## Kapitel 6: Der stille Wächter legt seine Karten auf den Tisch

Am nächsten Morgen traf ich Alejandro erneut, diesmal gemeinsam mit den externen Prüfern und unserer Rechtsabteilung.

Ich legte meine Feststellungen vor und erklärte genau, welche Punkte belegt waren und welche noch überprüft werden mussten.

Alejandro hörte aufmerksam zu.

Als ich fertig war, sah er mich an.

„Sie haben in wenigen Tagen mehr herausgefunden, als manche Menschen in Monaten.“

„Ich habe nur meine Arbeit gemacht.“

„Nein“, sagte er ruhig. „Sie haben Ihre Arbeit gemacht, obwohl man versucht hat, Sie einzuschüchtern.“

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.

Seit Mauricio mich im Parkhaus angegriffen hatte, hatte ich mich immer wieder gefragt, ob ich zu viel riskierte. Ob es einfacher gewesen wäre, die Unterlagen abzugeben und so zu tun, als hätte ich nichts gesehen.

Doch dann dachte ich an Lucía. An ihre Tochter. An all die Menschen, die möglicherweise durch die verdächtigen Geschäfte geschädigt worden waren.

„Ich möchte, dass alles aufgeklärt wird“, sagte ich. „Aber ich will nicht, dass jemand aufgrund bloßer Vermutungen verurteilt wird.“

„Das will ich auch.“

Alejandro schob mir einen weiteren Ordner hin.

Darin befanden sich Unterlagen über die Eigentumsverhältnisse der beteiligten Unternehmen und eine Liste von Personen, die Zugang zu bestimmten Vertragsinformationen gehabt hatten.

Ein Name tauchte immer wieder auf.

Nicht der von Robles.

Nicht der von Mauricio.

Sondern der Name eines Mannes, der in der Öffentlichkeit als angesehener Philanthrop galt und regelmäßig auf den Titelseiten der Wirtschaftszeitungen erschien.

Alejandro wurde ungewöhnlich still.

„Kennen Sie ihn?“, fragte ich.

„Ja.“

„Wer ist er?“

Alejandro sah mich ernst an.

„Der Mann, der vor fünf Jahren versucht hat, meine Familie aus einem wichtigen Immobiliengeschäft zu drängen.“

Ich betrachtete den Namen erneut.

„Glauben Sie, dass er dahintersteckt?“

„Ich glaube, dass wir einen Grund haben, genauer hinzusehen.“

Er stand auf und reichte mir die Hand.

„Camila, ich kann Ihnen nicht versprechen, dass dieser Fall einfach wird. Aber ich verspreche Ihnen, dass Sie nicht allein entscheiden müssen, wie Sie mit den Drohungen umgehen. Wir werden die zuständigen Stellen einschalten und dafür sorgen, dass Sie Unterstützung bekommen.“

Ich schüttelte seine Hand.

Zum ersten Mal seit jener Nacht fühlte ich mich nicht mehr wie eine Frau, die sich gegen einen übermächtigen Gegner verteidigen musste.

Ich war eine Wirtschaftsprüferin mit einem klaren Auftrag.

Und ich würde die Wahrheit nicht aufgeben.

Doch gerade als ich das Gebäude verlassen wollte, erhielt ich eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.

Es gab keinen Text.

Nur ein Foto.

Darauf war ich zu sehen, wie ich am Vortag das Café mit Alejandro verließ.

Unter dem Bild stand ein einziger Satz:

„Sie sollten sich fragen, warum Herr Santillán Ihnen wirklich hilft.“

Ich blieb mitten auf dem Gehweg stehen.

War Alejandro tatsächlich nur ein Verbündeter?

Oder hatte er eigene Interessen, die er mir bisher verschwiegen hatte?

Ich blickte auf das Foto und erinnerte mich an seinen ernsten Gesichtsausdruck, als er den Namen des Philanthropen gelesen hatte.

Vielleicht war er der stille Wächter gewesen, der mich vor Mauricio gerettet hatte.

Vielleicht wusste er aber auch viel mehr über diesen Fall, als er bisher zugegeben hatte.

Und vielleicht war die größte Gefahr nicht der Mann, der mich im Parkhaus festgehalten hatte.

Sondern derjenige, der genau wusste, wo ich war – und der offenbar jeden meiner Schritte beobachtete.

Fortsetzung folgt in TEIL 3 …