Es war bereits später Nachmittag, als ein weiterer Polizeibeamter mit schnellen Schritten auf Krüger zukam.

„Wir haben Neuigkeiten.“

„Was ist passiert?“

„Thomas Berger hat sich soeben bei der Dienststelle gemeldet.“

Daniel drehte sich sofort um.

„Er hat sich selbst gemeldet?“

Der Beamte nickte.

„Ja. Er hat gesagt, dass er von den Ereignissen auf dem Friedhof erfahren hat und bereit ist, eine Aussage zu machen.“

Emilias Mutter stand auf.

„Dann weiß er, wo meine Tochter ist?“

„Das können wir noch nicht sagen“, erklärte Krüger. „Wir müssen ihn zunächst anhören und seine Angaben überprüfen.“

Der Beamte blätterte in seinem Notizbuch.

„Es gibt allerdings eine ungewöhnliche Bedingung.“

„Welche?“, fragte der Vater.

„Thomas Berger möchte ausschließlich mit Emilias Mutter sprechen.“

Die Mutter erstarrte.

„Mit mir? Warum ausgerechnet mit mir?“

Krüger sah sie ernst an.

„Das werden wir herausfinden. Sie müssen aber nicht allein mit ihm sprechen. Wir werden das Gespräch begleiten und dafür sorgen, dass Sie sich sicher fühlen.“

Sie blickte zu ihrem Mann.

Er nahm ihre Hand.

„Wenn er etwas über Emilia weiß, müssen wir es erfahren.“

Die Mutter nickte langsam.

### Das Gespräch, das alles verändern könnte

Eine Stunde später saß Emilias Mutter in einem Besprechungsraum der Polizeidienststelle. Neben ihr saß ihr Mann. Krüger und eine Kollegin waren ebenfalls anwesend.

Die Tür öffnete sich.

Ein Mann mit grauen Haaren trat ein.

Er trug einen dunklen Mantel.

Über seiner linken Augenbraue verlief eine schmale Narbe.

Daniel, der im Flur wartete, erkannte ihn sofort.

Es war derselbe Mann, den er damals mit Emilia vor dem Café gesehen hatte.

Thomas Berger setzte sich nicht sofort. Stattdessen blickte er lange auf Emilias Mutter.

„Sie sind also ihre Mutter“, sagte er schließlich.

„Ja“, antwortete sie. „Und ich möchte wissen, was Sie mit meiner Tochter zu tun hatten.“

Thomas senkte den Kopf.

„Ich hätte früher zu Ihnen kommen müssen.“

„Warum?“

Er griff in seine Manteltasche, zog einen kleinen Umschlag hervor und legte ihn auf den Tisch.

„Weil Emilia mir etwas gegeben hat. Sie sagte, ich solle es Ihnen nur dann übergeben, wenn ihr etwas passieren sollte.“

Die Mutter starrte auf den Umschlag.

Auf der Vorderseite stand in Emilias Handschrift:

**„Für Mama. Bitte erst öffnen, wenn du die ganze Wahrheit kennst.“**

Ihre Hände begannen zu zittern.

„Woher haben Sie diesen Brief?“

Thomas antwortete nicht sofort.

Dann sagte er einen Satz, der alle im Raum verstummen ließ:

„Weil Emilia am Abend vor ihrem Unfall zu mir kam, um mir etwas anzuvertrauen. Und weil ich derjenige bin, der Ihnen erklären muss, warum sie solche Angst hatte.“

Krüger legte den Stift beiseite.

„Dann erzählen Sie uns bitte alles. Von Anfang an.“

Thomas blickte noch einmal auf den Umschlag.

„Das werde ich. Aber zuerst müssen Sie eines wissen: Emilia hatte nicht vor, an diesem Abend nach Hause zu fahren, ohne Ihnen die Wahrheit zu sagen.“

Er schob den Umschlag langsam über den Tisch.

„Und was darin steht, wird erklären, warum sie unbedingt mit Ihnen sprechen wollte.“

Die Mutter sah auf die vertraute Handschrift ihrer Tochter.

Doch sie öffnete den Brief noch nicht.

Denn plötzlich wurde ihr klar, dass sie vielleicht nicht nur eine Antwort auf Emilias Tod bekommen würde.

Sie könnte auch erfahren, dass ihre Tochter ein Geheimnis mit sich getragen hatte, von dem die eigene Familie nichts gewusst hatte.

**Und dieses Geheimnis begann mit einem Namen, den Emilias Mutter seit fast zwanzig Jahren nicht mehr gehört hatte.**