Als der Sargdeckel endlich weit genug geöffnet war, wich Emilias Mutter mit einem erstickten Schrei zurück.

„Nein … nein, das kann nicht sein!“

Daniel stand regungslos neben dem Sarg. Er hatte mit vielem gerechnet, aber nicht mit diesem Anblick.

Dort, wo der Körper der achtzehnjährigen Emilia hätte liegen sollen, befanden sich mehrere schwere, sorgfältig verschnürte Pakete. Sie waren mit einer dunklen Plane umwickelt und mit breiten Bändern befestigt worden.

Dazwischen lag ein kleiner silberner Anhänger.

Emilias Anhänger.

Ihre Mutter erkannte ihn sofort.

„Den hatte sie immer bei sich“, flüsterte sie. „Sie hat ihn nie abgelegt. Nicht einmal zum Schlafen.“

Ihr Mann legte einen Arm um sie. Seine Lippen bewegten sich, doch zunächst brachte er kein Wort hervor.

Daniel trat einen Schritt zurück.

„Niemand berührt etwas“, sagte er mit fester Stimme. „Wir müssen sofort die Polizei verständigen.“

Einer der Sargträger sah auf die Pakete und schüttelte ungläubig den Kopf.

„Jetzt verstehe ich, warum der Sarg so schwer war.“

Der zweite Mann nickte.

„Wir haben zu viert kaum geschafft, ihn zu tragen. Aber wir hätten niemals gedacht, dass …“

Er brach ab.

Daniel sah ihn an.

„Dass sich darin nicht einmal der Leichnam befindet, den wir hier beerdigen wollten.“

Für einen Moment war nur das leise Rascheln der Bäume zu hören.

Dann begann Emilias Mutter zu weinen.

„Wo ist meine Tochter?“

Niemand konnte ihr eine Antwort geben.

### Ein Friedhof wird zum Tatort

Wenige Minuten später trafen mehrere Polizeibeamte ein. Der Friedhof wurde abgesperrt, und die Trauergäste wurden gebeten, sich in einiger Entfernung zu versammeln.

Einige Menschen standen fassungslos nebeneinander. Andere telefonierten mit Angehörigen und versuchten zu verstehen, was gerade geschehen war.

Der leitende Beamte stellte sich als Krüger vor.

Er sprach zunächst mit Daniel und anschließend mit den vier Sargträgern.

„Wer hat den Sarg vorbereitet?“

Einer der Männer zeigte auf den Bestatter, der etwas abseits neben seinem Fahrzeug stand.

„Wir haben ihn heute Morgen übernommen. Er war bereits verschlossen.“

Krüger wandte sich an den Bestatter.

„Von welchem Unternehmen haben Sie den Sarg erhalten?“

Der Mann wirkte nervös.

„Von einem Bestattungsunternehmen aus der Nachbarstadt. Wir arbeiten gelegentlich mit ihnen zusammen.“

„Haben Sie den Inhalt überprüft?“

„Nein. Uns wurde schriftlich bestätigt, dass sich der Leichnam von Emilia darin befindet. Die notwendigen Unterlagen waren vorhanden.“

Krüger nahm die Dokumente entgegen und betrachtete sie aufmerksam.

„Wer hat diese Bestätigung ausgestellt?“

Der Bestatter nannte einen Namen.

Der Beamte notierte ihn.

„Und wer hat die Übergabe unterschrieben?“

Der Mann blätterte durch seine Mappe und zeigte auf ein Formular.

Krüger betrachtete die Unterschrift.

Dann wurde sein Gesicht ernst.

„Diese Unterlagen müssen überprüft werden. Bis dahin bleibt alles hier unverändert.“

Er gab seinen Kollegen Anweisungen, den Sarg und seinen Inhalt zu dokumentieren. Niemand durfte etwas eigenmächtig bewegen.

Emilias Eltern wurden inzwischen von einer Polizeibeamtin betreut.

Die Mutter hielt den silbernen Anhänger, den sie aus einiger Entfernung erkennen konnte, mit den Augen fest.

„Das ist ihrer“, sagte sie immer wieder. „Ich weiß, dass es ihrer ist.“

Ihr Mann nahm ihre Hand.

„Wir werden herausfinden, was passiert ist.“

Doch seine Stimme klang nicht überzeugt.

### Das letzte Gespräch mit ihrer Tochter

Während die Ermittler ihre Arbeit aufnahmen, erinnerte sich Emilias Mutter plötzlich an etwas.

„Herr Krüger?“

Der Beamte wandte sich ihr sofort zu.

„Ja, bitte.“

„Ich muss Ihnen etwas erzählen. Es geht um den Tag vor dem Unfall.“

Krüger setzte sich neben sie.

„Nehmen Sie sich Zeit.“

Sie holte tief Luft.

„Emilia hat mich am Abend angerufen. Sie klang ungewöhnlich aufgeregt. Ich fragte sie, ob etwas passiert sei, aber sie sagte nur, dass sie mir etwas erzählen müsse.“

„Hat sie gesagt, worum es ging?“

„Nein. Sie wollte nicht am Telefon darüber sprechen. Sie sagte, dass sie am nächsten Tag vorbeikommen würde.“

Die Mutter blickte zu ihrem Mann.

„Ich dachte, es ginge um eine Überraschung. Vielleicht um ihr Studium oder eine Reise. Sie hatte in letzter Zeit so viele Pläne.“

Ihr Mann senkte den Blick.

„Warum hast du mir davon nichts erzählt?“

„Weil ich dachte, es sei etwas Schönes. Ich wollte ihr nicht vorgreifen.“

Dann wandte sie sich wieder an Krüger.

„Aber jetzt frage ich mich, ob sie vielleicht Angst hatte. Vielleicht wollte sie uns etwas sagen und wusste nicht, wie.“

Daniel hatte das Gespräch aufmerksam verfolgt.

„Hat Emilia in den letzten Wochen erwähnt, dass jemand sie bedrängt oder unter Druck gesetzt hat?“

Die Mutter schüttelte langsam den Kopf.

„Nicht direkt. Aber sie war manchmal stiller als sonst. Wenn ich fragte, sagte sie, alles sei in Ordnung.“

Daniel sah zu Boden.

Er erinnerte sich daran, dass er Emilia einige Wochen zuvor gesehen hatte. Sie hatte damals mit einem Mann gesprochen, den Daniel nicht kannte. Als sie ihn bemerkte, hatte sie das Gespräch sofort beendet.

Damals hatte er sich nichts dabei gedacht.

Jetzt bereute er, nicht genauer nachgefragt zu haben.

### Das alte Mobiltelefon

Ein weiterer Beamter trat zu den Eltern.