass.

„Das kann nicht sein“, flüsterte sie.

„Kannten Sie Laura näher?“, fragte Mark.

Miriam nickte.

„Wir waren beste Freundinnen. Früher haben wir fast alles miteinander geteilt. Aber kurz vor ihrem Unfall hatten wir einen Streit.“

Sie erzählte, dass Laura einige Monate zuvor einen Mann namens Daniel kennengelernt hatte. Anfangs schien die Beziehung glücklich zu sein. Doch mit der Zeit hatte Laura sich immer mehr zurückgezogen.

„Sie wollte mir etwas erzählen“, sagte Miriam. „Am Tag vor dem Unfall rief sie mich an. Sie sagte, sie müsse mir etwas Wichtiges sagen. Aber ich war beschäftigt und versprach, später zurückzurufen.“

Miriams Stimme wurde brüchig.

„Ich habe nie zurückgerufen.“

Mark schwieg einen Moment.

„Sie sollten sich dafür nicht allein verantwortlich machen. Wir wissen nicht, was an diesem Tag geschehen ist.“

Miriam öffnete ihre Handtasche und holte einen gefalteten Zettel heraus.

„Den hat Laura mir vor dem Unfall geschickt. Ich habe ihn damals nicht richtig verstanden.“

Auf dem Papier stand nur ein Satz:

„Wenn mir etwas passiert, such bitte nach dem blauen Notizbuch.“

Mark sah die Sozialarbeiterin an.

„Wissen Sie, wo dieses Notizbuch sein könnte?“

Miriam schüttelte den Kopf.

„Nein. Aber ich weiß, dass Laura immer eines bei sich hatte.“

TEIL 5 – DAS NOTIZBUCH, DAS ALLES VERÄNDERN KÖNNTE

Die Polizei hatte nach dem Unfall Lauras persönliche Gegenstände gesichert. Nach einer entsprechenden Anfrage wurde geprüft, ob sich darunter ein blaues Notizbuch befand.

Tatsächlich wurde es gefunden.

Es enthielt persönliche Gedanken, Termine und einige Telefonnummern. Die letzten Einträge waren jedoch besonders auffällig.

Laura hatte mehrfach den Namen Daniel notiert.

Daneben standen kurze Sätze:

„Er muss die Wahrheit erfahren.“

„Ich kann nicht länger schweigen.“

Und schließlich, wenige Tage vor dem Unfall:

„Ich werde es allein schaffen, wenn es sein muss.“

Mark legte das Notizbuch vorsichtig beiseite.

Er wollte keine voreiligen Schlüsse ziehen. Die Polizei sollte klären, ob die Einträge etwas mit dem Unfall zu tun hatten.

Miriam erkannte die Handschrift sofort.

„Laura hatte Angst“, sagte sie leise. „Aber sie hat mir nie erzählt, wovor.“

Am selben Nachmittag wurde eine weitere Person ausfindig gemacht: Daniel.

Als er im Krankenhaus erschien und erfuhr, dass Laura schwanger war, veränderte sich sein Gesichtsausdruck.

„Das ist unmöglich“, sagte er.

Mark sah ihn aufmerksam an.

„Warum sollte das unmöglich sein?“

Daniel antwortete nicht.

Stattdessen fragte er:

„Ist das Kind wirklich noch am Leben?“

Die Frage klang nicht wie die eines erleichterten zukünftigen Vaters.