„Wir benötigen eine Liste der persönlichen Gegenstände, die nach dem Unfall gefunden wurden. Gibt es etwas, das uns helfen könnte, Emilias letzte Tage nachzuvollziehen?“

Der Vater dachte nach.

„Ihr Handy. Wir haben es nach dem Unfall in ihrer Wohnung gefunden. Es war ausgeschaltet.“

„Haben Sie versucht, es einzuschalten?“

„Nein. Wir wollten nichts verändern. Wir dachten, die Polizei würde es später benötigen.“

Krüger nickte.

„Das war richtig. Geben Sie es bitte den Kollegen. Die digitalen Daten können unter den entsprechenden rechtlichen Voraussetzungen untersucht werden.“

Der Vater übergab das Gerät.

Es war ein älteres Modell mit einer kleinen Schramme an der Rückseite. Auf der Hülle klebte noch ein winziger Aufkleber, den Emilia selbst angebracht hatte.

Die Mutter strich mit den Fingern über die leere Stelle, an der das Telefon gelegen hatte.

„Sie hatte immer so viel zu erzählen“, sagte sie leise. „Und jetzt müssen wir auf Nachrichten hoffen, die sie uns vielleicht hinterlassen hat.“

### Eine Information aus dem Krankenhaus

Plötzlich klingelte Krügers Telefon.

Er entfernte sich einige Schritte und nahm den Anruf entgegen.

„Krüger.“

Er hörte schweigend zu.

Sein Blick wanderte zum geöffneten Sarg.

„Haben Sie die Unterlagen bereits miteinander verglichen?“

Eine Pause.

„Und die Identität der abgeholten Person?“

Wieder hörte er zu.

Dann sagte er:

„Verstanden. Schicken Sie uns bitte sämtliche Dokumente und sichern Sie die vorhandenen Aufzeichnungen.“

Er beendete das Gespräch und kehrte zu den Eltern zurück.

Emilias Mutter stand sofort auf.

„Was ist passiert? Haben Sie etwas über meine Tochter erfahren?“

Krüger wählte seine Worte sorgfältig.

„Das Krankenhaus hat bei der Überprüfung der Überführungsunterlagen eine Unstimmigkeit festgestellt. Die Dokumentation der Übergabe muss erneut geprüft werden.“

„Was bedeutet das?“, fragte der Vater.

„Es bedeutet, dass wir derzeit nicht mit Sicherheit sagen können, ob die Person, die damals überführt wurde, tatsächlich eindeutig als Emilia identifiziert worden ist.“

Die Mutter hielt sich an der Bank fest.

„Wollen Sie damit sagen, dass wir vielleicht gar nicht unsere Tochter beerdigen sollten?“

Krüger schüttelte den Kopf.

„Ich möchte keine Vermutungen äußern, bevor die Fakten geprüft sind. Wir werden die Identität anhand der medizinischen Unterlagen und der erforderlichen Untersuchungen klären.“

Der Vater blickte ihn verzweifelt an.

„Aber warum hat uns niemand vorher informiert? Wir haben unsere Tochter verabschiedet. Wir haben ihre Beerdigung organisiert. Wir haben geglaubt, dass alles geklärt sei.“

Krüger antwortete ruhig:

„Genau deshalb werden wir jeden einzelnen Schritt nachvollziehen. Wenn Fehler gemacht wurden, müssen wir herausfinden, wo und durch wen.“

### Der Name auf dem Übergabeformular

Am Nachmittag wurden die ersten Dokumente genauer untersucht.

Dabei tauchte ein Name auf, der zuvor noch nicht erwähnt worden war:

**Thomas Berger.**

Laut den Unterlagen hatte er die Abholung organisiert und war der letzte externe Ansprechpartner gewesen, der mit dem Bestattungsunternehmen Kontakt aufgenommen hatte.

Emilias Eltern kannten diesen Namen nicht.

Daniel dagegen reagierte sofort.

„Thomas Berger?“

Krüger hob den Kopf.

„Kennen Sie ihn?“

Daniel zögerte.

„Ich bin mir nicht sicher, ob es derselbe Mann ist. Aber ich habe vor einigen Wochen jemanden mit diesem Namen in Emilias Nähe gesehen.“

„Wo war das?“

„Vor einem kleinen Café in der Innenstadt. Emilia stand mit einem Mann zusammen. Sie diskutierten offenbar über etwas. Ich wollte sie begrüßen, aber als sie mich bemerkte, wirkte sie plötzlich nervös.“

„Haben Sie den Mann erkannt?“

„Nein. Aber später hörte ich, wie sie ihn Thomas nannte.“

Krüger machte sich eine Notiz.

„Können Sie ihn beschreiben?“

Daniel dachte kurz nach.

„Er war ungefähr Mitte fünfzig, trug einen dunklen Mantel und hatte eine auffällige Narbe über der linken Augenbraue. Mehr kann ich nicht mit Sicherheit sagen.“

Die Mutter wurde unruhig.

„Warum sollte meine Tochter mit einem fremden Mann zu tun haben?“

Daniel sah sie an.

„Vielleicht war er gar nicht fremd für sie. Vielleicht kannte sie ihn schon länger.“

„Aber wer ist er?“

Darauf hatte niemand eine Antwort.

### Die Nachricht aus unbekannter Quelle

Gerade als Krüger seine Kollegen anweisen wollte, Thomas Berger ausfindig zu machen, vibrierte sein Diensthandy.

Eine Nachricht war eingegangen.

Die Nummer war nicht gespeichert.

Der Beamte öffnete sie und las:

**„Suchen Sie nicht nur im Krankenhaus. Fragen Sie Thomas Berger, warum Emilia am Abend vor ihrem Unfall noch einmal zu ihm gefahren ist.“**

Krüger las den Satz ein zweites Mal.

Dann zeigte er Daniel die Nachricht.

„Wissen Sie, was damit gemeint sein könnte?“

Daniel schüttelte den Kopf.

„Nein. Aber wenn Emilia ihn tatsächlich am Abend vor dem Unfall besucht hat, könnte das wichtig sein.“

Der Vater trat näher.

„Vielleicht wusste Thomas, was passiert ist. Vielleicht hat er etwas mit dem Unfall zu tun.“

„Das können wir nicht einfach annehmen“, antwortete Krüger. „Wir werden zunächst feststellen, ob diese Nachricht glaubwürdig ist und wer sie geschickt hat.“

Er gab die Informationen an seine Kollegen weiter.

Die Ermittlungen wurden nun auf zwei Fragen konzentriert: Was war mit dem Sarg geschehen, und warum war Emilias Name mit Thomas Berger verbunden?

### Eine unerwartete Selbstmeldung